„Gewaltig verschachtelt und verstreut“

Expertenstimme bezieht sich auf: 

Schon beim Betreten des Saals verlässt man die Welt und taucht in einen ätherischen Zwischenraum ein. Weiße Bühnenelemente gleiten über den weißen Bühnenboden, Menschen gekleidet in sanften Erdtönen, bisweilen mit einem Hauch Orient, pilgern die Bühnenelemente auf und ab, komponieren sich auf einer Art Mauer zu einem poetischen Bild und sprechen dazu Melville'sche Verse.

„Clarel“, der unbekannteste Text des amerikanischen Autors Herman Melville, erzählt die Geschichte einer religösen Suche. Der Theologiestudent Clarel reist nach Palestina. Von Jerusalem aus pilgert er mit einigen Gefährten durch die Wüste bis ans Schwarze Meer. Auf seiner Reise trifft er Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen, er wird mit existenziellen Nöten konfrontiert, mit Hunger, Hitze, aber immer wieder auch mit der Schönheit der wilden Landschaft. Schließlich kehrt er zurück nach Jerusalem, wo ihn ein letzter Schicksalsschlag erwartet.

Ein bewundernswert flexibles Ensemble

In der Inszenierung von Christian Bertram erlebte der fast vergessene Text seine Uraufführung in der Max-Taut-Aula in Berlin Lichtenberg. Die Inszenierung verlegt die Handlung in eine von der Welt abgehobene Sphäre. Sie besteht aus vier Teilen, die die Stationen der Reise kennzeichnen: Jerusalem, Die Wüste, Gebirge und Bethlehem. Dazwischen werden auf die Leinwand hinter der Bühne Bilder und Zwischenüberschriften projiziert, die das Stück gliedern.

In einer großartigen Ensembleleistung werden fast zwei Dutzend Figuren auf fünf Schauspieler verteilt (Arnim Beutel, Judith Grassinger, Stefan Peetz, Matthias Schuppli, Jochen Könnecke). In fliegendem Wechsel werden hinter der Bühne Kostüm und Rolle getauscht und die Schauspieler schalten perfekt auf ihre neue Funktion um. Es sind nicht wirklich Charaktere, die dargestellt werden, jede auftretende Figur repräsentiert etwas: Eine geistige Strömung, eine Idee, ein Haltung der Welt gegenüber. Die immer wieder schön komponierten Bilder, in denen die Schauspieler ihre Figuren auf der weißen Mauer arrangieren, bilden die Basis für eine mythologische Parabel.

Ätherisches Erzähltheater mit leisen Tönen

Als eine solche Parabel ist das Stück mehr Erzähltheater als psychologische Figurenentwicklung, der Plot denkbar schlicht. Er wird auch ebenso schlicht präsentiert. Der komplexe Verstext wird meist leise gesprochen, ohne große Gefühlsschwankungen oder Betonungen – auch das trägt viel zu dem ätherischen Grundeindruck des ganzen bei. Oft wird in Mauerschau etwas beschrieben, ein Ort in der Wüste, ein Ereignis, eine Entwicklung. Das hält die Handlung immer ein Stück auf Distanz.
Die theatrale Interpretation von „Clarel“ will den mythologischen Orten, die abgegrast werden, Raum im Kopf bieten, so, dass es bisweilen fast zum Hörspiel wird. Sie will den Text als eine Parabel erzählen, auf die das Gestern wie das Heute projeziert werden können.

Atmosphäre hat einen Preis

Allerdings zahlt die Inszenierung auch ihren Preis für die ätherische Atmosphäre: Auf der einen Seite verhindert sie eine Bindung an die Figuren. Die angedeutete Liebesgeschichte zwischen Clarel und der Jüdin Ruth, die er in Jerusalem kennen lernt, bleibt reine Setzung. Diese Distanz hält leider auch das Publikum auf Entfernung: Es entstehen ab und an doch Längen.
Auf der anderen Seite wird wegen der abgehobenen Interpretation der Gegenwartsbezug, der in Pressetexten und Vorankündigungen immer wieder erwähnt wird, nur bedingt hergestellt.

Der Text ist zu verschachtelt und trägt zu viele Verweise in sich – ohne ein Theologiestudium fällt es schwer, alles zu verstehen und wenn möglich, auch zu abstrahieren.
Die Parabel wird so leise erzählt, dass es schwer fällt, die Zwischentöne und Details aufzunehmen. Hier hätten Schwerpunkte oder klarere Metaphern geholfen, eine stärkere Bindung an die Gegenwart herzustellen – der Text bietet diese Chance auf jeden Fall.

Eine Chance auf Humor: Der Esel!

Auch die Inszenierung hätte mehr Chancen gehabt, das Ätherische zurück in die Realität zu holen: Clarels Spiel mit dem Esel, einem Stab, an dessen Ende ein Eselskopf auf und ab wackelt, zeigt Momente von Humor, die das Ganze etwas leichter machen hätten können.
Ein an sich schon komplexes Stück so abgehoben zu inszenieren macht es für sein Publikum nicht gerade zu leichter Kost. Das Stück ist eine Parabel, ist als solche inszeniert und auch gut inszeniert – nur geht die Komplexität leider verloren und die Aufmerksamkeit schwindet zwischen immer wieder gleichbleibendem ätherischen Nachdenken. Etwas mehr Erdung hätte Clarel und seinen Reisegefährten gut getan.
 

Weitere Aufführungen:
19., 20. und 21. März 2010, 19.30 Uhr – Max-Taut-Aula Berlin

Samstagabend, 20. März 2010: Herman Melville Special
16.00 Uhr: Bartleby, Film von Klaus Wyborny nach Herman Melville (BRD, 1979)
17.30 Uhr: Podiumsgespräch „Melville, Amerika und der Mythos Palästina“

Mit: Prof. Gudrun Krämer, Dr. Gesine Palmer, Prof. Heinz Ickstadt, Prof. Richard Faber, Rainer G. Schmidt und Christian Bertram.

Max-Taut-Aula
Fischerstraße 36 / Schlichtallee
10317 Berlin‐Lichtenberg
Direkt am S‐Bahnhof Nöldnerplatz S5, S7, S75 (15 Minuten ab Alexanderplatz)

Karten: 16,00 / 9,00 Euro

Vorbestellungen und Informationen:(030) 577 97 257 Mail: tickets@medium‐taut.de.

Zum Vorverkauf bei HEKTICKET klicken Sie bitte hier: ‐ www.hekticket.de – oder unter (030) 230 99 30.

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