Harm Bremer ist die Kernzelle der Aerosol Light Textures. Was er macht? Kurz gefasst könnte man es als Lichtkunst bezeichnen. Was das bedeuten kann und wie er seine Aerosol Light Textures auf dem Dockville Festival präsentiert, erzählt er im globe-M-Interview
Globe-M: Der Name Deines Projekts, Aerosol, ist im ersten Moment ein wenig irreführend. Kannst Du den globe-M-Lesern erklären, was Aerosole sind und was diese mit Lichtprojektionen gemeinsam haben?
Harm Bremer: Mein Projektname Aerosol - der im vollständigen "Aerosol Light Textures" heißt - bezieht sich auf feine Partikel in der Luft, die eine Lichtprojektion plastisch beziehungsweise dreidimensional erscheinen lassen. Dies können Staubkörnchen oder auch Rußpartikel von einem Feuer sein, die im Idealfall durch die Lichstrahlen geweht werden. Die Reflektionen und damit das Motiv werden in der Luft sichtbar - dieser Effekt entsteht meist ungeplant und ist für mich ein absoluter Magic Moment meiner Lichtkunst. Auch Kunstnebel und "echter" Nebel lassen die Lichttexturen mitten im Raum und nicht nur auf der Oberfläche sichtbar werden. Der Zusatz "Light Textures" weist dann auf die Oberflächengestaltung und vorallem Oberflächenveränderung durch Licht hin.
Globe-M: Wie bist Du zu dem gekommen, was Du mit Deinem Projekt machst?
Harm Bremer: Angefangen hat alles mit dem Künstlerkollektiv "Sonic Fiction", das ich während meiner Studienzeit in Lüneburg initiiert habe. Wir organisierten Veranstaltungen im Kontext elektronischer Tanzmusik zunächst auf regionaler Ebene; später ergaben sich dann überregionale Bookings. Im meinem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften hab ich mir das Handwerkszeug, wie beispielsweise den Umgang mit Vektorgrafikprogrammen, zugelegt, was mir für die Umsetzung meiner Ideen sehr hilfreich war und immer noch ist. Und natürlich haben mich die Studieninhalte der Musik und Kulturinformatik inspiriert und die Kraft gegeben, in Eigeninititative Kultur zu schaffen. Unsere Partys sind quasi die kreative Initialzündung für meine jetzige Tätigkeit als Lichtkünstler gewesen. Dort konnte ich ohne Zwänge und externen Druck Dinge ausprobieren und mit verschiedenen Kunstformen experimentieren. Ursprünglich war es mehr musikbezogen ausgerichtet, sprich ich habe Platten aufgelegt, als Liveact gespielt und Veranstaltungen organisiert. Später kam dann der Diaprojektor dazu und ich habe mein Repertoire um die visuelle Gestaltung von Räumen erweitert.
Globe-M: Würdest Du Deine Arbeit als Kunst bezeichnen?
Harm Bremer: Definitiv! Meine Schaffen unterscheidet sich sehr von der Arbeit eines Lichttechnikers, der ja auch auf den meisten Veranstaltungen zugegen ist. Meine Motive sind alle von mir selbst entworfen und die Geräte gibt es so nicht mehr im Laden zu kaufen beziehungsweise sind von mir für meine Zwecke modifiziert. Ich stehe im Gegensatz zum Lichttechniker nicht unter dem Zwang, immer das neueste Equipment aufzubauen. Letztendlich sind meine Patterns nicht von der Stange und die Motive so nur bei mir zu finden. Inwieweit meine Lichtkunst jetzt populär ist oder nicht, soll jeder Betrachter selbst entscheiden. Natürlich muss meiner Kunst die Gratwanderung gelingen, dem Publikum, dem Veranstalter und letztendlich auch mir zu gefallen. Ein bisschen "weh tun" darf es aber in meinen Augen auch, wenn sich die Projektion herrlich auf die Körper der Betrachter schmiegt und diese leicht geblendet werden.
Globe-M: Inwiefern kann Licht unsere Wahrnehmung beeinflussen?
Harm Bremer: Mit Licht lassen sich Objekte und Umgebungen in eine komplett andere Wahrnehmungsebene rücken. Gerade dieser Effekt, Gewohntes neu zu erfahren und damit auch zu entdecken; ist die Triebfeder meiner Aerosol Light Textures. Wie der Name schon andeutet arbeite ich mit Texturen; sprich ich lege ein Muster über ein bestehendes Objekt oder über eine Umgebung. Ich versuche jedoch gerade nicht ein perfektes "Mapping" zu erzielen, sondern spiele mit den entstehenden Verzerrungen geometrisch-repetitiver Formen. Ein befreundeter Blogger hat meine Light Textures mal "Psychedelik für Erwachsene" genannt. Diesen Ausdruck finde ich sehr schön und passend; insbesondere wenn sich Menschen durch meine Projektionen bewegen, wird dem Betrachter klar, was gemeint ist.
Globe-M: Ist das Dockville eine reizvolle Aufgabe für Dich?
Harm Bremer: Das Dockville ist für mich insofern sehr reizvoll, da es unterschiedlichste Umgebungen bereithält. Ich werde zum einen die Tanz-Halle indoor illuminieren; zum anderen aber auch Outdoor-Flächen mit Bäumen und Sandwälle. Alles sehr spezielle Oberflächen, die einen anderen motivischen Ansatz verlangen. Weiterhin ist der Charme des Industriehafens etwas ganz besonderes für dieses Festival.
Globe-M: Ist das Festivalpublikum besonders "empfänglich" für Dein Projekt? Du warst ja schon auf relativ vielen Festivals damit vertreten.
Harm Bremer: Interessanterweise funktionieren meine Light Textures auf den unterschiedlichsten Anlässen; ich habe auch schon auf Hochzeiten oder ganz anders gearteten Veranstaltungen wie der Classic Lounge im Rahmen des Internationalen Violinwettbewerbs Hannover mit meiner Installation die Besucher bewegt. Aber es stimmt; Festivals reizen mich immer ganz besonders: Die Installation kann dort für mehrere Tage aufgebaut werden und der Rahmen ist fröhlich ausgelassen. Ich mag es gerne, wenn Kunst sich in einem nicht so steifen Rahmen bewegt und dem Besucher Spaß macht sowie zur Interaktion einlädt.
Globe-M: Hast Du ein spezielles Konzept für das Dockville?
Harm Bremer: Ja, das wird aber nicht verraten sondern ist auf dem Gelände zu entdecken!
Globe-M: Wie kann man sich, ganz praktisch, Deinen Arbeitsablauf vorstellen? Wie konzipierst und entwirfst Du Deine Aerosol Light Textures?
Harm Bremer: Die Konzeption meiner Patterns geschieht in einem Grafikprogramm; dort experimentiere ich gerne mit Vektor-Formen. Mit der Zeit hat man ein Auge dafür entwickelt, was unter welchen Bedingungen funktionieren kann. Oft habe ich auch in der Festival-Nacht selbst Ideen, wenn ich inmitten meiner Projektion auf dem Rasen liege und mir die Leute anschaue, die sich tanzend durch die Installation bewegen. Meine Dias selbst stelle ich in einem Verfahren her, dass ich in meiner Studienzeit und Tätigkeit im Rechenzentrum entdeckt und weiterentwickelt habe. Wer genau hinschaut wird diesen ästhetischen Akzent in all meinen Projektionen wiederentdecken.
Globe-M: Und wohin geht es nach dem Dockville?
Harm Bremer: Erlaube mir die Frage so umzudrehen: Wo kommst du gerade her? Ich komme gerade vom Secret Island Nation in Schweden; einem Festival auf einer unbewohnten Insel im Skagerrak. Eine riesige, von Gletschern geformte Felslandschaft, zwei Kilometer vom Festland entfernt im Meer. Der wohl krasseste Untergrund für meine Projektionen bisher; unter Wetterbedingungen die man gut und gerne als nordisch-rauh bezeichnen kann. Das Equipment und wir wurden auf einer abenteuerlichen Fahrt mit einem kleinen Boot auf die Insel gefahren; vorbei an Robben und Kormoranen. Des Nachts haben sich meine Texturen auf den Fels geschmiegt, wurden vom Wasser verschlungen und spiegelten sich darauf. Am Himmel Wolkenfetzen, Sterne und Vollmond ...
