Martin Buchholz ist nicht nur „der böseste und witzigste Wortwerker“ (Die Zeit) und geradezu ein „Naturereignis“ (Neues Deutschland), sondern auch einer der bekanntesten Kabarettisten der Republik. Bis Ende April tritt er jeden Sonntag bei den Berliner Wühlmäusen auf.
Globe-M: Herr Buchholz, was treibt Sie an?
Martin Buchholz: Hm….der Spaß am Denken und der Spaß daran, andere Leute denken zu machen. Es gibt ja nicht mehr sehr viele Kabarettisten und Kabarettistinnen, die auch das Publikum, die Intelligenz des Publikums ernst nehmen und so den allzu seichten Untiefen entgehen.
Globe-M: Sie waren Redakteur bei wichtigen Printmedien – wollen Sie mit Kabarett etwas Ähnliches erreichen, wie Sie es als Redakteur wollten?
Martin Buchholz: Nun war ich ja die meiste Zeit bei linken Blättern in der APO-Zeit. Für mich ist Kabarett tatsächlich die Fortsetzung des Journalismus mit anderen Mitteln. Ich kann hier mein eigener Chefredakteur sein. Bei mir ändert sich das Programm laufend, weil Aktualitäten immer neu eingebaut werden und andere Sachen wieder weg müssen. Insofern ist es für mich auch immer gesprochene Zeitung, wenn ich mich auf der Bühne veröffentliche.
Globe-M: Wieweit ist Ihre Partnerin daran beteiligt – das sind ja oftmals die besten aber auch unbarmherzigsten Kritikerinnen?
Martin Buchholz: Ich bin ein sehr guter Kritikverwerter, insbesondere wenn die Kritik von meiner Frau kommt, von der ich nun auch schon seit 30 Jahren in diesem Metier begleitet werde. Mir macht es auch nicht groß was aus, was wegzuschmeißen. Ist ja auch der Vorteil, wenn man Journalist war. Ich bin das schnelle Arbeiten à jour gewöhnt.
Globe-M: Wollen Sie also der Welt etwas mitgeben, sie gar ein kleines bisschen besser machen?
Martin Buchholz: Ich will von der Welt etwas mitnehmen, die Leute sollen Eintritt zahlen!
Aber im Ernst: Ich sehe doch, was es mir gibt, wenn ich ein gutes Buch lese, einen tollen Film sehe, ein spannendes Gespräch führe. Das sind nicht mehr als Mosaiksteinchen, die aber möglicherweise auch eine neues Gedanken-Mosaik entstehen lassen. Und so denke ich, dass auch mein Programm ein solches Mosaiksteinchen ist. Das wird keinen radikal verändern. Da wird nicht ein Saulus reingehen und ein Paulus rauskommen…
Globe-M: Sie sind ja schon seit einigen Jahrzehnten im Geschäft – so gilt vielleicht das Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein, so langsam wird doch aus dem Saulus ein Paulus?
Martin Buchholz: Na, ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ich als junger Gymnasiast bei Wolfgang Neuss gesessen hab und fasziniert war, wie der eine Pointe an der anderen angezündet hat – ohne auf das Publikum groß Rücksicht zu nehmen, um einen neuen Gang ins Denken einzulegen. Das hat mein Leben entscheidend beeinflusst, zumal ich dann später für Neuss geschrieben hab.
Auch beim Abend hatte Neuss später ne eigene Kolumne, für die ich geschrieben habe. Das war ne gute Schule!
Globe-M: Gibt es bei Ihnen Freundschaft mit Kollegen?
Martin Buchholz: Freundschaft ist übertrieben. Man sieht sich immer mal wieder, und man freut sich auch. Es herrscht sowieso in diesem Gewerbe kaum Konkurrenzneid. Man weiß, wenn Leute in ne blöde Vorstellung gehen, dann sind die erst mal die nächsten zwei Jahre bedient von Kabarett. Wenn sie aber in ne gute Vorstellung gehen, dann nützt es auch den anderen Kollegen.
Globe-M: Sind Sie Idealist?
Martin Buchholz: In gewisser Hinsicht bin ich schon ein Träumer. Aber ein Träumer, der zumindest versucht, seine Hirngespinste theoretisch ein bisschen zu erden. Ich würde mich zwar nicht als Marxisten bezeichnen, aber das hat mein Denken auch schwer beeinflusst, als Gebrauchsanweisung sozusagen, wie Verhältnisse umgedacht werden müssen, neu bearbeitet werden müssen, im Denken. Da waren auch Brecht und Tucholsky Vorbilder.
Globe-M: Wenn Sie Kabarett machen, gewisse Verhältnisse karikieren, sich darüber lustig machen, andere zum Darüber-Nachdenken anregen – sind Sie ja in gewisser Weise ein Ventil für den Überdruck, nicht nur den Sie an bestimmten Verhältnissen haben, sondern auch Ventil für den Überdruck Ihres Publikums.
Martin Buchholz: Ich würde es ein bisschen anders sagen – manchmal sind ja die Gehirngänge durch vielerlei Ängste so eng und verkrustet, dass da mal ein frischer Wind durchgepustet werden muss, um dann die ganze Misere auch mal lachend zu betrachten. Dadurch entsteht ja ein befreiendes Lachen – dass das therapeutische Wirkung hat, kann ich mir schon vorstellen!
Globe-M: Therapeutische Wirkung beim Publikum – aber die Verhältnisse werden ja nicht verändert, wenn das Publikum zu früh dafür lacht, zu früh die Gehirnwindungen durchgeblasen bekommt und der Druck für reale Veränderung dann nicht mehr da ist…
Martin Buchholz: Druck entsteht ja dadurch, dass ne Enge entsteht – das Wort Angst kommt daher. Wenn da oben alles verkalkt und verengt ist, kann auch kein freies Handeln entstehen. Und ein Denken, das einem Handeln hoffentlich vorangeht, kann nicht durch einen einzelnen Missionar auf der Bühne geleistet werden – da müssen verschiedene Einflüsse zusammenkommen. Gewiß beeinflusse ich auch politische Haltungen. Ob politische Handlungen daraus werden, weiß ich nicht. Es bleibt zu hoffen.
Globe-M: Glauben Sie mit Ihrer Tätigkeit politische Veränderungen eher zu befördern oder eher zu verhindern?
Martin Buchholz: Eher zu befördern. Die Politikverdrossenheit ist ja allgemein so groß, dass man schon allein den Leuten, die sich für Politik interessieren und ins Kabarett gehen, dankbar sein muss.
Ich lese zuweilen, dass eigentlich das falsche Publikum zu mir ins politische Kabarett käme, weil diese Leute meine satirischen Gemeinheiten gar nicht so dringend bräuchten. Da sage ich: Nee! Ab und zu braucht jeder ein bisschen Ermunterung, gerade in diesen hirnverödeten Zeiten. Dann merkt man, dass man doch nicht der Einzige ist, der den aufrechten Gang für eine immer noch mögliche menschliche Bewegungsform hält!
Globe-M: Herr Buchholz, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Justinus Pieper.
Mehr zu Martin Buchholz unter www.martin-buchholz.de,
seine Auftritte bei den Berliner Wühlmäusen unter www.wuehlmaeuse.de