Justinus Pieper trifft ... Arno Surminski

Arno Surminski ist einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart. Die meisten seiner Romane und Erzählungen haben die dramatischen Ereignisse der letzten Kriegs- und Nachkriegsmonate seiner alten Heimat Ostpreußen zum Thema.

Schreiben als Therapie?

Globe-M: Sie haben Ihre Eltern 1945 als Elfjähriger verloren. Etliche Schriftsteller mit dramatischen Anteilen in ihrer Biographie nutzen Schreiben als Art von Therapie. Darf ich Sie fragen, ob das bei Ihnen ähnlich ist? Schreiben Sie als Therapie?
Arno Surminski: Das würd’  ich nicht so sehen. Ich schreibe, weil ich einen Zwang habe zu schreiben. Ich war schon als Kind besessen darauf, mich schriftstellerisch zu betätigen. Es ist eher anders gewesen, nachdem ich dieses Erlebnis hatte. Das ist gewissermaßen ein guter Stoff, um darüber zu schreiben. Irgend etwas seelisch abarbeiten mit diesem Schreiben mußte ich nicht. So sehe ich es jedenfalls.

Methoden eines erfolgreichen Schriftstellers

Globe-M: Wie schreiben Sie? Haben Sie bestimmte Methoden, nur vormittags oder bei Nacht und mit viel Kaffee?
Arno Surminski: Also weder mit Wein noch mit Kaffee (Heiterkeit), aber der Vormittag ist die beste Zeit, da ist man noch am frischesten, nachmittags dann auch noch ein bisschen, aber dann weniger.
Ich schreibe mit der Hand, dann diktiere ich es auf Band; und dann habe ich eine Dame, die das in die Schreibmaschine schreibt. Und dann korrigiere ich das Geschriebene, was sehr viel Arbeit macht mit über sechs oder sieben Fassungen…

Globe-M: Und für welche entscheiden Sie sich?
Arno Surminski: Das wird weggeschmissen, das wird immer überarbeitet. Das sind nicht unterschiedliche Fassungen, sondern überarbeitete, wo alles Überflüssige rausgelassen wird; dann ist es fertig.

Globe-M: Haben Sie auch manchmal Schreibblockaden gehabt, und wenn ja – wie gehen Sie damit um?
Árno Surminski: Schreibblockaden?!

Globe-M: Dass sie an einer Stelle nicht mehr weiterkommen, die Muse Sie überhaupt nicht mehr küssen mochte… Machen Sie einen Spaziergang oder nehmen Sie gar einen Urlaub?
Arno Surminski: Ich arbeite meistens am Meer. Wenn ich wirklich mal einen Leerlauf habe und nicht weiterweiß, mache ich da einen Spaziergang. Oder ich schreibe an was anderem. Irgendwas schreibe ich immer. Es kommt eigentlich kaum vor, dass ich nicht weiterweiß.
Das würde mich auch sehr treffen.

Globe-M: Sie schreiben ja über Stoffe, die einen ganz schön mitnehmen.
Arno Surminski: Sie waren ja auch in Stolpe….  (Globe-M berichtete.)

Globe-M: Ja, eben. Wie gehen Sie da mit eigenen Belastungen um – nimmt Sie das dann auch so mit als Autor wie die Zuhörer?
Arno Surminski: Eigentlich nicht, und das muß auch so sein, weil man darf sich nicht so sehr von den eigenen Gefühlen treiben lassen, dann kann man nicht gut schreiben. Ich schreibe recht nüchtern, dass es mich innerlich nicht so sehr berührt. Ich halte das aber für notwendig, dass man das so macht. Nachher, später, wenn ich lese, sobald es fertig ist – dann bin ich total ergriffen. So war es v. a. in meinem ersten Buch, Jokehnen. Das ist auch sehr autobiografisch. Wenn ich da gewisse Passagen lese, dann kommen mir die Tränen. Beim Schreiben aber nicht, Gott sei Dank nicht, weil dann könnte ich nicht schreiben!

Hintergründe der Berufswahl

Globe-M: Was treibt Sie an beim Schreiben?
Arno Surminski: Was mich antreibt? Es fertig zu kriegen. (Heiterkeit)
Hab ich einen Stoff, will ich ihn auch zu Ende bringen und würde es als Versagen auffassen, wenn man nicht weiterkann. Das treibt mich. Und es immer besser machen und besser machen – deshalb diese vielen Fassungen.

Globe-M: Warum sind Sie Schriftsteller geworden?
Arno Surminski: Weil ich das am besten konnte. Wenn ich hätte gut singen oder malen können, wäre ich Sänger oder Maler geworden. Schreiben war schon von Anfang an erkennbar mein Bestes, schon in der Schule,
Ich habe das auch autodidaktisch gelernt. Ich habe Bücher auch immer gelesen unter dem Gesichtspunkt: Wie schreibt man. Kriegen die sich oder wird der Mord aufgeklärt, wenn ja wie – und wie wird das dargestellt.

Globe-M: Und wie wird man erfolgreicher Schriftsteller?
Arno Surminski: Indem man Sachen schreibt, die viele Leute lesen wollen. Da habe ich das Glück, dass der Stoff, mit dem was im Osten passiert ist, viele interessiert. Da gibt es ja noch viele, die das aufarbeiten müssen, und das auch gerne lesen.

Literarische Vorbilder

Globe-M: Haben Sie literarische Vorbilder, an denen Sie sich auch orientieren?
Arno Surminski: Ich mag einige besonders gern, aber das ist ja die Crux mit den Vorbildern, man muß aufpassen, dass man nicht deren Stil dann schreibt. Man liest die und ist begeistert. Und so passiert es hauptsächlich in jungen Jahren: Man schreibt sechs Wochen so, wie die geschrieben haben – und das geht natürlich nicht, man muß schon einen eigene Stil finden. Ich mag z. B. die am Schriftsteller sehr gerne, Hemingway. Hier in Deutschland war ich von dem ersten Werk von Günter Grass beeindruckt, der „Blechtrommel“. Danach wurde es bißchen weniger, aber das war umwerfend gut, fand ich. Siegfried Lenz, er kam ja auch dem Osten, das sind so Leute, nicht Vorbilder, aber deren Stil ich mag und deren Art ich mag.

Globe-M: Haben Sie Hemingway vielleicht auch mit Ihrem Ausflug nach Kanada  nachahmen, erreichen wollen?
Arno Surminski: Das kann sein. Da hab ich englische Literatur auch gerne gelesen und bin vielleicht von dem etwas einfacheren, lapidareren Still der Amerikaner fasziniert worden. Ich weiß nicht, ob ich Hemingway damals gelesen habe, aber ich habe Buddenbrooks von Thomas Mann in Vancouver auf englisch gelesen. Und gleich daneben Hitlers „Mein Kampf“, auch auf englisch.

Globe-M: Den Abstand durch die Fremdsprache braucht man vielleicht…
Arno Surminski: Ja.

Die nächsten Projekte

Globe-M: Ihr nächster Roman, ihre nächste Erzählung?
Arno Surminski: Ich hab schon was, ich möchte noch vier, fünf Sachen schreiben…

Globe-M: Wollen Sie schon verraten, was?
Arno Surminski: Nein, das will ich eigentlich nicht. Wenn ich es sagen würde, würde es mich binden, und verhindern, es vielleicht in den Orkus zu werfen. Es sind Erzählungen dabei, so was.

Freundschaft mit Kollegen

Globe-M: Haben Sie Freunde unter Kollegen?
Arno Surminski: Siegfried Lenz ist der einzige. Das ist nicht weit verbreitet unter Schriftstellern. Und dass man zusammensitzt und über eigene Projekte spricht, das schon gar nicht. Regelrechte Freundschaften habe ich dort kaum außer Siegfried Lenz.

Globe-M: Sprechen Sie mit Siegfried Lenz über eigene Projekte?
Arno Surminski: Eigentlich auch nicht. Über fertige Bücher spricht man, wenn man veröffentlicht hat: Wie war das? Warum hast Du das so gemacht? So etwas kann schon sein, aber nicht vorher, nicht während der Arbeit! Während der Arbeit spreche ich noch nicht mal mit meiner Frau darüber! Weil das würde mich irritieren, wollen wir mal sagen, es führt mich eher auf Abwege, wenn man gesagt bekommt, ah, das ist aber ein verkehrter Weg, mach das so, mach dies…

Globe-M: Sind Sie mit Siegfried Lenz befreundet, weil Ihrer beider Heimat im Osten liegt?
Arno Surminski: Das ist nicht der Grund. Es ist eher so, weil wir in Hamburg sehr nahe beieinander sind, wir waren auch mal im gleichen Verlag, und als seine Frau starb, war ich auf seiner Beerdingung. Es ist eigentlich die Nähe in Hamburg, die das ermöglicht hat. Und er ist ein Mensch, der sehr angenehm ist im persönlichen Umgang. Er ist sehr bescheiden, das erleichtert auch die Kommunikation.

Die neue Heimat

Globe-M: Würden Sie Hamburg als Ihre neue Heimat bezeichnen?
Arno Surminski: Heimat… Ich hab noch ein Haus in Schleswig-Holstein, da waren wir gestern bei diesem furchtbaren Regen. Das ist mindestens auch soviel Heimat wie Hamburg. Der Osten ist nicht mehr Heimat für mich,
Das liegt daran, dass ich diese erste Heimat also in einem total verwahrlosten und zerstörten und menschenleeren Zustand erlebt habe im Sommer 45, nach dem Krieg. Da sind mir alle Gefühle an diese erste Heimat abhanden gekommen. Weil es so trostlos war, weil meine Eltern nicht da waren – es war überhaupt niemand da, mit dem man kommunizieren konnte. Und das war für mich das Ende von Heimat.

Verantwortlichkeit und Absicht

Globe-M: Meine letzte Frage: Möchten Sie der Welt in Ihren Büchern etwas mitgeben, und wenn ja was?
Arno Surminski: Mein Hauptanliegen ist, was in meinen Büchern immer wieder zum Ausdruck kommt, die Aufarbeitung der Zeitgeschichte in Roman- oder Erzählungsform. Ich will diese Geschichte festhalten, und ich will vor allen Dingen mit meinen Büchern auch an die vielen Menschen erinnern, die durch die Räder, unter die Räder gekommen sind, in diesem Krieg und nach diesem Krieg, und die keine Stimme haben. Und dies zu artikulieren. Für die fühle ich mich verantwortlich. Dazu gehören auch meine Eltern.
Globe-M: Vielen Dank.

 

Das Interview führte Justinus Pieper.

 

Arno Surminskis neuer Roman Winter Fünfundvierzig oder die Frauen von Palmnicken ist bei Ullstein erschienen und kostet 19,95 Euro. (Globe-M berichtete über die Lesung in Schloß Stolpe auf Usedom: http://www.globe-m.de/de/experts/winter-fuenfundvierzig)

Weitere Informationen über Arno Surminski
www.arno-surminski.de

 

 

 

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