Geschichte wird gemacht

Dr. Jörg Skriebeleit Foto: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Für ihre Ausstellung „was bleibt – Nachwirkungen des Konzentrationslagers Flossenbürg“ erhält die KZ-Gedenkstätte den Bayerischen Museumspreis 2011. Anlass für globe-M, den Leiter der Gedenkstätte Dr. Jörg Skriebeleit zu fragen, wie „Geschichte gemacht wird“.

globe-M: In einem Vortrag haben Sie die Meinung vertreten, Geschichte werde inszeniert, nicht nur durch die Medien, sondern auch durch Gedenkstätten. Dabei haben Sie den Song der Neuen Deutsche Welle Band „Fehlfarben“ zitiert: „Geschichte wird gemacht“. Wie haben Sie in Ihren beiden Ausstellungen „Geschichte gemacht“?

Jörg Skriebeleit: Wir haben insbesondere in unserer zweiten Ausstellung - für die wir vor allem prämiert wurden - versucht, für den Besucher lesbar zu machen, dass sich Geschichtsbilder verändern und hierbei auch viele Akteure eine Rolle spielen: Ganz konkret, dass die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus kurz nach der Befreiung eine völlig andere war, von anderen Gruppen getragen wurde, auch eine ganz andere Stoßrichtung hatte, als die Erinnerung und der Umgang mit diesen Orten Ende der 50er Jahren, Mitte der 90er Jahre oder heute. Das war unsere intellektuelle historisch-wissenschaftliche Idee, unser Anspruch, dies darzustellen. Wir haben versucht das, wie ich meine, mit einem relativ einzigartigen, radikaldemokratischen Konzept zu verwirklichen: Die Konstruktion von Geschichte, die Veränderung von Geschichtsbildern und die verschiedenen Akteure lesbar zu machen.
Klingt sehr anspruchsvoll, letztlich muss der Besucher beurteilen, ob uns dieser hehre Anspruch in der Ausstellung gelungen ist.

globe-M: Welchen Stellenwert hat dieser Preis für Sie?

Jörg Skriebeleit: Wir freuen uns unglaublich über diesen Preis, auch deshalb, weil dadurch anerkannt wird, dass Gedenkstätten eine Funktion als Museen haben. Wir stehen auf dem Standpunkt, dass Gedenkstätten vielfältige Orte mit ganz unterschiedlichen Bedeutungen sind. Sie sind aber auch, vor allem mit zunehmender zeitlicher Distanz, zeitgeschichtliche Museen: nicht ausschließlich, nicht überwiegend, aber auch.
Und wir freuen uns, dass dieses Ausstellungskonzept, das so auch an anderen Orten und zu anderen Themen, beispielsweise zur Geschichte der Vertriebenen oder zur SED-Diktatur, eingesetzt werden könnte, anerkannt wurde, und zwar einstimmig.
Wir freuen uns über die Anerkennung der Leistung, gleichzeitig hebt uns das noch einmal in einen ganz anderen Wahrnehmungskontext. So haben wir gleich neue Wechselausstellungen gemacht, zum Beispiel eine Ausstellung zweier renommierter Münchener Fotokünstlerinnen mit Portraits von ehemaligen Häftlingen. Wir wollen sehr offensiv Erinnerung, Gedenken und Geschichtslernen für neue Wahrnehmungsgruppen auf neue Weise erschließen und dadurch das Thema aktualisieren. Das wird in fünf, zehn Jahren ganz anders aussehen. In fünf Jahren würde man diese Ausstellung vielleicht nicht mehr prämieren, vielleicht würden wir sie sogar selber ganz anders machen.

globe-M: Die Haltung der Kommune Flossenbürg zum ehemaligen Konzentrationslager hat sich im Laufe der Zeit „vom Stigma zum Standortfaktor“ gewandelt. Wie ist das Verhältnis der Bevölkerung gegenüber der Gedenkstätte heute?

Jörg Skriebeleit: Auf dieses Zitat erhebe ich durchaus Copyright. Das Verhältnis der Bevölkerung und der Kommune hat sich über die Jahrzehnte sehr gewandelt. Und das würde ich tatsächlich unter diesem Stichwort „vom Stigma zum Standortfaktor“ fassen wollen.
Der Umgang der Kommune Flossenbürg mit der Vergangenheit ist insofern besonders, weil sich nachweisen lässt, dass mit dem Argument „Wir haben jetzt eine Gedenkstätte“ versucht wurde, politisches Kapital zu schlagen: Von der Rückerlangung kommunaler Selbstständigkeit bis hin zur Finanzierung eines Parkplatzes, der angeblich auch von den Besuchern der Gedenkstätte genutzt wird, obwohl der anderthalb Kilometer entfernt ist.
Was die Bevölkerung betrifft, gibt es meiner Meinung nach drei Großgruppen: diejenigen, die uns gegenüber Sympathie und Interesse zeigen, dann die Indifferenten – der vielleicht größte Teil – die wissen, dass es hier ein KZ gab, sich als Flossenbürger aber lieber in den örtlichen Vereinen engagieren und sich nicht täglich damit konfrontieren wollen, was ich absolut legitim finde, und es gibt die dritte Gruppe von rund zehn bis 15 Prozent, die die Gedenkstätten schon immer blöd fand. Dadurch, dass wir als Gedenkstätte erfolgreich sind, tolle Ausstellungen machen und immer mehr Besucher kommen, reimplantieren wir ja in den Ort dieses Stigma: Das alte Konzept, die Gedenkstätte als Parklandschaft zu präsentieren und politisch zu nutzen, geht nicht mehr auf; die Besucher, die jetzt kommen, fragen sich natürlich, „he, wie kann man nur an einem solchen Ort leben?“. Fragen, die die meisten Bewohner in Flossenbürg längst für sich beantwortet haben, werden neu aufgeworfen. Aber ein gewisser Prozentsatz fand das immer schon blöd und artikuliert das auch an Stammtischen.

globe-M: Gibt es gerade nach dem Preis auch so etwas wie Stolz oder mehr Sympathie?

Jörg Skriebeleit: Ich würde nicht sagen Sympathie, aber Anerkennung. Wir haben das sehr deutlich gemerkt bei der Eröffnung der ersten Ausstellung zur Lagergeschichte 2007: Der Bayerische Ministerpräsident Beckstein, der damalige Außenminister Steinmeier und Juschtschenko, damals Ministerpräsident der Ukraine, waren da. Also, eine Form der Selbstaufwertung des öffentlichen, des örtlichen Bewusstseins durch so ein Großereignis. Das hat man gemerkt.
Interessanterweise ist es bei der zweiten Ausstellung schwieriger. Sie ist auch bei denen, die uns wohl gesonnen sind, umstrittener. Meine These ist: Nach über 60 Jahren weiß man, wie man KZ-Geschichte erzählt, das tut nicht mehr weh: Da weiß man, wer die Guten und die Bösen sind, obwohl wir in der Ausstellung zur Lagergeschichte auch sehr kritisch mit der Rolle des Ortes umgehen – ohne anzuklagen, aber um zu erklären. Die zweite Ausstellung über die Zeit nach 1945 zerstört gewisse Mythen. In Flossenbürg hatte man sich in dem Mythos „Wir sind auch Opfer des Konzentrationslagers“ behaglich eingerichtet, und der wird durch diese Rezeptionsausstellung ziemlich zerlegt. Das heißt, wir haben auch negative Reaktionen erhalten von Leuten, die uns sehr wohl gesonnen sind.
Der Preis erkennt unsere kuratorische Leistung an. Und man hört relativ häufig, gerade von denen, die von den Inhalten etwas enttäuscht sind: „Na ja, die Ausstellung müsst’ eigentlich in Berlin oder München steh’n“ – also in einem großstädtischen Umfeld, weil die Gestaltung etwas außergewöhnlich ist – „aber für Flossenbürg ist des zu schwierig.“

globe-M: Worauf wurde bei der Konzeption der neuen Ausstellung besonderer Wert gelegt?

Jörg Skriebeleit: Wir haben uns überlegt, wie erzählt man „die Geschichte danach“: Was bleibt von einem KZ? Es bleibt ein Ort übrig, wo dieses Lager stand, es bleiben Opfer und ihre Angehörigen, es bleiben Täter – konkrete Täter, aber auch eine Tätergesellschaft, und es bleiben Formen der Erinnerung. Diese vier Leitfragen haben wir sehr konsequent in sieben Zeitperioden eingebettet.
Bei der Ausschreibung haben wir ganz bewusst Büros eingeladen, die nicht ausschließlich Gedenkstätten oder NS-Ausstellungen gestaltet haben. Wir wollten die bei NS-Ausstellungen übliche Gestaltung mit ihren Schwarzweiß-Fotos und ihrer Textlastigkeit schon im Ansatz durchbrechen.
Wir haben auch explizit Technikkompetenz verlangt, aber nicht um herumzuspielen. Die Jury hat sich dann einstimmig für den Entwurf von Bertron.Schwarz.Frey entschieden, weil er in mehrer Hinsicht sehr stimmig ist; also unsere Idee mit einem relativ anspruchsvollen, innovativen und provokativen Medienkonzept umsetzt.

globe-M: Wie sieht das genau aus?

Jörg Skriebeleit: Vitrinen stehen wie ein Schachbrett in einem völlig offenen Raum. Darüber sind Hörglocken, die man nicht selber steuern kann, sondern die Ausstellungsstücke in den Vitrinen kommentieren. Die Zeitperioden werden durch eine riesengroße Medienwand strukturiert, mit 24 Monitoren, die Zeitgeschichte demonstrieren. Also ein Medienkonzept, das man so in zeithistorischen Ausstellungen nicht findet, eher in Kunstausstellungen.

globe-M: Sie haben angesprochen, dass Sie ganz bewusst auf technische Spielereien verzichtet hätten. Ließen sich nicht gerade durch neue Medien Jugendliche interessieren?

Jörg Skriebeleit: Wir beobachten sehr genau technische Veränderungen. Es gibt inzwischen auch Tagungen über Web 2.0 und Erinnerungskultur. Wir sind gerade dabei, für ein Außenlager von Flossenbürg ein Ideenkonzept zu entwickeln, wobei es auch um Apps geht. Also, wie macht man das Verschwundene im Stadtraum wieder sichtbar. Aber wir wollen Technik nur dann einsetzen, wenn es inhaltlich Sinn macht. Alles mit Druckknöpfen vollzuhauen, wo die Kids dann draufdrücken, aber gar nicht schauen, was eigentlich passiert, macht keinen Sinn. Wir springen nicht über jedes technische Stöckchen, das man uns hinhält. Gleichwohl gibt es Möglichkeiten, wo das ganz großen Sinn macht.

globe-M: Was haben Sie und Ihr Team von Ausstellungen anderer Gedenkstätten oder historischen Museen gelernt oder was wollten Sie vermeiden?

Jörg Skriebeleit: Wir haben uns Anregungen geholt und sehr bewusst darauf geachtet, welche Fehler wir nicht machen wollen. Bei der Ausstellung zur Lagergeschichte haben wir uns sehr klar dafür entschieden, nicht wie üblich bei der Krise der Weimarer Republik anzufangen. Auch hier Prägnanzbildung: Wir spitzen zu und wir schauen, welches Thema wollen wir erzählen und wie ziehen wir es auf: Was den Einsatz von Medien angeht: Nicht überall muss ein Monitor stehen, sondern nur da, wo es Sinn macht; wir übernehmen nicht die sonst übliche düstere Gestaltung; wir gehen mit großformatigen Bildern, mit Erschütterungsszenarien zurückhaltend um.
Am Interessantesten für uns waren die Überlegungen der Gedenkstätte Buchenwald, die damals gerade ihre Ausstellungen neu konzeptioniert hat. Die sind sehr weit in der Konzeption von Ausstellungsräumen, also diesem sinnlichen Aspekt.
Wir haben uns einige Ideen in Ausstellungsteilen der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau geholt, wo es darum ging – ich sag das ganz bewusst – wie inszenieren wir ein historisches Relikt oder einen Raum so, dass das, was hier passiert ist, deutlich wird, ohne viele Worte verlieren zu müssen. Nehmen wir mal konkret das Häftlingsbad, diesen zentralen Raum der Entwürdigung, wo Menschen zu Nummern wurden. Wie schaffen wir es in der Ausstellung, dieses Prinzip der Entwürdigung umzudrehen, so dass aus Nummern wieder Individuen mit Persönlichkeiten werden? Diese Anregung habe ich beispielsweise aus Birkenau mitgenommen. Letztlich haben wir aber immer versucht, einen eigenen Weg zu finden.

globe-M: Wie ist die Reaktion der Besucher, insbesondere der jüngeren, auf die neue Ausstellung?

Jörg Skriebeleit: Die Reaktion ist sehr positiv, aber sie ist ausbaufähig. Man muss Zeit haben für diese Ausstellung. Schulengruppen, die hier nur einen Vormittag sind und vor allem wegen der Lagergeschichte kommen, nehmen die neue Ausstellung allenfalls am Rande mit. Sie haben nicht die Zeit und die Muße, sich auf das Konzept einzulassen.
Wir machen sehr, sehr gute Erfahrungen mit Gruppen, die länger da sind oder dieses Angebot speziell buchen. Diese Besucher nutzen dann sehr gezielt bestimmte Teile der Ausstellung. Wir haben ja versucht, in die Ausstellung Überreste einzubeziehen, die sich auf dem Gedenkstättengelände befinden. Zum Beispiel findet man in der Ausstellung den Entwurf der Gedächtniskapelle, die nach der Befreiung auf dem Gelände gebaut wurde. Daran kann man sehr schön erzählen, wie 1945 die Dorfgesellschaft und die bayerische Gesellschaft KZ-Häftlinge interpretiert hat, nämlich als Kriminelle, die sich selbst gegenseitig misshandelt haben.
Wahnsinnig spannend ist, dass wir völlig neue Besuchergruppen durch diese Ausstellung bekommen, zum Beispiel Juristen. Eine Frage ist ja der Umgang mit den Tätern, was so in keiner anderen Ausstellung zu finden ist, abgesehen von der Ausstellung zum Nürnberger Prozess. Aber hier geht es um fast 60 Jahre deutscher Rechtsgeschichte und die Auseinandersetzung mit den Tätern.

globe-M: Ist das Interesse an der NS-Zeit noch ungebrochen oder gibt es im Gegenteil eine Erosion des Geschichtsbewusstseins?

Jörg Skriebeleit: Ich glaube, dass das Interesse auf sehr hohem Niveau stagniert. Das besagen alle Umfragen, ob es nun das Medieninteresse oder Buchverkäufe betrifft: „Hitler sells“ – nach wie vor. Das Interesse ist vorhanden, auch bei Jüngeren. Das ist vielleicht nicht mehr genau mit den Fragen verbunden, die wir im Kopf haben und die wir gerne vermitteln, aber das Interesse bleibt auf hohem Niveau. Aber da bleibt es auch erst mal.
Für Flossenbürg können wir sagen, das Interesse steigt, weil wir wirklich sehr viel höhere Besucherzahlen haben. Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: ganz banal, vorher war nichts zu sehen, jetzt kriegt man hier ein tolles Angebot, der Ort ist spannend und interessant.
Im kulturwissenschaftlichen Sinne gibt es, glaube ich, schon eine Erosion des Geschichtsbewusstseins. Und genau da setzt ja unsere Ausstellung an, genau das wollen wir ja zeigen: Dass sich Geschichtsbewusstsein und Haltungen zur Geschichte verändern, und zwar nicht nur über die letzten 60 Jahre, sondern auch künftig. Insofern ist das eine Ausstellung, die weit über das Thema Flossenbürg und weit über das Thema Nationalsozialismus hinausgeht.

globe-M: Sie hatten es schon kurz angesprochen; dennoch, wie sehen Sie das Geschichtsbewusstsein der jüngeren Generation, die keine Gelegenheit mehr hat, mit Zeitzeugen auch in der eigenen Familie zu diskutieren? Früher hieß es ja „aus der Geschichte lernen“.

Jörg Skriebeleit: Ja, ja das waren die 80er Jahre, so kämpferisch.

globe-M: Ist das vorbei?

Jörg Skriebeleit: Ja, das ist definitiv vorbei, zumindest für die Epoche, über die wir gerade sprechen. Ich würde nicht sagen, dass für diese Generation die NS-Zeit soweit weg ist wie der Punische Krieg, aber fast so weit weg wie die Sozialreformen Bismarcks, also als historisches Ereignis ganz weit zurück liegt. Aber die NS-Zeit emotionalisiert immer noch. Vermutlich nicht durch uns oder die Schule, sondern durch die Medien. Die Jugendlichen kriegen mit, dass es „das Böse“ gab. Es funktioniert auf der ersten Ebene über „das Böse“ gegen „das Gute“. Der Nationalsozialismus hat ein viel eindeutigeres Label als beispielsweise die DDR-Geschichte. Das ist in der Kultur der Bundesrepublik als Nachfolgestaat sehr tief verankert, in unserem nationalen kulturellen Bewusstsein. Und das kriegen junge Generationen mit. Die Unmittelbarkeit wird weniger, die über Familienerzählungen, über Zeitzeugen gegeben war. Dadurch wird die Authentizität der historischen Orte wie Dachau, Flossenbürg oder dem Reichstagspartei-Gelände Nürnberg noch mal interessanter: Da hat sich diese Geschichte ereignet, da ist das passiert, wovon ich in der Schule oder im Fernsehen gehört habe.

globe-M: Also bewirkt dieser Kampf Gut gegen Böse die Emotionalisierung?

Jörg Skriebeleit: Ja, ich glaube schon, auch wenn das jetzt sehr einfach formuliert ist. Aber ich glaube schon, dass das ein Faktor ist, weil es um sehr starke Pole geht. Der NS-Staat war einfach das Unrechtsregime schlechthin. Historisch gesehen musste sich dieses Gut gegen Böse-Label erst entwickeln. Nach 1945 war ein Großteil der Täter in die Mehrheitsgesellschaft integriert. Es war eine Minderheit, die sagte, das sind „die Bösen“ und die sind jetzt wieder in Positionen. Das veränderte sich erst im Laufe von Generationen.

globe-M: Vor welchen Herausforderungen steht „Erinnern“ heute?

Jörg Skriebeleit: Für jüngere Generationen oder schon für uns ist dieses Pathos der 80er Jahre des „Nie wieder“ schwer nachvollziehbar; das ist zur leeren Worthülse verkommen.
Ich glaube, die große Herausforderung – der Kollege Volkhard Knigge (Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, Anm. d. Red.) hat das mal sehr schön ausgedrückt – ist der „Abschied von der Erinnerung“. Er meinte eigentlich Abschied vom Gedenken. Wir müssen dieses Thema, das uns allen so wichtig ist, weil es das Menschheitsverbrechen schlechthin ist, und das singulär ist, das betone ich ausdrücklich, obwohl es viele Großverbrechen seither gegeben hat und leider noch geben wird, aktualisieren, verdeutlichen und neue Wege und Fragen finden. Nur dann wird es uns gelingen, dieses hohe Niveau an Interesse zu halten. Wenn wir in Pathos-Formeln und ritualisierten Ausstellungsgestaltungen verharren, wird das Interesse weniger, da bin ich mir völlig sicher. Das ist ein schwieriger, ein anspruchsvoller Weg, aber auch eine sehr spannende Herausforderung.

globe-M: Letzte Frage: Was haben Sie mit dem Preisgeld vor? Gedenkstätten müssen ja den Mangel verwalten und haben immer großen Investitionsbedarf. Oder wird jetzt erst einmal richtig gefeiert?

Jörg Skriebeleit: Natürlich wird richtig gefeiert, und zwar mehrfach! Aber das wird nicht von unserem Preisgeld und auch nicht von unserem offiziellen Etat bezahlt. 20 000 Euro sind ja eine Menge Holz. Für uns war von Anfang an klar, dass wir das Geld in weitere Innovationen investieren. Wir wollen weiter pfiffige Wechselausstellungen machen und damit in eine ganz andere Richtung gehen, andere Genre, als in Gedenkstätten bisher üblich. Nicht um der Provokation, sondern um der Innovation willen. Aber wir wollen schon weiterhin unseren Ruf als „Jungtürken“ der Gedenkstätten-Szene verteidigen.
 

globe-M: Herr Skriebeleit, vielen Dank für das Gespräch

Das Gespräch führte Michael Haas

Jörg Skriebeleit, geboren 1968, ist seit 1999 Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Er veröffentlichte zahlreiche Publikationen zur Erinnerungskultur und zur Geschichte des Konzentrationslagers Flossenbürg.

Foto: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Weitere Informationen

Offizielle Website KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

 
 

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