Henscheids gewagte Wagner-Lektüren

Wagner. Quelle: Wiki

Eckhard Henscheid kennt man als Polemiker vor dem Herrn, als Streithahn und Skandalautor, nicht zuletzt als superioren Kritiker in Sachen Literatur und Musik. Wenn Henscheid urteilt, urteilt er hart, aber begründet; routiniert lässt der Oberpfälzer die Kette seiner unerschöpflichen Detail- und Zitatkenntnisse in spitzen Sprachstacheldrähten abrollen.

Zu Richard Wagner und dessen Werk hat sich Henscheid wiederholt geäußert – und den Komponisten dabei stets vor den Auslegungen der Nachwelt in Schutz genommen.

Opernführer für Versierte und Versehrte 

Nach dem Abitur hatte Henscheid Musiklehrer werden wollen (noch heute spielt er ausgezeichnet Klavier), stattdessen zog es ihn in den Siebzigern in die Redaktion der legendären Frankfurter Satirezeitschrift „pardon“. Später war er Mitbegründer des nicht minder berüchtigten „pardon“-Nachfolgeblatts „Titanic“. Doch da war Henscheid schon mit seinen Romanen, der sogenannten „Trilogie des fortlaufenden Schwachsinns“ bekannt geworden, die – so sah es zumindest das Feuilleton – eine anarchische Chronik des BRD-Alltags der siebziger Jahre lieferten und sich dabei am Erzählton des 19. Jahrhunderts orientierten. 

Wenn Henscheid über Musik, am liebsten über geliebte Opern, schrieb, waren Romantik und Klassik nie fern: Schon 1979 erschien mit „Verdi ist der Mozart Wagners“ eine „Art Opernführer für Versierte und Versehrte“ (heute einzeln im Reclam-Verlag oder als Teil der „Gesammelten Werke in Einzelausgaben. Band 7“ im Zweitausendeins-Verlag), in dem sich der junge Romanautor auch als Kenner und Liebhaber Mozarts und vor allem der italienischen Oper – von Verdi und Puccinis „Tosca“ – erwies. Das Feuilleton liebte den Band.

Wagner mag er weniger 

„Wagner kennt er auch, mag er aber weniger“, schrieb damals die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ in einer Rezension. Den Musikdramen des Leipziger Komponisten konnte der Amberger Schriftsteller Zeit seines Lebens nie vorbehaltlos seinen (ohnehin seltenen) Applaus spendieren, was ihn nicht daran hinderte, sich mit Richard Wagners vielfältigem Werk – und vor allem dessen Rezeptionsgeschichte – auseinanderzusetzen. Dabei nahm er den Schöpfer des „Nibelungenrings“ keineswegs apriori ernst.

Komik in Bayreuth?
 

Als wohl erster Opernkenner wies Henscheid, der sich "ganze Wagner-Opern selber vorbrummt" (Martin Mosebach), wiederholt auf die komischen Elemente in Wagners Werk hin, viele Effekte seien sogar, so der Autor in einem Interview, „freiwillige Komik“: „Im großtragischen Finale der Götterdämmerung“ beispielsweise, „wo Komik als strukturbildendes Element besonders schön nachweisbar ist.“

In seinem Buch „Kulturgeschichte der Missverständnisse“ (1997, zusammen mit Gerhard Henschel und Brigitte Kronauer) führt Henscheid Wagners humoristische Gaben mit typischer Verve weiter aus: „Man denke auch an die C-Dur-Banalitäten des ‚Rheingold’-Finales; man denke an die nachtschwarz aus den Weltraumschlünden hervorbrummenden dissonantischen und übermäßig akkordischen Hagen-Musiken der ‚Götterdämmerung’; man bedenke auch und vor allem die ungescheute Krach- und Infantilkomik am Schluß des 1. ‚Siegfried’-Aufzugs! Purer Quatsch – schiere Freude an ihm.“ 

Meta- und Mega- und Dauermißverständnis

Ernster geht es zu, wenn Henscheid Wagner gegen seine linken wie rechten Deuter und Nachbeter verteidigt, unter anderem in dem Buch „Jahrhundert der Obszönität“ (2000, zusammen mit Gerhard Henschel): Henscheid nennt Wagners Nachwirkung ein „hundertfünfzigjähriges Meta- und Mega- und Dauermißverständnis“ und führt die politische und ästhetische Vereinnahmung Wagners auch auf dessen künstlerische Werke zurück, die nämlich „mitunter wenig bekömmliche Tränklein aus Phantasmagorie und Chimäre und Mythos“ seien, die sich propagandistischen Deutungen leichter beugten als beispielsweise Mozarts Fantasiespiele.

Henscheid zitiert und korrigiert falsche Lesarten der von Wagner geschöpften oder ihm zugeschriebenen Termini (wie „Leitmotiv“, „unendliche Melodie“, „Musikdrama“ oder „Gesamtkunstwerk“), besonders heben die umfangreichen Zitatsammlungen und ‑auslegungen aber auf die Vereinnahmung von Wagners Werk durch den Nationalsozialismus ab. Ignorante und aporetische Auslegungen durch den Faschismus werden von Henscheid systematisch aufgedeckt: Obwohl der Schriftsteller Wagners Ansichten über das „Judentum in der Musik“ verurteilt, gilt für dessen musikalisches Werk: „In ihr, der Oper, ist aber kein Wort Antisemitismus“.

Freudenhaus-Walkürenritt und Bierzeltpilgerchor

Auch die vermeintlich nationalistischen „Meistersinger“ von 1866/68 werden vor falschen Lesarten in Schutz genommen: „Längst ist heute .. nachgewiesen, wie halbherzig deutsch das Riesenwerk kompositionell und motivgeschichtlich gedacht war“ – und auch zu Wagners wohl unseligstem Bewunderer findet Henscheid klare Worte: „Hitler, unstreitig entflammt und entrückt, sah und hörte, was er grad aus ihm hören und sehen .. wollte! Für die tendenziell dauerbesoffenen Parteigenossen von Göring abwärts waren Wagner und ‚Hitler-Bayreuth’ nicht mehr als als ein Potpourri-Arrangement aus Freudenhaus-Walkürenritt und Bierzeltpilgerchor“.
Selbst die „Götterdämmerung“, das abschließende Werk der „Ring“-Tetralogie, wurde, wie Henscheid aufzeigt, nach 1945 wiederholt fälschlich und fahrlässig mit dem Ende des Dritten Reichs und Hitlers „Nero-Befehl“ in Verbindung gebracht.

Wagner: Das ewig juckende Horrorthema 

Und auch der politisch Linken lässt Henscheid – der selbst schon durch Artikel in der konservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ für Aufregung gesorgt hatte – keine „antikapitalistischen und antifaschistischen Ausdeutungen und Regiebekundungen“ des Wagnerschen Ouevres durchgehen. Schließlich ist nicht nur der Leser von Henscheids polemisch-polternden Kulturkritik zu Wagner und den Folgen, dem „ewig juckenden Horrorthema“, erschöpft und hat sich hinreichend einbleuen lassen, die Kunst vor dauernd menetekelnder „Warnung und Aufklärung“ in Schutz zu nehmen.
Oder wie noch mal, Herr Henscheid? „Im Grunde stimmt bei Wagner nichts, ist alles Mythos, Legende, populäres Vorurteil, begrifflicher Tohuwabohu“. Haben wir’s uns fast gedacht.

 

 

Kommentare

Bild von Irena A.

Ein großartiger Text! Danke

Ein großartiger Text! Danke auch für den Hinweis auf den Buchtitel - habe gleich bestellt.

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