Enthaltsamkeit, Konsumkritik und harte Musik. Die Dokumentation "Edge-Perspectives on drug free culture" beleuchtet ein Phänomen der Subkultur. Kein Alkohol, keine Drogen, kein Sex mit wechselnden Partnern, die Grundlagen dieser Subkultur klingen zunächst eher nach konservativen Jugendlichen mit Pullunder.
Konsumkritik, Enthaltsamkeit und harte Musik
Allerdings hat Straight Edge, jener Seitenarm des Hardcore, der seit über 25 Jahren weltweit Anhänger findet, wenig mit Junger Union oder Neo-Cons zu tun. Politik spielt hier eher eine Rolle in Form von Animal Rights Movement, Veganismus und der grundsätzlichen Ablehung etablierter Institutionen. Gesellschaftspolititk statt Parteizugehörigkeit. Doch im Zentrum steht Musik und Gruppendynamik.
Marc Pierschel und Michael Kirchner stammen beide aus der Straight Edge-Szene und stellen mit ihrem Film den eigenen Lebensstil einem interessierten Publikum vor, ohne zu glorifizieren. Sie erhalten sich einen neugierigen Blick. Soziologe Pierschel, der außerdem bereits ein veganes Kochbuch veröffentlicht hat und sein Kollege und Diplom-Sozialwissenschaftler Kirchner lassen den Zuschauer an der Recherche teilhaben und machen jeden Schritt auch graphisch anhand eines Diagrammes transparent. Ausführlich wird so in chronologische Reihenfolge die Geschichte verfolgt, dabei wichtige Bands vorgestellt, aber auch ein interessanter Einblick in die Welt von Veganismus und Konsumkritik gegeben.
Zeitzeugen der Hardcore-Geschichte
Den Anfang macht Ian MacKaye, ehemals Sänger der legendären Hardcoreband Minor Threat. Aus seiner Feder stammen die fortan programmatisch verstandenen Lieder "Straight Edge" und "Out Of Step", wo explizit der enthaltsame Lebensstil proklamiert wird. Im Interview stellt der Songschreiber klar, es sei ihm damals nie darum gegangen, eine Jugendbewegung zu gründen, sondern er habe einfach ausdrücken wollen, wie er lebe und damit ein Statement im Hardcore- und Punk-Sektor setzen. Wie sehr seine Texte und Lieder später zu Manifesten erhoben werden sollten, scheint dem Szene-Urgestein beinahe unheimlich. Natürlich erzählt MacKaye seine Geschichte nicht zum ersten Mal, dennoch glaubt man zu spüren, dass sich hier ein persönlicher Draht zum Interviewer aufbaut. Die pure Selbstdarstellung fällt erfreulich gering aus.
Neben Minor Threat etablierte sich in Washington in den frühen 80er eine lebhafte Szene, doch die zweite Welle stand bereits in den Startlöchern. Ab Mitte des Jahrzehnts rückte New York in den Focus der Straight Edge-Gemeinde. Es firmierten sich die sogenannten Youth Crew-Bands, deren Texte sich durch moralische Aussagen und eine positive Grundaussage vom Rest des Hardcore abhoben. Youth Of Today waren die Aushängeschilder dieser Spielart. Auch deren Sänger Ray Cappo kommt persönlich zu Wort. Man merkt seinen Aussagen an, dass er zwar über viele Jahre überzeugt dabei war, doch sich mittlerweile von der aktuellen Szene verabschiedet hat. Machismus, Intoleranz und der Mangel an Gründen, warum man Straight Edge sei, sind seine Vorwürfe an den Nachwuchs.
Lifestyle vs. Bewegung
Das Schlagwort "Lifestyle" ist ein wichtiger Bestandteil der Suche nach dem Kern und Wesen von Straight Edge. Während Ian MacKaye vehement konstatiert, es sein kein Lifestyle, sich für eine drogenfreie und klare Existenz zu entscheiden, sondern schlicht und ergreifend das Leben, scheint bei vielen späteren Protagonisten durch, dass man sich für die Idee ursprünglich nur interessierte, weil man eine Gruppe gefunden hatte, der man sich anschließen konnte. Im Laufe des persönlichen Reifeprozesses mag sich jedoch bei manchem die Motivation geändert haben.
Die Dokumentation "Edge" zeichnet die Entwicklung einer Szene nach und lässt Wegbereiter und Zeitzeugen zu Wort kommen. Am Ende steht die Frage, ob "Straight Edge" eine Bewegung im soziologischen Sinn ist, wie der Hochschuldozent Dr. Haefner meint oder eher um eine Art Trend oder Lifestyle. Diese Dokumentation ist Stoff für die multimediale Gegenwartsbibliothek.
Erschienen bei Compassion Media / Broken Silence
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