Axel Hacke gehört zu den bekanntesten und amüsantesten deutschsprachigen Kolumnisten. Seit drei Jahrzehnten schreibt er für die Süddeutsche Zeitung - zur Freude seiner Leser wie zu seiner eigenen. Etliche von Axel Hackes Geschichten gibt es bereits in Buchform.
Die Erfolgsgeschichte
Globe-M: Herr Hacke, was treibt Sie an?
Axel Hacke: Sie meinen bei der Arbeit?
Globe-M: Zum Beispiel.
Axel Hacke: Mir macht es Spaß. Und ich habe das Bedürfnis mich zu äußern; dem komme ich nach. Außerdem muss ich Geld verdienen. Das ist ein ganz gutes Zusammentreffen: dass ich mit etwas, das mir Spaß macht, Geld verdienen kann.
Globe-M: Sie waren erst Sportredakteur, dann politischer Redakteur – wie ist Ihnen der Wechsel gelungen?
Axel Hacke: Das ist lange her, aber es war damals nicht so leicht, denn die Sportredakteure galten in den achtziger Jahren noch als etwas beschränkt und nicht sehr gebildet. Und es war ganz unüblich, dass jemand aus dem Sportteil der Zeitung in den politischen Teil ging. Ich war der erste, der das gemacht hat. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Leiter der politischen Redaktion in der Süddeutschen Zeitung, damals Robert Leicht, der später Chefredakteur der Zeit war, verstanden hatte, dass auch Sportredakteure was in der Birne haben können.
Globe-M: Wie haben Sie das dennoch geschafft?
Axel Hacke: Der wollte zum Beispiel meine Hauptseminararbeiten und meine Magisterarbeit lesen.
Globe-M: Sie haben sich also bei ihm beworben?
Axel Hacke: Ich habe Politikwissenschaften studiert – das wollte der alles lesen. Ob das auch stimmt, was ich gemacht habe und wie ich so schreibe.
Globe-M: Die Initiative ging also von Ihnen aus, dass Sie wechseln wollten?
Axel Hacke: Nö, da haben mich ein paar Leute ins Gespräch gebracht. Ich war ja vorher eher zufällig Sportredakteur geworden, wollte nach dem Studium unbedingt zur Süddeutschen Zeitung, und da war nur ein Job in der Sportredaktion frei. Ich habe mir gesagt, bevor ich als Politikredakteur in die Provinz gehe, werde ich halt Sportredakteur bei der Süddeutschen. Ich hab ja auch was davon verstanden und war da schon Freier Mitarbeiter gewesen. Insofern war das nicht schlimm. Aber was immer gesucht wurde in der Süddeutschen damals, das waren Autoren für „Das Streiflicht“ auf der Seite Eins. Und das konnte ich ganz gut, es gab immer so tägliche Glosse im Sportteil, die hab ich sehr oft geschrieben, da hat man gesehen, hey, der kann so was! Und man hat mich gefragt, ob ich nicht auch Streiflichter schreiben würde. Die Streiflicht-Redakteure saßen damals alle in der politischen Redaktion.
Treibstoff by Bosch?
Globe-M: Wie schreiben Sie? Brauchen Sie dazu Rotwein, Kaffee, Kuchen? Steht vielleicht nicht umsonst der Bosch so nahe?
Axel Hacke: Nein, ich habe mein Büro, ich kann aber auch überall sonst schreiben. Wenn ich meine Ruhe hätte, könnte ich auch hier in der Garderobe arbeiten. Ich bin das gewöhnt. Als Sportreporter lernt man das, auf einer Fußballtribüne muss man schreiben können, an der Skisprungschanze, bei Kälte, immer. Ich habe schon auf einer Herrentoilette in Sarajewo geschrieben, weil das der einzige Platz war, wo man sitzen und arbeiten konnte und seine Ruhe hatte. In großen Pressezentren, da sitzen Tausende von Leuten in einer riesigen Halle, da muss man auch arbeiten können. Ich hab das gelernt und ich bin nicht der Typ, der unbedingt seinen bestimmten Bleistift haben muss. Kleine Ritualhandlungen vor Beginn des Schreibens hat aber jeder. Ich muss meine Tasse Kaffee trinken – dann fang ich an!
Schottischer Whisky? Nö! Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf!
Globe-M: Was machen Sie, wenn Ihnen nichts einfällt, vielleicht sogar eine richtige Schreibblockade herrscht?
Axel Hacke: Eine Schreibblockade habe ich in meinem Leben erst einmal gehabt. Da musste ich ein Porträt über den Golfspieler Bernhard Langer schreiben. Der ist ein furchtbar netter Mensch und ein toller Golfspieler obendrein – bloß als Interviewpartner nicht sehr ergiebig. Der hatte das Masters in Amerika gewonnen und spielte dann die British Open in Schottland – und ich musste ein Porträt von ihm schreiben. Donnerstag hatte ich ihn interviewt, samstags sollte eine ganze Seite über ihn in der Zeitung stehen, auf der Seite Drei der Süddeutschen. Und ich saß in einem Bed & Breakfast-Schloss in Schottland – und mir fiel absolut nichts ein! Es war entsetzlich. So eine Seite Drei muss ja gefüllt sein. Und ich saß nachts bis um vier und konnte alles nur wegwerfen, was ich hatte. Immer wieder! Um vier war ich den Tränen nahe.
Globe-M: Schottischer Whisky half auch nicht?
Axel Hacke: Nee. Alkohol hilft bei mir beim Schreiben gar nicht. Ich war todmüde, hab mich dann hingelegt. Um sechs bin ich wieder aufgestanden, habe kalt geduscht – dann ging es. Was auch hilft gegen Blockaden: Man muss ungewöhnliche Dinge tun. Als ich mein erstes Streiflicht in der Süddeutschen schrieb: Das musste um 16.30 fertig sein, um vier hatte ich von 70 Zeilen 20 geschrieben, die restlichen fielen mir einfach nicht ein. Ich ging raus auf den Flur – da traf ich einen älteren Kollegen. Der sagt mir, du musst mit dem Paternoster – damals gab es das noch – einmal eine große Runde fahren, nicht aussteigen, was vollkommen Verrücktes. In meiner Verzweiflung hab ich das gemacht und bin einmal ganz rum gefahren. Dann bin ich in mein Büro gegangen und habe in einer Viertelstunde ein ordentliches Streiflicht bis zum Ende geschrieben. Paternosterfahren hat geholfen!
Vorbilder mit 54? Das war gestern!
Globe-M: Haben Sie literarische Vorbilder? Thomas Bernhard vielleicht? Indem Sie sich an ihm orientieren, parodieren Sie Ihren Lebenslauf auf Ihrer Internetseite.
Axel Hacke: Nein – Thomas Bernhard lässt sich einfach gut parodieren, wie Thomas Mann auch. Alles Autoren, die einen so eigentümlichen, charakteristischen Stil haben. Aber Vorbilder? Hören Sie, ich bin jetzt 54, da ist es mit den Vorbildern vorbei. Die hat man ja ohnehin nur für bestimmte Punkte. Es ist ja nicht so, dass man sie als Vorbild nimmt für alles, was man macht. Herbert Riehl-Heyse, der große Journalist, war für mich ein Vorbild, wie man Ironie benutzt. Oder Tucholsky, wie man einen bestimmten Ton treffen kann und dann auch durchhält. In solchen Punkten habe ich Vorbilder gehabt – aber auch das ist jetzt vorbei.
Globe-M: Haben Sie Freunde unter Kollegen? Der Name Martenstein fiel vorhin.
Axel Hacke: Der ist nachher bei meiner Lesung im Publikum – was mich sehr freut. Den respektiere ich unglaublich, lese alles, was er schreibt. Wir kennen uns aber leider nur flüchtig. Natürlich habe ich Freunde unter den Kollegen – Giovanni di Lorenzo ist einer meiner besten Freunde, Ludger Schulze, der frühere Sportchef der Süddeutschen… Also da gibt es einige.
Elf Freunde sollt ihr sein...
Globe-M: Wie gehen Sie mit Konkurrenz um?
Axel Hacke: Das nehme ich sportlich.
Globe-M: Als Sportredakteur.
Axel Hacke: Ich war ja früher selbst Sportler. Der Geist, den man wenigstens zu meiner Zeit noch vermittelt bekommen hat, kommt aus dem Amateursport, da konnte man kein Geld verdienen, da ging es um was anderes.
Globe-M: Was haben Sie gemacht?
Axel Hacke: Hockey. Da kann man heute noch immer nichts verdienen, glaube ich. Aber dass man versucht, besser zu sein als der andere, ohne dass man es persönlich nimmt, das finde ich eine gute Art.
Globe-M: Neue Projekte in Aussicht?
Axel Hacke: Über neue Projekte rede ich grundsätzlich nie. Es ist doch so: Das, woran man arbeitet, muss man für sich behalten. Da darf man nicht drüber reden. Da fragen einen sonst dauernd die Leute, na, was ist denn draus geworden? Und am Ende wird`s womöglich doch nix – nein. Man muss die Klappe halten, bis es fertig ist!
Globe-M: Danke für das Gespräch!
Das Interview führte Justinus Pieper.
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