Dieter Hildebrandt ist der Grandseigneur des deutschen Kabaretts. In seinen TV-Serien wie „Scheibenwischer“, „Notizen aus der Provinz“ oder „Kir Royal“ begeisterte er ein Millionenpublikum.
Dieter Hildebrandt gewann den Grimme-Preis aller Klassen, Metalle und Legierungen.
Mit Sammy Drechsel gründete er die Münchner Lach- und Schießgesellschaft, deren Ensemble er bis 1972 angehörte. In den „Wühlmäusen“ gab er eine Kostprobe seines Könnens.
Sein Motto: Es lohnt sich, weiterzuleben!
Globe-M: Herr Hildebrandt, Sie sind Kabarettist und mit einer Kabarettistin verheiratet.
Ist das der Garant für eine gute Ehe?
Dieter Hildebrandt: Das hat damit überhaupt nichts zu tun! Das war am Ende ein Coup de foudre. Ein Blick, eine Liebe – egal welcher Beruf. Ich kannte sie schon von früher, und ich habe sie geschätzt als Kollegin. Aber durch irgend etwas – es würde hier zu weit führen, das zu erklären – wurde das eine ganz große Liebe.
Globe-M: Frauen sind ja oft die besten Kritikerinnen – auch des eigenen Programms. Tauschen Sie sich gegenseitig vorher aus?
Dieter Hildebrandt: Meine Frau Renate macht nichts mehr, die hat die Segel gestrichen. Eines Tages kam sie zurück vom Synchron – sie war Synchronsprecherin – vielleicht eine der besten, die es in Deutschland gab – und hat festgestellt, dass die Art zu arbeiten heute ihr nicht mehr nicht nur nicht gefällt, sondern missfällt. Das heißt, der Kunst sehr großen Abbruch tut, die sie bisher gepflegt hat – nämlich den Film erstmal anzuschauen, und zu wissen, worum es dann geht. Und dann zu überlegen, was die Sätze zu bedeuten haben, die sie aus dem Englischen oder Japanischen oder was weiß ich übersetzt. Inzwischen war es so, dass man hineinkam, der Film lief ab, den man zu synchronisieren hatte, und dann musste man sofort drauf sein. Und dann gab es eine ganze Menge Kolleginnen, die das sofort konnten. Natürlich wussten sie nicht, wovon sie sprachen, wovon sie reden. Und das hört man dann auch in den Filmen. Und ab da hat sie ihren Beruf aufgegeben.
Globe-M: Das kann ich verstehen.
Dieter Hildebrandt: Ja!
Globe-M: Das ist ja in Platons Dialog Gorgias, in dem der gleichnamige Antagonist des Sokrates die Redekunst universell einsatzfähig sehen möchte, auch so – ganz unabhängig davon, worum es eigentlich geht.
Dieter Hildebrandt: Dem begegnet man jetzt öfter ja, das stimmt. Da haben Sie recht.
Globe-M: Warum sind Sie Kabarettist geworden? Und so lange auch geblieben?
Dieter Hildebrandt: Och, aus Anteilnahme an dem, was mein eigenes Problem ist, nämlich das Problem, mit anderen zu leben, und das Problem der anderen, mit mir zu leben!
Das war der Grund, darüber nachzudenken, ob man das nicht formulieren kann.
Und da war ein gehörig Maß an Zorn dabei! Den die Kriegsgeneration, die selbst im Krieg war, immer noch mitschleppte, und man immer noch vorhatte, dass diese Demokratie, die da neu entstanden ist, möglichst ungefähr so entwickelt wurde, wie wir uns das vorgestellt hatten. Doch das war nicht der Fall!
Heute erst wird darüber nachgedacht, mit welchem Geheimdienst wir begonnen haben, diese Republik zu gründen. Wir aber haben bereits damals, vor ungefähr 60 Jahren, darauf hingewiesen, dass das alles alte Nazis waren, die früher die Gestapo bevölkert haben. Das wurde nicht zur Kenntnis genommen. Man nickte damals einfach und sagte: Okay.
Heute wird darüber nachgedacht. Ob es nicht so gewesen sein könnte. Und das sind alles Dinge, die mich dazu verleitet haben, das zu formulieren und auf eine Bühne zu tragen.
Auch die Motivation im Moment und die nächsten Jahre, die bleibt…!
Globe-M: Wie schätzen Sie die Wirkung Ihrer Tätigkeit als Kabarettist ein?
Dieter Hildebrandt: Nicht negativ, aber auch nicht jubelnd. Ich glaube nicht, dass wir, die wir Kabarett betreiben, irgend etwas verändern können, was sich nicht von selbst verändert.
Das heißt, wir haben die Möglichkeit, die Menschen in einer hoffentlich gut formulierten Form darauf aufmerksam zu machen, dass es Möglichkeiten gibt, anders zu denken. Und die Dinge von einer anderen Seite zu betrachten; auch das, was mit uns passiert. Und den Zweifel nähren! Verunsichern!
Diesen Reichtum auch etwas schmälern, indem man sagt, das ist kein echter Reichtum, dieser Wohlstand hier ist nicht auf Gerechtigkeit begründet; wir sind nicht sozial, wir haben keinen Sozialstaat.
Wir haben den Ansatz dazu gemacht, klar, und haben ganz schöne Erfolge. Unsere politische Entwicklung ist ja nicht durchweg schlecht, man muss es immer vergleichen mit dem Ausgang. Von wo kamen wir? Von 1945. Und da, an dem gemessen, sind wir sehr erfolgreich gewesen!
Globe-M: Selbst in Bayern?
Dieter Hildebrandt: Die Verhältnisse in Bayern sind jetzt tatsächlich etwas andres. Die Inhaber von Bayern, also die Leute, denen Bayern gehört hat, sind alle gestorben.
Globe-M: Befeuern oder verhindern Sie eher mit Ihrem Beruf, dass sich etwas ändert, gar revolutionäre Verhältnisse?
Dieter Hildebrandt: Ich hoffe, dass ich sie nicht verhindere – ob ich sie befeuere, ist eine andere Geschichte. Es kommt immer darauf an, wie ernst das genommen wird, was man heute sagt.
Globe-M: Sie haben lange mit Werner Schneyder und dann mit Bruno Jonas zusammen gearbeitet. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Sie mit beiden befreundet zumindest waren, vielleicht auch noch sind…
Dieter Hildebrandt: Jaja!
Globe-M: Wie wichtig sind Ihnen Freunde, und wie wichtig sind Freunde in Ihrem Beruf?
Dieter Hildebrandt: Freunde, die gleichzeitig Kollegen sind… Für mich sind Kollegen sehr oft Freunde. Die sind ganz wichtig für den Widerspruch, für die Antworten. Ich stelle gern Fragen, und mein Partner gibt mir Antworten. Und mein Partner stellt Fragen, und ich gebe die Antwort.
Globe-M: Auch auf der Bühne?
Dieter Hildebrandt: Natürlich. Ich sehe, dass sich sein Gesicht verändert – das können wir auch probiert haben – das ist immer wieder eine Überraschung, wie ein Mensch reagiert. Der Dialog ist immer ganz wichtig, das notwendige Futter für eine Veranstaltung. Wenn man keinen Partner hat und langsam älter wird, wird man langsam anfangen, zu monologisieren.
Geliebt habe ich die Zeiten, als wir ein Ensemble waren, also ich meine die Zeiten der Lach- und Schießgesellschaft, als wir zu viert und zu fünft waren. Das war eine meiner schönsten Zeiten.
Globe-M: Sind Freunde auch ein Korrektiv?
Dieter Hildebrandt: Ein Kabarettist ist ja immer sein eigener Regisseur. So dass wir, wenn wir vier oder fünf auf den Bühne sind, auch mindestens genauso viele Regisseure haben – was die Arbeit nicht immer unbedingt erleichtert. Aber es bringt ganz gute Ergebnisse. Wenn man sich da durchsetzt, hat man vielleicht was Positives getan.
Globe-M: Ihr Erfolgsgeheimnis, das Sie uns selbstverständlich verraten möchten?
Dieter Hildebrandt: Ich hab kein Geheimnis. Ich lebe so dahin, ich arbeite so dahin und denke so dahin und sehe keinen besonderen Erfolg.
Globe-M: Immerhin sind Sie der bekannteste deutsche Kabarettist!
Dieter Hildebrandt: Das ist ja kein Verdienst, das ist eine Folge der permanenten Belästigung des Publikums!
Globe-M: Ich habe aber doch den Eindruck, das Publikum lässt sich gerne von Ihnen belästigen! Und das seit einem halben Jahrhundert!
Dieter Hildebrandt: Das ist ein Erfolg, das gebe ich zu. Dafür gibt es aber kein Geheimnis! Da müssen Sie die Menschen fragen, was sie bewegt hat, immer wieder zu kommen. Vielleicht liegt es daran, dass sie einen mögen. Aber das ist auch kein Erfolg, sondern eine genbedingte Sache, eine Schenkung, eine schöpferische Schenkung, ich weiß es nicht…
Globe-M: Was möchten Sie der Welt mitgeben – ein bißchen haben Sie es schon angedeutet. Alternativen aufzeigen, darauf hinweisen, dass es anders geht…
Dieter Hildebrandt: Ja. Ich möchte immer wieder sagen: Es lohnt sich weiterzuleben!
Das Interview führte Justinus Pieper.
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