Husch, husch, ins "Begehbare Feuilleton"

Herzlich willkommen, mitten im Feuilleton! So freundlich wird man vom Feuilleton selbst selten begrüßt. Vielmehr ist es ein recht schwieriger Zeitgenosse, der in seiner ganz eigenen Welt lebt, verdrängt auf einige wenige Zeitungsseiten, die von einigen wenigen Leuten gelesen werden.

Darüber ist es vielleicht ein bisschen bitter geworden, in den letzten Jahrzehnten, so dass es sich mittlerweile gerne einer Hochsprache bedient, die man ohne akademischen Grad kaum versteht.

Doch „Das begehbare Feuilleton“, das vor kurzem im blumenkamp verlag erschienen ist, ist ein anderes Feuilleton. Das Buch ist aus der Arbeit des literarischen Zentrums Göttingen entstanden. Es enthält Gespräche, die dort in den letzten zehn Jahren öffentlich geführt wurden, mit Schriftstellern, Filmemachern, Schauspielern und Journalisten. So kommen unter anderem Joseph Bierbichler zu Wort, die Gründer des „Tatorts“ oder auch Jonathan Meese. Interessant ist auch die Auswahl der Schriftsteller, die sich programmatisch im Vorwort erklärt: Schon im Jahr 2000 lud man in Göttingen sowohl Hochliteraturgrößen wie Marcel Beyer und Brigitte Kronauer als auch die aufstrebenden PojüngerInnen wie Stuckrad-Barre und Henning von Lange ein. Symptomatisch zeigt sich hier, wohin das Programm des literarischen Zentrum will: Man will die ganze Bandbreite des so genannten Feuilletons, der Kultur abbilden. Das erzählt auch dieses Buch.

extra3 und Wilhelm Genazino

Schon das erste Gespräch mit dem Lyriker David Constantine ist Programm: „Das Gedicht braucht keine Fußnote“, sagt er und führt aus: „Ich will in einer Weise schreiben, die Eintritt zulässt, sodass ein Leser, eine Leserin dann sofort erkennt, dass hier etwas los ist, was ihn oder sie angeht. Das ist normal, Gedichte kommen, sie stammen aus ganz normalen Gefühlen. Man braucht kein Exzentriker zu sein. Man braucht kein Chaot, kein Betrunkener zu sein. Man ist ein völlig normaler Mensch, normal in dem Sinn, dass man ein normales Leben führt, dass man normale Schwierigkeiten hat, die normalen Freunden.“
Dass gerade ein Lyriker so etwas in solcher Deutlichkeit sagt, erklärt den Feuilletonbegriff des Göttinger Zentrums und erklärt auch, warum extra3 und Wilhelm Genazino gleichermaßen in diesem Buch auftauchen. Dieses Buch will eines: Den Feuilleton öffnen, ihn „begehbar“ machen.

Mit zwei Kniffen schaffen es die Herausgeber Katrin Blumenkamp und Haucke Hückstädt all diese unterschiedlichen Gespräche lebendig auf Papier zu übersetzen: Jeder Gast wird kurz eingeführt, von einem Mitarbeiter des Zentrums oder einem Moderator der Veranstaltung. Anders als im wissenschaftlichen Feuilleton sind diese Vorworte aber nicht getränkt von Fachwissen und Fremdwörtern, sondern es sind persönliche, kleine Annäherungen an interessante Menschen: „So müssen sich die einfachen Menschen im Reich des Kaisers Augustus einen Gott vorgestellt haben, dachte ich, als ich Les Murray in Göttigen zum ersten Mal leibhaftig sah: ein riesiger Körper mit einem runden Kopf, der von einer Baseballkappe gekrönt wurde, unter Gewicht einknickende X-Beine, Turnschuhe, in der einen Hand ein voller Plastikbeutel“, so beschreibt Henning Ziebritzki seine erste Begegnung mit dem australischen Ausnahmelyriker. Ähnlich offen und locker sind die meisten Einführungen – sie geben dem Buch einen roten Faden und sind zugleich das „Herzlich Willkommen“ dieses Feuilletons.

Der zweite Kniff ist die zurückhaltende Bearbeitung der Gespräche. Schriftstellerin A. L. Kennedy zum Beispiel darf in Englisch sprechen, während ihre Gesprächspartner Deutsch sprechen – so gibt es wenigstens einen flüchtigen Einblick in das Gespräch. Ähnlich authentisch ist die Sprache der meisten Sprechenden, man bekommt ein Gefühl dafür, wie sie sich auf der Bühne geben, wie sie ihre Arbeit darstellen.

Ein mini-tiny-winziges Ach

Das einzige „Schade“ an dieser lesend begehbaren Kulturwelt ist, dass die Gespräche so kurz sind. Am liebsten wäre man ohnehin selbst dabeigewesen, so würde man wenigstens gerne mehr davon lesen. Zwar sind die Gesprächshäppchen gut portioniert für die Aufmerksamkeitsspanne der mtv-Generation - wie sie im Gespräch mit dem Sesamstraßenmachern sogar angedeutet wird -, doch ein wenig mehr Leseherausforderung wäre vielleicht drin gewesen. Der Spaziergang im Feuilleton hätte ruhig eine kleine Wanderung sein dürfen. Aber ehrlich: Es ist nur ein winzig kleines Schade. Das Feuilleton überhaupt begehbar zu machen, ist eine Leistung. Willkommen!

"Das begehbare Feuilleton" herausgegeben von Katrin Blumenkamp und Hauke Hückstädt
blumenkamp verlag, Göttingen, 2007
19,90 €

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