Gayle Tufts, Entertainerin und „bekannteste in Deutschland lebende Amerikanerin“ (Der Stern), studierte am New York University`s Experimental Theatre Wing Theater, Tanz und Theaterwissenschaften. 1985 kam sie mit einer Tanz-Kompagnie nach Berlin, wohin sie 1991 dauerhaft übersiedelte.
"Reality is Comedy"
Globe-M: Ich habe mir vorhin nochmal Ihre Liebeserklärung an die deutsche Sprache angeschaut, gerade was die Metamorphose des Wortes „Schatz“ angeht. Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?
Gayle Tufts: Es sind immer die Wunder des Alltags. Die beste Comedy liegt in der Reality, im Alltagsleben. In diesen Situationen, in denen man leider meist alleine ist, an der Tankstelle, beim Bürgeramt, bei Douglas; in denen ich wünschte, alle meine Freunde wären hier, die würden das nicht glauben. Wir haben ja alle diese Momente. Bei mir kommen die allerdings gleich in mein Notizbuch. Besonders, wenn man verarscht wird von jemandem – das schreib ich sofort rein und denke: Gratuliere, Sie sind in meiner nächsten Show!
Jetzt schreib ich grad über die Deutschen im Supermarkt vor dem Joghurt-Regal. Wie ihr das macht, das ist ganz anders als in Amerika. Das ist ein bisschen wie eine Schatzsuche. Oder ihr und das Brot – da seid ihr im Urlaub, auf den Malediven, auf Tahiti, in New York meinetwegen, und es ist wunderschön und ihr merkt das auch – und dann fällt euch ein: Aber es gibt kein gutes Brot …!
Man muss einfach unterwegs die Ohren offenhalten und das mit einem Lächeln sehen – ich finde diese Dinge witzig. Und ich hoffe, dass es meinem Publikum genauso geht. Ich würde nie andere Charaktere spielen, oder probieren, jemand anders zu sein als ich. Das ist eine andere Form von Comedy. Ich möchte viel lieber mein Leben als Ausländer hier erzählen, mein Leben als Frau – jetzt als Frau um die 50 – es ist witzig genug!
(Heiterkeit)
Botschafterin
Globe-M: Verstehen Sie sich auch ein wenig als Mittlerin zwischen den Welten, zwischen den beiden Kontinenten, als Mittlerin zwischen Deutschland und Amerika?
Gayle Tufts: Ich hoffe, ich bin eine gute Botschafterin. Denn ich würde nie deutsch sein, ich bin keine blonde, blauäugige, hier tief Verwurzelte. Ich komme aus einem Land, wo bis auf die Indianer alle von woanders kommen, ich komme aus einem ziemlich wurzellosen Land. Wenn ich jetzt nach 20 Jahren zurück nach Amerika gehe, bin ich auch dort ein bisschen fremd, ich denke dann: wie bitte?! Donald Trump als ernsthafter Präsidentschaftskandidat oder Sarah Palin – you `re kidding!
Doch ich probiere, nie mit erhobenem Zeigefinger meine Shows zu machen – seht her, Ihr blöden Deutschen oder Ihr blöden Männer! Ich probiere das immer mit ein wenig Selbstironie. Ich bin eine Amerikanerin in Deutschland, ich bin eine Amerikanerin in Berlin. Ich werde immer dazwischen stehen, was nicht immer bequem ist, auch für mich nicht!
Globe-M: Sie verstehen also Ihre Kunst durchaus politisch?
Gayle Tufts: Ja. Ich würde mich auch nicht Kabarettistin nennen. Politik ist ein Teil unseres Alltags – gerade, wenn man erwachsen ist, oder probiert, erwachsen zu sein. Ich bin 1960 geboren, unsere Generation war da ja ein bisschen überrumpelt, aber okay, wir probieren`s . Und man hat natürlich Verantwortung .
Globe-M: Wollen Sie ein wenig die Welt verändern mit Ihrer Kunst?
Gayle Tufts: Ich glaube, wir können nur unser eigenes Leben verändern. Ich probiere das sehr gerne mit Kunst. Ich kann die anderen Leute vielleicht nicht beeinflussen, aber ich kann vielleicht deren Perspektive ein bisschen verändern.
... und Entertainerin
Globe-M: Wie würden Sie Ihren Beruf bezeichnen?
Gayle Tufts: Ich bezeichne mich als Entertainerin; auf Deutsch klingt das ein bisschen blöd, geradezu wie ein Schimpfwort, aber ich finde das unterhaltsam. Optimismus und Hoffnung zu vermitteln ist ein Teil meines Jobs, zu sagen – hey, die Zeiten sind hart, aber die Zeiten waren immer hart. Und man muss eben durchkommen.
Das Glas mehr als halb voll zu sehen; die Deutschen sehen ja manchmal das Glas nicht mal als halb leer, sondern sagen mitunter gleich: Scheiß-Glas! – Hey, dabei ist es mindestens halb voll!
Globe-M: Ist diese Art von optimistischer Weltsicht vielleicht auch Teil Ihres Erfolgsgeheimnisses?
Gayle Tufts: Ja. Im Moment schreibe ich was Neues, und ich mache mir Gedanken wie das ist, als Amerikanerin 20 Jahre hier zu sein. Als ich das erste Mal hierher kam, nach Westdeutschland, war das eine ganz andere Welt. Auch als Amerikanerin, dieses optimistische Sonnyboy-Amerika-Gefühl, das ist heute anders. Aber in meinen Wurzeln, in meiner DNA, gibt es etwas, das ist und bleibt optimistisch. Mit einem guten Schuss Selbstironie! Die Leute brauchen das auch. Auf jeden Fall brauche ich das – ich liebe Künstler, die mir das geben. Wenn ich Geld für Unterhaltung ausgebe, möchte ich ein bisschen emporgehoben werden; wenn ich ein bisschen denken kann, wenn ich ein ein bisschen lachen kann, aber auch wenn ich ein bisschen weinen kann, ist das wirklich nicht schlecht.
Vorbilder
Globe-M: Haben Sie Vorbilder unter Ihren Kollegen? Leben die noch oder müssen die dazu schon tot sein?
Gayle Tufts: Haha, ich liebe Bette Middler, ich verehre Elvis Costello; das sind wirklich Showtiere, die haben eine Wahnsinnsbandbreite. Hier in Deutschland wird das ja immer so scheel beäugt, da musst du entweder Schauspielerin sein oder Entertainerin oder Sängerin, aber wenn einer mehreres gleichzeitig ist, wehe…! Natürlich haben wir in den USA zum Glück nicht diese künstliche Trennung in E- und U-Musik. Ja, wer noch? In Deutschland Pigor und Eichhorn, die Geschwister Pfister, Dieter Nuhr, Michael Mittermeier, auch Volker Pispers finde ich super. Oder Rebecca Carrington, die britische Cellistin – fantastisch.
Die nehmen das ganze Leben nicht so bitter ernst. Sich selber auch nicht. Dazu muss man Mut haben, Herz und Gehirn zu öffnen. Das meine ich ernst! Den Mut, mich vor Publikum zu öffnen, mit allen meinen Zweifeln.
Globe-M: Nach 20 Jahren Auftritt vor deutschem Publikum – haben Sie noch Lampenfieber?
Gayle Tufts: Immer. Und es wird immer schlimmer. Und ich hasse Premieren! Am liebsten würde ich gleich mit der dritten Vorstellung meiner neuen Show einsteigen! Weil bei der ersten sind deine Freunde dabei, da sitzt deine Familie im Publikum, und die haben mehr Angst als du! Grausam!
Ich bin ein Bühnentier, ich liebe das, jeden Abend zu spielen! Ich liebe das, wenn man drei, vier Wochen spielt, da hat man einen Groove; aber wenn Premiere ist oder wenn man jeden Abend in einer anderen Stadt spielt … Ich möchte jeden Abend mein Bestes geben, ich möchte meine Connection haben mit meinem Publikum. Und es ist jeden Abend anders – das ist das Schöne an meinem Beruf – und leider auch der Grund für Lampenfieber! Zumal: Ich bin eine Streberin.
Globe-M: Nein!
Gayle Tufts: Doch! ich wollte schon als Kind perfekt sein; ich wurde nie perfekt, aber ich wollte mein Bestes geben. Ich bin auch sehr streng mit mir – und frag mich ziemlich selbstkritisch hinterher: Wie war das heute? Man ist ja nicht immer in Top-Form: Entweder man sass zu lange in der verspäteten Bahn – ja, das soll vorkommen – oder man hat schlecht in einer Pension geschlafen. Aber wenn man kein Lampenfieber hat, ist es Zeit, einen neuen Job zu finden. Denn Lampenfieber ist doch ein Indikator für den Reiz, den man für etwas empfindet. Nicht den ganzen Abend, klar, aber ein bisschen Prickeln muss sein. Wie bei einem First Date!
(Heiterkeit)
Globe-M: Was ist Ihr Motto?
Gayle Tufts: Früher: “When life gives you lemons, make lemonade!” Heute: „Keep your sunny side up“, das hat mein Vater immer gesagt – frei übersetzt: Sei optimistisch – warum nicht?
Globe-M: Vielen Dank!
Das Interview führte Justinus Pieper.
Weitere Informationen
Gayle Tufts im Internet:
Offizielle Homepage Gayle Tufts
Kommende Woche ist Gayle Tufts bei den Berliner Wühlmäusen zu Gast:
Dienstag, 19.4 - Freitag, 22.4., jeweils um 20.00: MISS AMERICA - reloaded