Den Wal kennen alle. Kapitän Ahab, den Erzähler Ismael und nicht zuletzt ihre legendäre Begegnung mit dem weißen Moby Dick, der den einbeinigen Kapitän schließlich in den Tod reißt. Herman Melvilles wohl berühmtestes Werk stellt den Rest seines Schaffens in den Hintergrund. Im Rahmen eines "Melville Special" des Kulturvereins Medium Taut wird jetzt ein Werk des Autors in den Vordergrund gerückt, das als eines der „unbekanntesten Gedichte“ der amerikanischen Literatur gilt: „Clarel“.
Poetisches Roadmovie aus der Vergangenheit Die „poetische Pilgerreise“ (NZZ) besteht aus einem komplexen Verweissystem, das Zeitströmungen mit Geschichte, Legenden, biblischen Epen und Landschaftsbildern vermengt. Der Plot ist dabei nahezu puristisch: Clarel, ein junger amerikanischer Student der Theologie, reist nach Palästina. Leidenschaftlich stürzt er sich in das mythologisch aufgeladene Land, spürt die religiösen Konflikte, die Geschichtsträchtigkeit und macht sich auf zu einer Reise durch die Wüste. Er will den wahren Kern Palästinas ergründen: „Wie sagte doch/In einer Gasse Jaffas ein ernster Mensch / Den ich traf, mein Landsmann / Der von der Reise hierher kam zurück: Unser so schlaues weltliches Wissen der Neuen Welt / Kann kaum tauglich sein für den gerechten Deuter / Von Palästina. Verzichte auf den Staat / Engstirniger, verbohrter Geister, gebunden / An eine dürftige und zufällige Form / Die Tiefe meiden, rettet nicht vor Sturm.“ Auf seiner Reise begegnen ihm die verschiedensten Haltungen und Interpretationen des Menschen und seiner Aufgabe in dieser Welt, historische wie aktuelle. Schließlich kehrt er nach Jerusalem zurück, um dort direkt mit der existenziellen Frage nach dem Sinn des Lebens und des Todes konfrontiert zu werden. Nicht zufällig taucht auf dieser Reise der Jude „Nathan“ immer wieder auf: ein Verweis auf die Ringparabel Lessings in dessen Stück „Nathan der Weise“. Auch Melville sucht in „Clarel" nach den verbindenden Elementen zwischen den verschiedenen Religionen, nach einer Art Humanismus, der alle Grenzen überwindet. Dabei schien das Werk in seiner Karriere ein Fehlschlag zu sein: Der Autor musste die ersten 330 Exemplare aus eigener Tasche bezahlen. Medium Taut bringt dieses fast vergessene Werk von Melville nun auf die Bühne. Vom 18. - 21.03. wird die Übersetzung von Rainer G. Schmidt unter der Regie von Christian Bertram in der Max-Taut-Aula in Lichtenberg zu sehen sein. Melville heute In dem begleitenden Melville Special am Samstag, dem 20. März, wird es auch über die Inszenierung hinaus Diskussionen über den ungewöhnlichen Stoff geben. Am Samstagabend um 17.30 Uhr wird in einer Podiumsdiskussion über die Bedeutung Palästinas Mitte des 19. Jahrhunderts gesprochen, über Melvilles eigene Reisen in das "gelobte Land" und über die Sehnsucht nach einem verheißenen Volk, das den Willen Gottes auf Erden erfüllen würde. Aus religionswissenschaftlicher, philosophischer, theologischer und literaturwissenschaftlicher Sicht werden die historischen wie auch die literarischen Aspekte der Zeit und Melvilles Werk diskutiert. Medium Taut ist eine Initiative des mahagonny e.V., ein Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit eigenen Produktionen neue Felder der Kulturarbeit auszuprobieren und zu erschließen. Der Verein wendet sich dabei explizit nicht an ein „ausgewähltes“ Kunstpublikum, sondern versucht eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Das Melvillsche Roadmovie und dessen Begleitprogramm sind dabei typisch: Die Verbindung aus Theater, Wissenschaft und die Einbindung des Publikums durch Diskussionsrunden. Schwerpunkte sind dabei, wie in „Clarel“, vor allem soziale und ethische Fragen, die in einer zeitgenössischen Form interpretiert werden. Der Versuch die zeitgenössischen Gedanken und Ideen in einem solchen Werk aufzuspüren, wird sicherlich für Diskussionsstoff sorgen. Aufführungen: 18., 19., 20. und 21. März 2010, 19.30 Uhr – Max-Taut-Aula Berlin Samstagabend, 20. März 2010: Herman Melville Special 16.00 Uhr: Bartleby, Film von Klaus Wyborny nach Herman Melville (BRD, 1979) 17.30 Uhr: Podiumsgespräch „Melville, Amerika und der Mythos Palästina“ Mit: Prof. Gudrun Krämer, Dr. Gesine Palmer, Prof. Heinz Ickstadt, Prof. Richard Faber, Rainer G. Schmidt und Christian Bertram. Max-Taut-Aula Fischerstraße 36 / Schlichtallee 10317 Berlin‐Lichtenberg Direkt am S‐Bahnhof Nöldnerplatz S5, S7, S75 (15 Minuten ab Alexanderplatz) Karten: 16,00 / 9,00 Euro Vorbestellungen und Informationen:(030) 577 97 257 Mail: tickets@medium‐taut.de. Zum Vorverkauf bei HEKTICKET klicken Sie bitte hier: ‐ www.hekticket.de – oder unter (030) 230 99 30.