Zeitgenössische Videokunst ist schon lange in den Museen angekommen. Die Macht der bewegten Bilder ist einfach zu stark und sexy, um ignoriert zu werden. Doch es sind nicht nur die rasant geschnittenen und poppigschrillen Videokunstwerke, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen (Pippilotti Rist, Candice Breitz). Manchmal sind es gerade die quälenden, nervenden Arbeiten, die die Sehgewohnheiten des Betrachters und seine Lebenszeit strapazieren, die zu den beeindruckendsten Werken der Kunstgeschichte gehören (Bruce Nauman, Douglas Gordon).
Der 18. Förderpreis Videokunst Bremen hat sich 2009 bei der Auswahl der prämierten Künstler stärker von den Inhalten der Arbeiten leiten lassen als von einzelnen Formsprachen. Die jetzt eröffnete Preis-Ausstellung in der Städtischen Galerie Bremen zeigt ruhige Arbeiten, die gesellschaftlich relevante Themen in den Mittelpunkt stellen, statt sich dem lauten Künstler-Kunstwelt-Zirkus anzuschließen. Und die sich eher als Video-INSTALLATIONEN begreifen, denn als reine An-die-Wand-gebeamte-Bilder.
Verfall, virtuell
Franziska Lamprecht und Hajoe Moderegger, die zusammen als ETEAM arbeiten, teilen sich den ersten Preis mit der Deutsch-Französin Sabrina Muller. Lamprecht und Moderegger haben eine Idee realisiert, die gut und lustig klingt: Sie haben im Second Life – einer virtuellen Zweitwelt im Internet – eine Mülldeponie errichtet: »Second Life Dumpster«.
Die Müllberge in den realen Städten sind unsichtbar, an den Stadtrand verschoben oder noch weiter weg, bis nach Indien und China. Auch in der virtuellen Welt lassen sich mit einem Delete-Tastendruck alle Spuren beseitigen. Doch wohin wandert der Kram? Wo taucht er wieder auf? Bei »Second Life Dumpster« tauchen alle Sachen wieder auf, die User aus ihrem Leben gelöscht haben:
Sofas, Tische, Stühle, Betten, Flugzeuge, Raketen, Waffen, Industrietürme, Mahlwerke, Förderräder, Haustüren, Wände, griechische Säulen, Fenster, Computer, Pferde, Hunde, Katzen, Teddybären, Modelkörper, Gogo-Girls – auch Charaktere lassen sich einfach löschen – verstört und schweigend blinzelnd erscheinen sie im Video. Ex und hopp. Alle Gegenstände tauchen wild verteilt auf der grünen Wiese wieder auf, zwischen Bäumen und Bergen gedeiht die Deponie.
Die daraus entstandene Videoarbeit ist bunt und üppig. Die Gegenstände verzehren sich, ihr »Verfall« flimmert in Prozent angezeigt über den Bildschirm, sie fallen auseinander bis zur Unkenntlichkeit und sind dann plötzlich verschwunden. »Second Life Dumpster« macht sichtbar, was in der virtuellen Wegwerfgesellschaft weggeworfen wird. Der (programmierte) Verwesungsprozess sieht cool aus, wirkt aber harmlos wie ein Jungenstreich.
Verfall, poetisch
Sabrina Mullers Projektion »Das Reich der Tiere« verhält sich dazu wie ein graues Mäuschen zu einem Papagei. Die Jury selbst hat die Arbeit der Künstlerin erst sehr spät für sich entdeckt. Der riesige Raum in der Städtischen Galerie, in dem sie ihren Filmloop »Das Reich der Tiere« präsentiert, ist dunkel. In eine Ecke leuchten verloren die Projektoren im Doppelpack: ein Bild an die Decke, eins auf den Boden. Das Bildformat ist verzerrt, ein hell-schwarzer Schatten umrahmt das Bild zusätzlich. Die Lautsprecherboxen scheinen ohne viel Liebe aufgestellt zu sein. Alles wirkt derangiert, etwas unbedacht.
Soviel Unbedachtsamkeit möchte man der jungen Künstlerin gar nicht abnehmen, deren ruhige, klare Ausstrahlung selbst etwas Unauffälliges hat. »Ich wollte die Arbeit nicht an der Wand sehen«, sagt sie. Ihre Anordnung erzeugt einen sperrigen Raum. Das Videobild liegt auf dem Boden wie ein Grabstein, das andere hängt an der Decke wie an einem Himmel. Eine sehr poetische Wirkung.
Muller drehte im Botanischen Garten von Sarajevo: Pflanzen und Lebewesen, das Leben, wie es ihr vor die Linse geriet. Lange Einstellungen, magere Bewegungen, manchmal nur ein minutenlanges Zittern. Ein Kameraflug über den Rasen im Rhythmus der Schritte. Dann die Erstarrung des Lebens: Federn von präparierten Vögeln, die Muller im Naturhistorischen Museum von Sarajevo fand. Bezüge zum Krieg weist die Künstlerin entschieden zurück. Der Krieg in Sarajevo habe bei der Wahl des Drehorts weniger eine Rolle gespielt. Das sei eine intuitive Entscheidung gewesen.
Im Unbedachten der Installation, der verrückten Installation (s.oben), findet sich also das impulsive Element des Lebens, die Widerwehr gegen die Erstarrung des Todes, des Endes im naturhistorischen Schaukasten.
»Oral history« auf Videoband
Trägerin des Zweiten Preises ist Özlem Sulak. In ihrer Arbeit mit dem geschickt gewählten Titel »September 12« stellt sie zwölf Türken vor, die von den Tagen und Wochen vor und nach dem 12. September 1980 in der Türkei erzählen. Jenem Tag, an dem das türkische Militär gegen die Staatsregierung putschte und sich gegen alle linken und kommunistischen Gruppen stellte. Gewerkschaften und Vereine wurden verboten, politische Aktivisten verhaftet, verurteilt, gefoltert, getötet. Sulak lässt zwölf Menschen zu Wort kommen, die die Zeit erlebten vor und nach dem…, der… – jeder Erzähler findet für sich ein anderes Wort für den Tag, mal »Revolution«, »Reform« oder »Putsch«.
Ein ehemaliger Viertklässler erzählt wie er sich damals gefreut hat, dass die Schulen geschlossen wurden und wie er mit den Soldaten Fußball spielte. Im Video sieht man ihn, wie er in einer Backstube türkische Süßigkeiten herstellt, indem er eine Zuckermasse in Sesam ausrollt.
Ein ehemaliger Waffenhändler beklagt, dass er am Tag der »Reform« seinen »Laden« verloren hat. Im Video sieht man ihn Besen binden.
Die Stimmung im Militär vor und nach dem 12. September schildert ein Ex-Offizier der türkischen Armee, der anonym bleiben will. Bereits in den Siebzigern saß er drei Jahre in Haft. Er wurde 1972 aus dem Militär entlassen, weil er politisch aktiv war.
»1980 wurden ungefähr 40 Tonnen Bücher verboten und verbrannt«, erläutert Sulak. Politische Bücher wurden in Papier gehüllt und auf dem Dachboden versteckt. »Die schlimmste Zeit waren die sechs Monate nach dem Putsch. Alle politischen Aktivisten wussten, sie würden verhaftet werden. Aber niemand wusste Wann!« Der Ex-Offizier wurde nach 1980 zwei weitere Male eingesperrt. Im Video ist er zu sehen, ohne dass man sein Gesicht sieht, wie er seelenruhig ein Buch in Geschenkpapier einschlägt: Marx’ »KAPITAL« auf Türkisch.
Doch nicht nur die ausgezeichneten Künstler profitieren von der Bewerbung für den Videokunst-Förderpreis Bremen. Die Kuratorin Marikke Heinz-Hoek erläutert, dass zur Jury auch immer ein Galerist gehört, der Videokünstler vertritt. In diesem Jahr war es Johann Nowak aus Berlin. Prompt engagierte er Sabrina Muller für eine Ausstellung in Berlin in diesem Jahr. Doch auch von den anderen rund hundert Bewerbern, so Heinz-Hoek, würden immer wieder einige später angesprochen, um sie für gemeinsame Projekte mit den Galeristen zu gewinnen.
Städtische Galerie Bremen
Buntentorsteinweg 112
28201 Bremen
Fon 0421-361-5826
www.staedtischegalerie-bremen.de
Di- Sa 12 - 18 Uhr
So 11 - 18 Uhr
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