Ja hallo --! Was ist das denn? Pfeifend ziehen wir die Luft ein. Und atmen tief aus. Alissa Walser hat einen Roman um den Magnetiseur Franz Anton Mesmer und eine seiner Patientinnen geschrieben, eine junge Dame aus der besseren Wiener Gesellschaft – mit dem bezaubernden Namen Maria-Theresia Paradis.
Alissa Walsers Roman "Am Anfang war die Nacht Musik"
Die Geschichte spielt, jedenfalls die meiste Zeit, im Wien des 18. Jahrhunderts.
Mesmer ist genial, aber umstritten. Seine Patientin ist jung, musisch hochbegabt und, womöglich nervlich bedingt, blind.
Mesmer, einigermaßen glücklich verheiratet mit Anna, der Witwe eines Postamtsobristen, will ihr helfen. Und sich.
Alissa Walser hat einen Volltreffer gelandet. Einen, der streut.
Schon mit dem Titel: Am Anfang war die Nacht Musik, den wir zwei-, dreimal lesen müssen, damit sich uns seine ganze Poesie erschließt.
Und dann, vom ersten Satz an: Ein wunderbarer Gleichklang zwischen Thema und Sprache. Zwischen Sujet und Verwirklichung.
So eine wunde Intensität, dass wir das Buch immer wieder, auch aus diesem Grunde aus der Hand legen. Weil wir spüren, wissen, ahnen zumindest: Das geht nicht gut. Jetzt, solange es verhältnismäßig rund läuft, da müssen wir geradezu eine Pause machen. Um uns eine Weile in der Illusion wiegen zu dürfen, dem schönen Gefühl hinzugeben: Das klappt vielleicht doch noch, das kriegt ja wirklich noch ein Happy End. Und wenn nicht – wenigstens ist es jetzt, im Moment, gut. Oder erträglich. Und halbwegs hoffnungsfroh: Solange wir nicht weiterlesen. Das Buch anhalten. Die Zeit anhalten. Im Zustand angespannter Erleichterung brustatmen.
Bis wir eben doch weiterlesen.
Das tut dann beinahe körperlich weh.
Mesmer ist zu gut getroffen.
Die Angst. Die Karriere. Das Hoffen.
Das ist dem Leben abgeschaut. Sätze im Staccato. Pulsschläge.
Und bei ihr, der von den ärztlichen Kollegen fast verhunzten Patientin?
Was will da wie Luft-Blasen an die Oberfläche? Was platzt da alles auf?
Die schmerzhafte Wahrheit, die offene Wunden reißt, und sie dann besser verheilen lässt?
Passend, gewissermaßen unisono, auch der Einband.
Die von der Autorin selbst gezeichnete, blutig-rote Glasharmonika, der Allzweckwaffe Mesmers, deren Töne weh- oder guttun können. Ein Instrument wie eine offen gelegte Wunde, das selbst Wunden schlagen oder heilen kann.
Und zwischen den Buchdeckeln diese Wundanalyse, diese unverstellte Brutalität des Wundschmerzes, dieses offene Weh der Welt…
Ein weltkluger Roman. Unverstellt. Partei ergreifend. Wir meinen, es ist die richtige Partei.
So geht es ja auch zu: Das akademische besserwisserische Mittelmaß. Die Bornierten. Die Satten. Die Scheuklappenträger. Der Durchschnitt, der das Andere hasst und das Genie nicht hochkommen lässt.
Auch das passt.
Unpassend sind allein die Zeitangaben. Zum Beispiel: 12.15.
So, bitteschön, sagt man in Wien nicht, weder damals noch heute. Und auch nicht am Bodensee. Da heißt es immer noch: viertel eins.
Frau Walser wird das wissen, das Lektorat offenbar nicht.
Wir hätten gerne mehr gehabt. Hat die Autorin die Geduld verlassen?
Wurde ihr langweilig im Haus des Postamtsobristen selig? Hatte sie ihre Figuren über?
Kennt sie sich nicht aus in Paris?
Wie endet das überhaupt mit den beiden, Mesmer und der Paradis? Kriegt sie ihn? Und Ihr Augenlicht?
Wird er ihr Augenstern?
Emanzipiert sie sich von Vater und Mutter, v. a. vom Vater?
Jetzt, wo sie keine Rücksichten mehr nehmen muss auf die von der kaiserlichen Namensvetterin gewährten Gnadenpension – eben weil Nachfolger Josef, der garstige, sie ihr gestrichen hat? Und so einmal mehr zum Verbündeten der Aufklärung im wahrsten Sinne des Wortes geworden ist?
Auf einmal hat sich das beschleunigt. Auf einmal ging das los. Auf einmal ist der Mesmer selber losgegangen. Westwärts. Nach Paris. Nach über drei Vierteln das Buches.
Das wirkt unausgewogen.
Stürzend. Grundstürzend. Ein Sturzbach, der Atemlosigkeit erzeugt. Hopplahopp. Die Beine hochgeworfen, und dann fast verwechselnd. Atemlos.
Kompromisslos. Unumwunden.
Ein hektischer Atemzug. Ein Aussetzer. Ein Schnappen nach Luft.
Ist es das? War das Absicht?
Ist das die stilistisch letztverbliebene, aber traumwandlerisch passende Möglichkeit, die Sätze dieser Sinfonie zu verkürzen, tremolierend presto hochzujagen in einem sich selbst verkürzenden Finale Furioso?
Ist das das Zittern? Ist das die Liebe? Ist das das Staccato der einzelnen Sätze im „Globalmaßstab“ des ganzen Buches?
Heißt es vielleicht bald, hoffentlich bald an der Place Vendome Frau Mesmer, geborene Paradis? Doch was wird aus Anna?
Wir wünschen uns mehr. Wir wünschen uns einen Fortsetzungsband.
Alissa Walser: Am Anfang war die Nacht Musik
Piper-Verlag, 19 Euro 90.
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