Justinus Pieper trifft ... Judy Winter

Foto  © Agentur de la Berg

Judy Winter ist eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen.
Seit 1966 ist sie in namhaften Film- und Fernsehproduktionen zu sehen (unter anderem in dem legendären Tatort „Reifezeugnis“  von 1977 mit Klaus Schwarzkopf und Nastassja Kinski). Judy Winter war und ist auch auf wichtigen deutschen Bühnen zu Hause.

So spielte sie am Thalia Theater in Hamburg, am Bremer Theater, am Theater an der Wien und aktuell am Renaissance-Theater in Berlin.
Weltweite Erfolge feiert sie seit 1998 mit „Marlene“.
Judy Winter ist auch preisgekrönte Synchronsprecherin, unter anderem für Vanessa Redgrave, Shirley MacLaine, Jane Fonda, Jeanne Moreau, Faye Dunaway und Liv Ullmann („Szenen einer Ehe“), wofür sie 1977 die Goldene Kamera erhielt.

Globe-M: Frau Winter, warum sind Sie Schauspielerin geworden?
Judy Winter: Das hat einen ganz, ganz tragischen Grund: Weil ich eigentlich Tänzerin werden wollte und mit 1,75 zu groß geworden bin – also nicht für den klassischen Tanz, sondern für das Ballett. Auf der Spitze ist man dann ja noch 10cm  größer. Da findet man keinen Partner. Zudem sieht`s auch nicht schön aus, so `n langes Reff auf der Bühne. Aber das Fieber hatte mich einfach gepackt!
Dann wollte ich Ballettmeisterin werden. Und habe bald schon ein Kinderballett geleitet – da gibt es wunderschöne Photos, das Kinderballett am Nationaltheater Mannheim…

Globe-M: Als 13-jährige…
Judy Winter: Als 13-jährige, ja. Aber dann dachte ich, nee, ich muss doch auf die Bühne! Ich bin da wohl doch zu egomanisch oder zu eitel oder was weiß ich. Und dann verliebte ich mich in einen. Ich war in Heidelberg am Theater Elevin und hab oft Solo getanzt; weil ich die Größte war, nicht weil ich die Beste war. Da verliebte ich mich in einen Schauspieler. Und dann hab ich gedacht, wenn ich Schauspieler werde, vielleicht kann ich ja eines Tages dann mit ihm…so, ne. Es hat natürlich nie…! Aber das war auch mit ein Grund, der mir die Berufswahl leichter gemacht hat.

Globe-M: Wollen Sie seinen Namen nennen?
Judy Winter: Nein, der ist heute noch ein bekannter Mann – der hat auch keine Ahnung davon! (lacht)

Globe-M: Was treibt Sie an als Schauspielerin, was ist Ihre Motivation, nach wie vor zu spielen?
Judy Winter: Ich finde diesen Beruf auf der einen Seite krank, auf der anderen Seite spannend.  In das Leben anderer zu schlüpfen. Das hat ja auch viel mit der Arbeit eines Therapeuten zu tun, dass man einfach das Leben dieser Menschen für eine gewisse Zeit lebt, zumindest lernt, das zu verstehen, auch wenn’ s ’ne miese Kuh ist oder ’ne verlogene Kuh oder was auch immer.
Und wenn ich ein Drehbuch lese oder ein Stück, und meine Phantasie fängt an zu arbeiten: Da müsste man das machen und das und da das – dann ist eigentlich schon klar, dass ich es mache! Aber wenn ich nach zehn Seiten mir sagen muss, ach, ich muss das jetzt aber mal wirklich lesen, dann kann ich es gleich lassen!

Globe-M: Das ist das Faszinierende an dem Beruf – doch was ist das Kranke?
Judy Winter: Ja, das …, das ist eine Gefahr, wenn man jung anfängt. Dass man sich hinter dem Leben der anderen versteckt, hinter den Rollen, die man spielt; so dass man nicht die Verantwortung für das eigene Leben übernimmt. Das habe ich versucht, früh zu erkennen. Das ist mir auch nicht gesagt worden. Da gab es auch ne Krise, ne richtige Krise!  Ich hab sie aber dann bewältigt.

Globe-M: Wie bewältigt man so etwas?
Judy Winter: Indem man das versteht, glaube ich.

Globe-M: Auch akzeptiert?
Judy Winter: Indem man das akzeptiert, ja. Es gibt eben solche Berufe.  Andere sehen das anders, aber für mich war das Entscheidende, dass ich, wenn ich von der Bühne gehe nach der Vorstellung oder nach den Dreharbeiten wieder mein eigenes Leben zurückgewinne.
Ich bin so ein Reinlichkeitsfanatiker, mein Intendant hier am Renaissance-Theater hat mir auch dort in der Garderobe ne Dusche geschenkt. Da war keine. Und mit dem Waschen und dem Duschen bin ich wieder ich.  Wenn man von der Bühne geht, muss man wieder sein eigenes Leben haben!
Ich kann auch nicht einsehen, warum man ne Rolle anschließend in echt weiterspielen sollte. Schließlich geht ja auch kein Arzt mit seinem Operationsbesteck ins Restaurant!

Globe-M: Und das wurde durch diese Rites de Passage, diese Rituale des Übergangs wie das Duschen oder Waschen auch leichter möglich.
Judy Winter: Ja. Ich glaube, dass man da dran arbeiten muss, dass man man selber bleibt. Und sei es mit Hilfe gewisser Rituale. Wenn man das beherrscht, kann einem nix passieren.

Globe-M: Sie spielen seit zwölf Jahren „Marlene“.
Judy Winter: Nicht mehr. Ich würde nicht sagen: Nie mehr, aber die nächsten Jahre nicht.

Globe-M: Warum nicht?
Judy Winter: Vielleicht ist es irgendwie eitel, aber ich hab in der Rolle unbeschreibliche Erfolge gehabt. Mehr kann ich nicht haben. Und das wäre auch so ein Stehenbleiben, es sei denn, man würde mich so drängen… oder ich würde es mal im Ausland machen… In Japan war es ja auch so ein Riesenerfolg.
Was mich immer gereizt hat und noch reizen würde: Holland, Amsterdam, das war für die echte Marlene auch ganz wichtig, oder  Paris.

Globe-M: Warum haben Sie sich Marlene Dietrich ausgesucht?
Judy Winter: Man hat es mir angeboten. Ich hab das gelesen und dachte, ja.  – So. Und dann flog ich mit Horst Filohn, dem Intendanten am Renaissance-Theater, nach London. Ich hab es mir angeschaut und schnell gesagt: Nee, das mach ich nicht! Das Originalstück handelt von ihrem Comeback im Olympia in Paris und war sterbenslangweilig: Eine alternde Frau, die damit nicht fertig wird. An jedem Morgen eine Falte mehr. Und dann ihre Liebe, ihr Flirt mit de Gaulle; und die aufgekochten sick jokes, wenn sie mit ihm eine Parade abnimmt: „Alles an ihm war steif“. Da hab ich gesagt: Das mache ich nicht, da hab ich überhaupt keinen Bock zu!
Filohn war natürlich enttäuscht; er hat aber daraufhin mit Volker Kühn, einem Autoren und Spezialisten für Kabarett seit den 30er Jahren, das Comeback in Paris als Comeback in Berlin umgedingst.
Und da hatte ich Fleisch!
Das fand ich aus herausfordernd. Und ich hab alles gelesen, wie sie Deutschland und speziell Berlin geliebt hat. Natürlich hatte sie gehofft, die Leute sagen: Mein Gott Marlene, schön dich wiederzuhaben und endlich … Aber dann kamen diese Vaterlandsverrätervorwürfe!

Globe-M: Wie kam es zu Ihrem Sinneswandel?
Judy Winter: Weil das auf einmal ’ne Figur war, die für mich spannend war. Als die zurück nach Deutschland kam, muss das ja `ne furchtbare Situation für sie gewesen sein. Sie hat ja immer gesagt: Wenn Hitler nicht gewesen wäre, wäre ich Deutsche geblieben. Und niemals Amerikanerin geworden! Sie wollte ja bloß keine Deutsche mehr sein unter dem Regime – was ich fantastisch finde.
Und als der Krieg mit Japan wütete, war sie der Ansicht, wenn die Amerikaner mich aufgenommen haben, muss ich denen jetzt auch was geben und mache eben Truppenbetreuung!

Globe-M: Ja, man muss ja auch von etwas leben.
Judy Winter: Ja. Sie hat ihren Schmuck versetzt und oft nur ganz wenig selbst zum Leben gehabt. Auch weil sie für viele Refugees einen Logopäden bezahlt hat, damit die `ne gute Aussprache kriegen; weil sonst nimmt die ja kein Regisseur in den USA! Sie hat denen auch deutsches Essen gekocht. Weil sie immer geliebt werden wollte!
Auf der anderen Seite war die Marlene sicher auch ein Untier, eine Bestie – und diese Person hat mich gereizt! Auf der einen Seite, weil sie die Menschen so demütigt und quält und fertig macht und auf der anderen Seite aber auch alles für sie tut.
Das hat mich schon fasziniert.

Globe-M: Sehen Sie eine Nähe darin, ich möchte geliebt werden von meinem Publikum oder generell von den Menschen?
Judy Winter: Das will ja jeder. Das ist ja nichts Besonderes.

Globe-M: Na ja, es gibt schon Schauspieler, denen ist das schnurz, die sind so solistisch unterwegs.
Judy Winter: Ach was! Da glaub ich kein Wort! Dann könnte man ja auch seine Monologe in der Badewanne halten, oder im Wohnzimmer vor seinen Freunden. Natürlich will man ankommen bei den Leuten, ganz klar!

Globe-M: Wie wichtig sind Freunde für Sie?
Judy Winter: Ganz wichtig. Das Wichtigste!

Globe-M: Beruflich und privat? Haben Sie auch Freunde unter Kollegen?
Judy Winter: Wenig komischerweise. Freundschaften aufrecht zu erhalten ist auch wahnsinnig schwer, weil man doch viel voneinander getrennt ist. Einen Freund hab ich allerdings seit 40 Jahren – das ist Thomas Fritsch! Die Freundschaft mit ihm ist unter Schauspielern meine größte und längste Beziehung. Und das wird auch immer so bleiben. Die hält aber nur so lange, weil man sich so lieb hat, dass man sich auch viel verzeiht. Ne?
Ein Freund – seinetwegen trage ich die Aids-Schleife – hat mir mal gesagt, als ich in Scheidung lebte: Männer und Lover kommen und gehen, aber Freunde bleiben.
Da ist was dran, wenn man sich so umguckt.

Globe-M: Sind Freunde oft für die Karriere wichtig?
Judy Winter: Nein, nur insofern, dass man sich gut fühlt, sich umarmt, unterstützt. Indirekt sind sie wichtig. Aber direkt – nein.

Globe-M: Sie haben Ihr Credo oder Motto auf Ihrer Homepage in Rudyard Kiplings Gedicht „If“ sehr gut ausgedrückt. „If“ streift einige Bereiche, so zum Beispiel, dass man immer wieder aufstehen soll – möchten sie von diesen Bereichen einen bestimmten in den Vordergrund gerückt wissen?
Judy Winter: „Wenn du die unverzeihliche Minute 60 Sekunden lang verzeihen kannst“. Im Grunde braucht man nicht viel anderes!
Eine Freundin von mir, Anja Hauptmann, hat das sehr, sehr gut übersetzt.
Dieses Gedicht habe ich meine Bibel getauft.
Logisch, was da gefordert wird, das kann kein Mensch erreichen. Sonst würde man ja heilig gesprochen. Aber man kann sich auf den Weg machen!

Globe-M: Möchten Sie der Welt etwas mitgeben, sie in irgendeiner Form verbessern? Glauben Sie, dass Sie dies mit ihrem Beruf, einer Rolle, die sie übernehmen gestalten, schaffen können?
Judy Winter: Nein! Nein, das habe ich früher mal geglaubt.
Aber je älter man wird … ich brauch mich ja nur umzugucken! Das schafft man leider, leider nicht. Jeder muss wohl seine eigenen Fehler machen und die Konsequenzen durchleiden. Ich seh es doch immer wieder: Immer dieselben Intrigen, immer dieselben Machtspiele mit dem Geld, es hört ja nicht auf. Nein. Ich glaube, wenn man vor seiner eigenen Tür erst mal kehrt, ist das schon ausreichend.

Globe-M: Was hat diesen Umschwung bewirkt? Dass Sie ein bisschen fatalistisch unterwegs sind?
Judy Winter: Also ich bin immer aufgewachsen mit Erzählungen wie „Die Russen haben die deutschen Frauen vergewaltigt“. Das stimmt schon, klar. Aber kein Mensch hat mir erzählt, was die Deutschen in Rußland gemacht haben, oder was in deutschen KZs passiert ist. Also ich glaube, wenn man mit dem Finger immer auf die anderen zeigt und die eigene Verantwortung total verschweigt, dann ist das fatal. Wenn man aber die Verantwortung für sein Leben übernimmt und sagt, ich möchte mich in jedem Spiegel angucken können, ist das gar nicht schwer. Ich finde das andere sehr viel schwerer!
Es gibt nur einen Satz, den ich fürchte, nein zwei: „Du bist, was du denkst“. Der hat ne fatale Wahrheit. Man kann noch so tun, man sei gelassen und souverän – Hunde spüren das und die meisten Menschen nicht. Das klappt nie!
Und der andere Satz ist von Bohumil Hrabal, dem tschechischen Autor, kennen Sie den?

Globe-M: Ja.
Judy Winter: Den Satz auch?

Globe-M: Ich bin gespannt?
Judy Winter: „Dieses Leben ist schön, unbeschreiblich schön. Nicht dass das so wäre, aber ich seh das so.“
(Heiterkeit)
Genau das. Jedesmal wenn ich den Satz sage, geht es mir gut, ich fange an zu lachen, und es geht mir gut!
Globe-M: Vielen Dank!
Judy Winter: Jetzt ist Ihr Kaffee kalt geworden!

 

Das Interview führte Justinus Pieper.

 

Weitere Informationen zu Judy Winter unter

www.judy-winter.de

www.theater-am-kurfuerstendamm.de

www.renaissance-theater.de

 

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