Eigentlich sollte das eine Partykritik werden. Eine einfache, knackige, kulturjournalistische Partykritik über den einjährigen Geburtstag eines Undergroundclubs im aufsteigenden Trendbezirk Neukölln. Aber dann kam der Sonntagmorgen und es kam die Radiosendung...
.. Sonntagmorgen, in einer gewöhnlichen Neuköllner WG in Berlin. Das Radio läuft, ein lokaler Sender. Zwischen zwei Musiktiteln mit dem hehren Ziel, die müden Wochenend-Berliner aufzuwecken, erklärt der Moderator, er habe nun eine "echte Neuköllnerin" am Telefon, die den Hörern ein paar tolle Tipps fürs Wochenende geben wolle. Es sei nämlich ein Neukölln-Reiseführer erschienen ("Der kleine Stadtführer Neukölln" 116 Seiten, Doggerbank Verlag Berlin, Juni 2010, Preis 5,90 Euro - hier die Rezension einer ganz anderen Neuköllnerin).
Gözleme, wie exotisch!
Die Journalistin erzählt den HörerInnen was von schicken Designer-Läden in Nord-Neukölln (danke Zitty ), einem Imbiss auf der Karl-Marx-Straße (Gözleme, hui, wie exotisch), dann Körnerpark-Spaziergang, bla bla bla. Die Neuköllner-WG sitzt vor dem Radio und hat keinen Spaß. Die fünf MitbewohnerInnen (alle zwischen 24 und 30, Studenten, Doktoranden, freischaffende Texterinnen) beschimpfen sowohl die gentrifizierende Journalistin, als auch die ebenfalls gentrifizierungsantreibenden Herausgeber des Ratgebers Neukölln. Und damit natürlich auch sich selbst.
Denn selbstverständlich weiß die WG (und damit auch die freischaffende Texterin), dass auch sie Teil dieses Phänomens sind, das als "Gentrifizierung" in aller Munde ist. Was genau aber meint "Gentrifizierung"? Eine ausführliche und interessante Erklärung findet die Texterin in diesem Interview mit einem der angesehensten Analytiker von Gentrifizierungsprozessen Prof. Dr. Neil Smith.
Es ist was es ist.
In aller Kürze: Gentrifizierung beschreibt komplexe Veränderungsprozesse in Stadtteilen, deren Bewohnerstrukturen entweder durch fehlende Investitionen oder durch bewusst eingesetzte Regulierung seitens des Staates/der Stadt verändert werden. In Berlin sind der Prenzlauer Berg und Mitte Beispiele für Gentrifizierungsprozesse. Nach dem Fall der Mauer wurde hier viel günstiger Wohnraum frei, so dass viele Studenten, Künstler und ähnliches "kreatives Potential" mit verhältnismäßig wenig Kaufkraft dort unterkam.
Durch sie veränderte sich die Infrastruktur in den "heruntergewirtschafteten" Gegenden, Kneipen, Kunstorte, Einkaufsmöglichkeiten entstanden, so dass die Gegend auch für besser verdienende Mieter attraktiv wurde. Ganz stark vereinfacht: Für kaufkräftige Yuppies. Die Folgen dessen kann jeder beobachten, der ohne MacBookPro einen Ausflug zum Prenzelberg wagt.
In Neukölln hat dieser Prozess vor einigen Jahren begonnen, breitet sich aber seit etwa zwei Jahren mehr und mehr aus. Allerspätestens mit dem laktosefreien Café, gleich um die Ecke der Neuköllner WG. Nicht einmal die Rütli Schule in der Weserstraße ist mehr die Schreckensanstalt, die sie vor ein paar Jahren war, sie hat nun ein eigenes Modelabel. Das Label streitet sogar für Neukölln-Pride: "Ein Herz für Neukölln" steht auf weißen Feinrippunterhemden.
Natürlich macht sich die WG Gedanken über ihre eigene Rolle in diesem Spiel. Denn sie alle haben ein Herz für Neukölln und wollen eigentlich nicht dazu beitragen, das in zehn Jahren nur noch Yuppis in trendigen arabischen Feinkostgeschäften einkaufen. Dennoch sind die meisten von ihnen auf die niedrigen Mieten und das billige Essen vor Ort angewiesen, ein WG-Zimmer im Prenzlauer Berg für rund 300 Euro wäre viel zu viel. Und natürlich wollen auch sie das ein oder andere schicke Café in der Nähe haben.
Yeah, gentrify this!
An einem Laden in der Weserstraße, dem Teil von Nord-Neukölln in dem gerade Kneipen und Kunsträume aus dem Boden sprießen wie Löwenzahn im Trailer der bekannten Kinderserie, steht "Gentrify this". Der Spruch taucht an verschiedenen Laternenpfosten und Hauswänden in ganz Neukölln auf. Der Spruch ist eine rotzige Antwort auf die Yuppisierung, die dank lactosefreier Cafés über Neukölln zu kommen droht. Wird man dann noch eine Falafeltasche für zwei Euro bekommen? Eine Pizza für drei Euro? Wann werden die Mieten beginnen wirklich zu steigen.?
Natürlich hat sich das Weggehen in Neukölln geändert, das findet auch die Neuköllner-WG gut. Zum Tanzen musste man noch vor zwei Jahren für etwas Abwechslung in einen anderen Stadtteil gehen, jetzt gibt es verschiedene kleinere Gelegenheiten, unter anderem den geheimnisvollen Undergroundclub dessen Name hier nicht genannt wird.
Dieser Undergroundclub ist nun ein Jahr alt geworden und die WG war gesammelt dort. Der Club versteckt sich in einem ausgebauten Keller: Er besteht vor allem aus einigen verranzten Couches und drei Theken, einem DJ-Pult und selbstgemachter Limonade (mit oder ohne Wodka), des weiteren einem gemischt-homogenem Publikum (große Brillen, Hüte, Bärte, aber auch weniger einheitlich stylische Leute) sowie einer entspannten Musikmischung. Die fairen Preise kommen natürlich auch noch dazu.
Der Underground, das Geheimnis
Das wirklich besondere an diesem Club und das, was ihn von vielen anderen gentrifizierenden Locations unterscheidet, ist das Geheimnis, das er um sich selbst macht. Im Netz sind weder Termine noch DJs zu finden, man muss Myspace-Freund werden, um zu sehen, was dort gepostet wird. Und bei jedem Eintritt zahlt man eine kleine Gebühr und ist für einen Abend Mitglied im "e.V.". Mitglied im Verein der Gentrifizierer, ja, irgendwie auch. Aber auch Teil von etwas, das eigentlich nicht Teil der Gentrifizierung sein will, das lieber unter- und hintergründig agieren will. Auf jeden Fall Teil einer größeren Bewegung, über die man auch in einer Partynacht nicht einfach hinweggehen kann. Darum keine Namensnennung, sondern die Feier eines Geheimnisses. Und darum kann eine zugezogene Neuköllner Texterin darüber auch nicht wirklich eine Partykritik schreiben. Schließlich kauft sie auch keine Designer-Kleidung in Nord-Neukölln. Das kann sie sich nämlich nicht leisten.
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Sehr schöner Artikel.
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