Klassentreffen der jungen Literaturszene

Es war ein großes Klassentreffen. Und alle, alle waren gekommen. Globe-m berichtet von Prosanova, dem größten Festival für junge deutschsprachige Gegenwartsliteratur, das vom 26. bis 29. Mai in Hildesheim stattfand. 

Da waren die großen Alten, die gerade den dritten Roman schrieben und sich auf das Wettlesen um den Bachmannpreis im Sommer vorbereiteten. Da waren die jungen Wilden, die mit ersten Literaturstipendien und großen Plänen schwanger gingen. Sie alle wollten miterleben, was sich die Herausgeber der Literaturzeitschrift BELLA triste, die das Festival kuratierten, in diesem Jahr ausgedacht hatten – schließlich hatten schon die zwei vorhergehenden Festivals 2005 und 2008 breiten Widerhall in Feuilleton und Literaturszene gefunden.

Die Lesung als ästhetisches Ereignis stand im Mittelpunkt des inzwischen dritten Prosanova-Festivals – entsprechend vielfältige waren die Literaturformate. Ihnen standen über 80 Studierende der Hildesheimer Universität zur Seite, die ein ehemaliges Kasernengelände im Osten der Stadt in ein Areal voller Sofalandschaften, offener Mikrofone, Betriebsgeplauder und Büchertische verwandelt hatten. 

Die Veranstalter lösten ihr Versprechen, Literatur als Kunstform zu inszenieren, glänzend ein: Schon am ersten Festivalabend luden sieben Autoren zu einem interdisziplinären „Gegenschuss“, bei dem kurze Erzählungen und lyrisch verdichtete Prosa als Tonspur vor Kurzfilmen der Hamburg Media School gelesen wurden. Am stimmigsten löste die Aufgabe wohl Kevin Kuhn, dem es gelang, die düstere Gangsterballade „Todsichertot“, die hinter ihm ablief, mit seiner Erzählung in die Tagträume eines Gebäudereinigers umzudeuten.

Wer es nicht zu den Frühstücksgesprächen rund um Bücher und Buchbetrieb schaffte, zu denen der Literaturwissenschaftler Christian Schärf die Festivalbesucher allmorgendlich empfing, zog bei Lesungsformaten wie dem „Behördengang“ brav Nummern, um den Texten von Hendrik Jackson, Svenja Leiber oder Leif Randt zu lauschen, dessen zweiter Roman „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ im August erscheint.

Am zweiten Festivaltag überzeugte die erst 21-jährige Laura Naumann mit der szenischen Lesung ihres Kurzdramas „demut vor deinen taten baby“ (Regie: Anna Fries), zu deren Abschluss ein echtes Pferd über das weitläufige Kasernengelände klapperte.

Wiederholt wurde zu meditativen Dunkellesungen (mit Guy Helminger, Dieter M. Gräf und Annika Scheffel) geladen, die ebenso überzeugend inszeniert waren wie die allnächtliche „Lit-Night-Show“ mit Julius Fischer und Christian Meyer vom Fuck Hornisschen Orchestra, der Hausband des NDR Comedy Contests, deren Schnulzenparodie „Schuld war nur das Prosanova“ sich zum inoffiziellen Titelsong des Festivals mauserte. In den Hauptveranstaltungen verwirklichten die Autoren Michael Stauffer, Mara Genschel und Robert Wenrich ihre kontrovers diskutierten Visionen einer perfekten Lesung.

Zahlreiche Literaturperformances, Wort- und Klangkunstwerke sollten folgen; die Literaturinstallation „nichts bleibt, baby!“ von Ivana Rohr beispielsweise, ein weißer Raum, in dem die Möbelstücke mit schwarzer Farbe an die Wand gepinselt waren: ein begehrbares Gedicht, das sich durch die Anwesenheit des Besuchers immer wieder neu aufbaute.

Am letzten Festivaltag trat die deutsche Autorennationalmannschaft gegen die sogenannten „Schreibschulen“ Leipzig und Hildesheim zu einem literarischen Fußballspiel an, bevor als letzter Höhepunkt der langerwartete Prosanova-Literaturwettbewerb, der jedes Mal fester Bestandteil des Festivals ist, erfolgreich über eine der sieben Festivalbühnen ging.

Expertenstimmen Archiv