3.707.050 Aufrufe seit April 2008 – und täglich werden es mehr. Eine Zahl, von der andere Musiker bei YouTube nur träumen können. Und dabei war das gar nicht beabsichtigt.
Als Jasper März seinen HDL-Song, der die Chat-Sprache persifliert, bei dem Internet-Videoportal einstellte, ahnte er nicht, wie sehr sich sein Leben verändern würde. Globe-M trifft den gitarrenbegabten Mitzwanziger vor seinem Konzert in Kiel,
welches Teil der Ohrenpost-Tour zu dem zweiten Album ist.
Und stört beim Essen. Jasper hat einen festen Händedruck und wirkt auch außerhalb des Internets eher wie der sympathische Nachbarsjunge als wie ein substanzloser Castingsuperstar. Was auf den ersten Blick natürlich irritiert, ist die Farbe – sind doch seine YouTube-Videos, mit denen er sich eine riesige Popularität ersungen und erspielt hat, alle in schwarzweiß gehalten. Und auch die geringelte Mütze, sein Markenzeichen, fehlt Backstage.
Wie gut ihm die Farbe und damit die Realität und die Bühne steht, werden die Kieler in wenigen Stunden erleben. Denn was schon im Internet hören- und sehenswert ist, klingt auf der Bühne noch viel besser. Und durch seine charmant-lapidare Anmoderation der Lieder bekommt man den Eindruck, als wäre da zuerst der Bühnenmusiker gewesen und dann erst der Internetstar.
Während man sich bei manch anderen Internetphänomenen wünschte, dass sie nie den Weg aus der virtuellen Welt gefunden hätten, wäre dies bei Jasper ein Verlust gewesen. Wie er den Weg aus dem Netz auf die Bühne fand, erzählt er, während sein Essen kalt wird.
Globe-M: Was ist da damals passiert, bei YouTube, zu Beginn deiner Karriere?
Jasper: Zwei Produzenten, die schon öfters etwas gemeinsam gemacht hatten, haben mich bei YouTube angeschrieben und gefragt, ob ich Lust hätte, etwas aufzunehmen. Wir haben uns getroffen und waren uns auf Anhieb sympathisch. Und dann haben wir gemeinsam überlegt, was daraus werden kann, ich habe denen noch mehr Material gezeigt und dann haben wir gemeinsam eine erste Platte aufgenommen – und das fertige Album dann ein paar Plattenfirmen angeboten.
Globe-M: Hattest du das geplant? Oder auch nur erwartet, als du dein erstes Video eingestellt hast?
Jasper: Nein, gar nicht. Am Anfang hatte ich noch sehr viele Videos eingestellt, aber nicht mit der Erwartung, dass es so viele Leute anklicken. Ich kannte das Medium vorher nicht. Ich hatte erfahren, dass man bei YouTube eigene Videos einstellen kann und mir gedacht, okay, für ein paar Freunde, die nicht mehr nebenan wohnen, kann man das ja machen. Und durch den HDL-Song ist das dann so ein bisschen ins Rollen gekommen.
Globe-M: So ein bisschen ist gut! Weiß du, warum das passiert ist? Warum genau dieser Song so viel besser bei YouTube funktioniert hat als viele andere Dinge?
Jasper: Zunächst denke ich, weil er ein sehr internetaffines Thema hat und ich damit anscheinend den Nerv der Zeit getroffen habe. Und dann ist es auch ein Text, der etwas gegen das Internet sagt, gegen diese Chatsprache. Aber das Internet hat dann wiederum sehr geholfen, dass der sich so verbreitet hat. Der Song wurde dann wohl durch Facebook und was es da so alles an sozialen Netzwerken gibt, weitergeschickt und dann gab es so einen Schneeballeffekt – immer mehr Menschen haben darauf geklickt. Das habe ich dann erst sehr viel später gemerkt, als ich den Titel bei Google eingegeben habe – der Song ist auf zahlreichen anderen Seiten verlinkt.
Globe-M: Ich habe das Gefühl, bei deinen Songtexten herauszuhören, dass du aus der Poetryslam-Ecke kommst. Hast du so etwas auch gemacht?
Jasper: Also, Poetryslams jetzt nicht, aber ich habe mit Gedichten angefangen. Ich hatte neulich einen Auftritt mit Poetry-Slammern gemeinsam und das funktioniert sehr gut zusammen. Nicht nur mit den Dingen, die wir auf der Bühne machen, sondern auch vom Publikum. Es kann schon gut sein, dass es da Überschneidungspunkte gibt in der Art zu texten: Mit Sprachwitz zu arbeiten. Viel Text unterzubringen.
Globe-M: Hast du vorher auch schon Songs geschrieben?
Jasper: Ja, aber eher nur für mich. Und YouTube und diese Resonanz war dann schon der Anstoß, an dem ich gemerkt habe, oh, da draußen sind Leute, denen gefallen meine Songs. Deswegen würde ich auch nicht sagen, dass es jetzt ein großer Traum war, da raus zu gehen und Musik zu machen. Jetzt finde ich es natürlich auch schön, dass es Leuten gefällt und habe keine Scheu, meine Lieder vor Publikum zu spielen. Eher im Gegenteil, live spielen ist toll.
Globe-M: Wenn du all das rückblickend betrachtest – ist es gut, dass das alles so gekommen ist? Eigentlich ist es ja eher unvernünftig, Musiker zu werden ...
Jasper: Also, nein, ich habe kein schlechtes Gefühl. Aber ich halte mir auch noch offen, etwas anderes zu machen. Auch wenn es gerade sehr gut läuft. Ich möchte aber nicht in den Zugzwang geraten, Musik machen zu müssen. Und nebenher klingt so negativ, aber ...
Globe-M: Kann man das überhaupt nebenher machen?
Jasper: Ja, ich denke schon. Es gibt ja viele Musiker, die nebenher zum Beispiel ein Studium machen - weil sie vom Musikmachen dauerhaft nicht leben können, aber weil ihr Herz sehr daran hängt. Das sind sogar die meisten.
Globe-M: Leidet dann nicht die Musik drunter? Oder kannst du so etwas noch nicht abschätzen?
Jasper: Ich glaube, dass du da die Balance finden musst. Und wenn du das Gefühl hast, dass du auf dem richtigen Weg bist ... Ich denke, es kann eine Chance sein. Wenn du Vollzeitmusiker bist und schon knappst, weil es nicht so gut läuft und du schon Sachen machen musst, um zu überleben, die dir aber eigentlich gegen den Strich gehen, dann ist das schlimmer als wenn du gleichzeitig zum Musikersein etwas machst, was dir Sicherheit gibt und dafür kannst du als Musiker genau das machen, was dir Spaß macht. Und das ist, glaube ich, der gesündere Weg auf Dauer. Aber: Wenn man voll davon leben kann und auch mit einer gewissen Unsicherheit leben kann und damit leben kann, nicht zu wissen, was in zehn Jahren ist, dann ist das natürlich auch ein Weg. Aber grundsätzlich glaube ich nicht, dass die Qualität darunter leiden muss, wenn man gleichzeitig noch etwas anderes macht. Das kann auch immer neue Impulse geben.
Globe-M: Kommst du zum Songschreiben, wenn du viel unterwegs bist? Jasper: Ich merke, dass ich eher Songs schreibe, wenn ich ein bisschen unter Druck bin. Jetzt nicht in einer Bar zwischendurch, aber wenn man mal zwei Wochen Urlaub hat und denkt: So, jetzt könnte ich mal schön ein Lied schreiben, dann kommen meistens nicht so kreative Ideen. Die kommen meistens eher, wenn man so ein bisschen drin ist im Alltag und sich abends noch mal hinsetzt mit der Gitarre.
Globe-M: Ich habe letzte Woche einen Musiker interviewt, der sich seine Songtextnotizen in eine SMS tippt. Hast du auch eine eigene Taktik zum Texten? Und: Hast du ein Notizbuch?
Jasper: Ich habe natürlich auch schon mal etwas in eine SMS getippt, aber das ist nicht der Regelfall. Ein Notizbuch habe ich auch nicht. Meistens merke ich aber auch, dass es am Ende flüssiger klingt, wenn man die Songs an einem Stück schreibt. Und einzelne Fragmente von einem Lied, die schreibe ich mir eher nicht auf. Wenn mir was in den Sinn kommt, behalte ich das im Kopf. Weil ich gemerkt habe: Wenn es richtig gut ist, dann festigt sich das ganz von selbst. Dann behalte ich es auch. Es passiert selten, dass ich denke: Oh, wie war das noch, ich hatte doch so eine gute Zeile.
Globe-M: Produzierst du viel, was du nicht gebrauchen kannst?
Jasper: Nein, eher nicht. Man streicht schon mal wieder was weg, aber ich habe jetzt nicht ein Lied mit zehn Strophen und streiche das auf drei runter oder so. Und ich schreibe auch selten Lieder, die ich wieder komplett verwerfe. Ich habe manchmal Anfänge, mit denen komme ich nicht weiter. Aber die besten Dinge kommen an einem Stück und die werden dann auch so genommen.
Globe-M: Hast Du diesen typischen Konflikt zwischen Künstlerpersönlichkeit und dir selbst? Ist das zu trennen: Jasper der Mensch und Jasper der Künstler?
Jasper: Ich schaffe das eigentlich recht gut. Ich habe damit schon ganz früh im Internet angefangen, sowohl ganz positive als auch ganz negative Kritik nicht zu dicht an mich heranzulassen. Ich spiele ja unter meinem richtigen Vornamen, aber ein großer Konflikt ist da noch nicht aufgekommen. Da hilft ja auch die Mütze. Mit der Mütze auf dem Kopf bin ich Jasper der Musiker mit der Gitarre unterwegs, aber privat habe ich die jetzt auch nicht den ganzen Tag auf.
Globe-M: Beim live spielen: Hast du in allen Städten ungefähr gleich viel Publikum?
Jasper: Nein, das ist oft unterschiedlich. Meistens sind es so um die 150. In Hamburg läuft es ein bisschen besser, da waren es so um die 400, letztens. In Berlin circa 300. Aber wenn es etwas größere Städte sind, in denen ich noch nicht war, sind es meistens so um die 150.
Globe-M: Merkst du die Nähe zu deinem Heimatort Emden? Hast du dort mehr Publikum?
Jasper: Nein, kann man nicht sagen. Ich weiß nicht, ob in Emden 300 Leute kommen würden, aber Hamburg ist, wie gesagt, sehr gut gelaufen. Und der normale Weg wäre ja, dass du zu Hause in deiner Gemeinde anfängst und dann langsam raus gehst. Aber bei mir ist das durchs Internet eben anders gelaufen. Das hat Vorteile, sicher auch Nachteile, aber ...
Globe-M: Es ist ja fast ein bisschen schade, dass du keine richtige „Homezone“ hast ...
Jasper: Ja, aber es ist andererseits auch cool, in Süddeutschland zu spielen und da kommen 100 Leute. Es hat eben auch Vorteile. Aber klar, es gibt kein klassisches Heimspiel.
Globe-M: Eine meiner Lieblingsfragen: Nerven die eigenen Lieder?
Jasper: Na ja, ich höre ja jetzt nicht meine eigene Musik, nur, um sie vielleicht mal Leuten vorzuspielen. Und das eigene Singen von den Texten ist immer wieder cool, vor allem zu gucken, wie das Publikum reagiert. Also, so wirklich leidgesungen habe ich mich noch nicht, nein. Aber dafür mache ich das vielleicht auch noch nicht lang genug.
Globe-M: Wahrscheinlich „fordert“ das Publikum auch immer wieder die gleichen Lieder ein, oder?
Jasper: Ja, schon, aber ich versuche auch immer in verschiedene Ecken zu schreiben, also zum Beispiel nicht nur Liebe und Freundschaft zu behandeln. Dadurch habe ich für mich selber auch einfach eine größere Bandbreite und schränke mich nicht so ein. Manche Lieder gehen dann eher in die Popecke, manche zählen eher zu den Liedermachersachen. Es gibt Lieder, die sehr viel breiter im Text sind, manche sind sehr detailliert. Und so kann ich mir dann auch ein Abendprogramm selbst zusammenstellen.
Globe-M: Auf Festivals hast du bisher gar nicht gespielt, oder? Fehlt dir das?
Jasper: Ja, klar. Also wenn’s passt. Nicht so große, aber ich habe zum Beispiel letztes Jahr auf dem Kirchentag gespielt, das fand ich sehr schön. Da war ein tolles Publikum und eine gute Plattform, wo meine Musik auch reingepasst hat.
Globe-M: Wie kommst du auf die Themen für deine Songs?
Jasper: Das sind nicht alles Dinge, die ich eins zu eins aus meinen persönlichen Erfahrungen schöpfe. Also übertragen schon, aber eben nicht eins zu eins. Vieles kommt durch das Erleben von Leben. Und dann auch das, was man so mitnimmt, vieles, was Freunde berührt. Manchmal sind es auch einfach Themen, die mich interessieren, die ich verhandeln möchte. Aber eigentlich geht es darum, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Sachen aufzusaugen, immer wieder. Und dann gucken, wie die verarbeitet werden können. Aber ich denke, das ist auch ein Aspekt von Kreativität, das man nicht sagen kann, woher das kommt.
Globe-M: Und als letzte Frage: Was ist zuerst da, die Melodie oder der Text?
Jasper: Das kommt zusammen, meistens. Häufiger erst die Refrains und dann die Strophen, aber meistens mit der Gitarre zusammen. Also, ich improvisiere an der Gitarre und so entstehen die Lieder. Es ist selten, dass ich jetzt noch Texte schreibe und die dann vertone. Und Melodie ohne Text kommt kaum vor. Ich bin also vielleicht eher ein Schreiber als ein Musiker.