Der Verlag »Edition PaperONE« veröffentlicht immer wieder spannende Bücher von interessanten Autoren. Neuerdings versucht er der Konkurrenz durch iPad und Hörbuch zu trotzen – mit einem kostenlosen Download-Portal.
Globe-M: Herr Schweßinger, vielleicht könnten Sie zu Beginn eine kleine Zusammenfassung über die Geschichte Ihres Buch-Verlages »Edition PaperONE« geben und kurz erklären, wer eigentlich genau hinter dem Verlag steht.
Michael Schweßinger: Die Edition PaperONE wurde 2005 von Oliver Baglieri gegründet. Olli hatte damals einen kleinen Laden namens »Your Paper Zone« mit vielen Büchern und Accessoires der Gothic-Szene am Connewitzer Kreuz in Leipzig. Nach und nach trafen sich dort in ungezwungener Atmosphäre immer mehr Literaten aus der Leipziger Underground-Literaturszene und es wurden eigene und fremde Texte vorgelesen und nebenbei viel Wein getrunken. So entstand die Idee, diese Autoren auch zu publizieren. Die Geburtsstunde der »Edition« hatte somit sehr schwarz-romantische Züge. Es war eine Plattform in bester »do it yourself-Manier«. Nach und nach kamen dann mehrere Autoren und auch Themen von außerhalb dazu und die Edition entwuchs ihrer schwarzen Kindertage. 2009 sind Hauke von Grimm und ich dann in den Verlag eingestiegen, weil es für Olli einfach nicht mehr alleine machbar war.
Globe-M: Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag von Ihnen aus?
Michael Schweßinger: Da ich hauptberuflich als Bäcker arbeite, beginnt ein Arbeitstag für mich um 01.00 Uhr nachts und dauert bis etwa 10.00 Uhr morgens. Danach beantworte ich meine E-Mails und Autorenanfragen. Meistens lege ich mich dann ein wenig hin und schlafe ein paar Stunden, bevor ich entweder am späten Nachmittag einige Manuskripte lese oder bis in den Abend hinein an eigenen Texten arbeite.
Globe-M: Wie Sie bereits andeuteten, sind Sie selbst auch Schriftsteller. War die Gründung eines Verlags Mittel zum Zweck oder Idealismus?
Michael Schweßinger: Da Olli den Verlag alleine gegründet hatte, hatte ich erstmal gar nichts zu tun, bis auf die Tatsache, dass ich gerade zwei Dutzend Stories über den Leipziger Westen geschrieben hatte, ohne dass ich mich dadurch als Schriftsteller oder Autor gesehen hätte. Als Olli mir anbot, die Texte zu publizieren, habe ich natürlich zugesagt. Dass wir mit »In darkest Leipzig« sprichwörtlich gleich ins Schwarze getroffen hatten und jede Menge Diskussionen ausgelöst haben, konnte ja damals keiner wissen. Mit Olli verbindet mich seit Jahren eine intensive Freundschaft und als er meinte, dass er den Verlag nicht alleine mehr schafft, war klar, dass wir dieses Projekt nicht den Bach runtergehen lassen können. Idealismus trifft es dabei schon ganz gut, weil mir die Edition wirklich ans Herz gewachsen ist.
Globe-M: Unter welchen Vorraussetzungen veröffentlichen Sie einen Autoren beziehungsweise ein Buch? Und welche Tipps können Sie Nachwuchsschreibern geben?
Michael Schweßinger: Das ist unterschiedlich. Grundsätzlich muss ich das Gefühl haben, dass da ein Funke überspringt, der Autor also etwas zu sagen hat. Das kann durchaus kontrovers sein. Auf den zwanzigsten Vampirabklatsch haben wir keine Lust. Mit Ratschlägen halte ich mich meistens zurück, nur soviel: Macht euer Ding und versucht eure eigene Stimme zu finden. Sozusagen einen Sound, den nur ihr schreiben könnt. Gebt nicht soviel auf die Meinungen Anderer, denn an was es mangelt – und das sage ich jetzt in meiner Funktion als Lektor – sind eigenständige Stimmen.
Globe-M: Eine Frage, die man in Zeiten des iPads und der Masse an Hörbüchern, die auf den Markt kommen, stellen muss: Wie sehen Sie die Zukunft des Buches? Haben Sie als Verlag, Angst vor der Zukunft?
Michael Schweßinger: Angst ist immer ein schlechter Begleiter. Aber Angst hatten wir noch nie. Wir haben immer die Bücher veröffentlicht, die wir machen wollten. Und es gibt immer noch genügend Menschen, die zum Buch greifen. Natürlich ist es schwieriger geworden Menschen zu erreichen, da immer mehr Informationen auf die Menschen einprasseln. Zudem ist die Welt durch das Internet sehr viel mobiler und schnelllebiger geworden, was jedoch andere Möglichkeiten eröffnet. Wir bauen gerade ein Downloadportal auf, wo man unser Verlagsmagazin »Fahrenheit 450« und unsere kritische Reihe »Systemfehler« kostenlos downloaden kann. Vielleicht bin ich zu romantisch, aber ich glaube, dass es immer Menschen geben wird, die die Schönheit eines Buches der virtuellen Datei vorziehen. Wer will schon in einer Wohnung leben, in der ein USB-Stick im Regal liegt. Wir bleiben neugierig, was ja beinahe das Gegenstück zur Angst ist, oder?
Globe-M: Einer Eurer Autoren - Sven-Andre Dreyer - organisiert in Düsseldorf regelmäßig gut besuchte Lesungen. Ist das vielleicht ein neuer Weg, Publikum für Bücher (neu) zu begeistern, oder werden solche Lesungen eher von Menschen besucht, die das Buch bereits gelesen haben?
Michael Schweßinger: Das was Sven-Andre Dreyer organisiert, verdient großen Respekt und ich glaube durchaus, dass das ein guter Weg ist, ein neues Publikum zu erreichen. Für unbekannte Autoren vielleicht sogar der einzige, da kleine Verlage wie wir, kaum Geld zur Verfügung haben, um Bücher zu bewerben. Erfahrungsgemäß haben Autoren, die »Live« auftreten, einfach die besseren Chancen Bekanntheit zu erlangen und damit Leser zu finden. Klaus Märkert macht ja Ähnliches bei der Reihe „Schementhemen“ in Velbert und auch hier in Leipzig wäre es ohne unsere kleinen Lesereihen gar nicht möglich gewesen, Bekanntheit zu erlangen.
Globe-M: Was mir bei Eurem Programm auffällt, ist, dass Eure Bücher häufig von den Verlierern der Gesellschaft handeln: Konzept, Masche oder »Sprachrohr des kleinen Mannes«?
Michael Schweßinger: »Sprachrohr des kleinen Mannes« klingt mir zu sehr nach Bild-Zeitung oder Sarrazin. Wir machen sicherlich Bücher, die Themen ansprechen, die gerne verdrängt werden, gewiss. Aber das sind keine Autoren, die mal schnell etwas schreiben, weil es en vogue ist. Malorny schreibt zum Beispiel seit fünfzehn Jahren über die sogenannten »Verlierer«. Ich selbst sehe diese »Verlierer« jeden Tag beim Gang durch Lindenau. »Märchenland im Müll«, eines unserer Bücher, das in der Punk- und Drogenszene spielt, wurde von einer Autorin geschrieben, die diese Erfahrungen eben gemacht hat. Man sollte sich eher fragen, warum die meisten Verlage nur noch an der Publikation von Comedy und Entertainment interessiert sind und diese sicherlich schmerzhaften Realitäten eigentlich keinen Eingang mehr in den Buchmarkt finden, obwohl doch immer mehr Menschen zu den »Verlierern« des Systems gehören. Siegfried Unseld, der jahrzehntelang dem Surkamp-Verlag vorstand, sagte einmal: »Wir verlegen Autoren, keine Bücher.« Das trifft es ganz gut. Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt. Und wenn wir Autoren eine Stimme geben, die woanders nicht mehr gehört werden, weil sie eben durch ihre Schreibe kein Millionenpublikum erreichen, dann haben wir schon viel erreicht.
Wenn man sich die Mühe macht und sich durch unser Verlagssortiment klickt, wird man sehen, dass wir auch viele andere Bücher und Themen im Sortiment haben. Diane Hielscher beschreibt in ihrem Buch »Warum Russland?« zum Beispiel sehr humorvoll die Jugendszenen in Russland und ihre Erlebnisse, die ihr bei ihren Reisen durch dieses Land widerfahren sind. Unsere Autorin Jennifer Sonntag erzählt in ihren Büchern über die Welt der Erblindeten. Sie hat selbst ihr Augenlicht verloren, ist aber eine der engagiertesten Menschen, die ich kenne, inklusive einer eigenen Talkshow auf dem MDR. Wir machen einfach das, was uns Spaß macht. Wenn du mich jetzt also fragen würdest, was wir bis Ende 2011 geplant haben, ich wüsste keine Antwort.
Globe-M: Herr Schweßinger, wir danken Ihnen für das ausführliche Gespräch.
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