Literaturfestival: Wolf Biermann

Expertenstimme bezieht sich auf: 

Ja, was soll man machen. Soll man ihn zerreißen? Das wäre langweilig. Soll man ihn in Rente schicken? Das wäre sicher überfällig. Aber er tut ja keinem was. Nicht mehr. Biermann ist ein irgendwie abgekoppelter Selbstläufer. Eine Platte, die immer wieder dasselbe abspielt.

Wenn man sie läßt und nur ab und zu ins Studio geht, dürfte der Schaden nicht so groß sein. Sofern das Studio noch mehrere Räume hat. In Berlin hat es das ja. Und Biermann tritt auch nicht in Mitte auf, aus Mangel an Courage oder an Publikum, sondern in Charlottenburg. Da sind die Angehörigen seiner Kohorte (hier: Altersklasse) ja auch noch reichlich vertreten.

Nun, der alte Barde kann noch singen. Und er kann auch noch spielen.
Ein bald perfekter Vortrag eines der letzten deutschen Troubadoure, der gerne Francois Villon gewesen wäre: Wolf Biermann.
Zunächst gibt es etwas Unmut: Erst lassen er oder die Festspielleitung das Publikum nicht hinein, dann lassen sie es drinnen noch eine Viertelstunde warten.
Dann aber betritt er die Bühne; und er ist noch gar nicht unsympathisch.
Biermann sieht gepflegter aus als sonst, zufriedener, rosiger, irgendwie frischer. Gesünder.
Vorher, im Biergarten, hat er den Berichterstatter noch ins Auge gefaßt, als ahne er, daß von diesem eine Gefahr ausgehen könnte. Dann grüßt er ihn freundlich und lächelt. Damit kann man eine Gefahr zumindest nicht vergrößern. Denkt Biermann.
Auf der Bühne beginnt er dann so: „Ich lebe noch“.
Auch ein noch so kritisch eingestellter Kritiker wird das kaum abstreiten können.
Natürlich kann man sich fragen, warum Biermann den vielen Stasi-Mitarbeitern, mit denen er in der DDR zu tun hatte, noch keine schöne Rente ausgesetzt hat. So oft kommen sie in seinem Beitrag vor, so konstituierend waren sie nicht nur für seine Lieder, sondern für seine ganze Persönlichkeit, seinen Lebenslauf, seine Berühmtheit als Widerständiger, seine ganze Existenz; und seine üppigen Tantiemen.
Die Beziehung war zumindest anfangs auf Gegenseitigkeit ausgelegt: Für die Stasi sollte der junge Biermann, „der kleine Wolf“, Zitat Biermann, „der Wurm sein, mit dem, am Angelhaken aufgespießt, Fische man fangen wollte“, die jungen Menschen der DDR. „Ein Rattenfänger…“ Ein schönes Bild.
Das schlachtet er natürlich auch an diesem Abend aus.
Ja, es ist so vieles bekannt. Es ist so oft gesagt. Es gibt welche, denen ist auch 67 noch zu früh.
Zudem: Halbwegs gepflegt zelebriert Biermann sein Geifertum à la Horst Schlämmer: „Juliane, Schätzelein…! Gitarrelehrerin, wenn Du mich so ansiehst, greif ich daneben.“ Gott sei Dank sitzt Juliane tief im Publikum.
Ja, diesen Vortrag kann er. Am sichersten wird die Rede ja immer dann, wenn man, von keines Zweifels Blässe angekränkelt, von sich selbst erzählen darf.
Jemandem, von dem man ausgeht (zahlendes Publikum beispielsweise), daß es einen von sich selbst erzählen hören will. Das gibt dann, wenn es gut geht, eine Aufwärtsspirale, ein circulus virtuosus (sonst: Abwärtsspirale, circus vitiosus)
Biermann wird diesen Vortrag seit Jahrzehnten kaum verändert halten. Man müßte mal die Ahnen fragen.
Ohne Frage, manch einer (und eine) im Publikum wünscht das genau so. Er hat nicht nur Fans. Jüngere können mit seinen freizügig-trotzig erklärten Genital-Befindlichkeiten nicht allzuviel anfangen. Oder mit so Zotigem wie: Schönre Löcher gibt es als in Bautzen…
Ist das ein Altherrenwitz?
Und, dieser Hinweis darf (ebensowenig im Goldenen Westen) fehlen: Ja, er gehörte auch zur DDR-Prominenz („Mein Freund Robert Havemann…“)

Doch irgendwann (noch vor der Pause), muß man ihm zugestehen: Eine gewisse Mischung aus Schalkhaftigkeit, Gewitztheit, und bei aller halbwegs gepflegter Verschwitztheit (ja, so platt bring ich das, Achtung), Verschmitztheit kann man ihm nicht absprechen.
Nicht selten ist er ein begnadeter Texter. Das ist, was rappt. Da kann so mancher Gangsta-Lümmel aus dem Wedding noch was lernen! Warum ist eigentlich von denen keiner hier, bei all dem teuren Integrations- und Kulturtransfer-Getue der salbadernden Kulturverantwortlichen? Das wäre eine ideale Integrationsveranstaltung geworden. Da hätte Biermann, bitteschön, endlich wieder eine Aufgabe!
Ganz wunderbar dann die Bilanzballade, die der Dreißigjährige schrieb:
„…und doch die Hundeblume blüht, auch in der Regenpfütze…“
Nicht schlecht auch die Wendung „…als sie zur Vernunft kamen – zu ihrer Vernunft, ne andere hatten se ja nich…“
Das ist super, auch wenn es das, leider? schon bestimmt seit 40 Jahren ist.
Selbstbewußtsein hatte der Mann ja schon damals:
„…dankbar rechne ich`s euch an…“ (ihn überall, auch auf dem Klo, natürlich, abzuhören)
„…ihr seid mein Eckermann“
Eckermann war Goethes Privatsekretär, der jede Äußerung des Dichterfürsten getreulich notierte.
Oder er dichtet „sein Wintermärchen“.
Heine, Goethe, Biermann!
Immerhin scheint er das gemerkt zu haben. In großem Verständnis für sich selbst nimmt er sich dann zurück. Ein bißchen. Das sieht dann so aus: Ein fester kugelhafter Kern, darüber etwas Firnis von Selbstironie (na ja, Heine war schon ein bißchen besser). Die Betonung liegt bei Biermann auf bißchen, nicht auf besser.
Aber sonst…Ja, ein paar seiner Lieder sind richtig gut, wirklich. Ein paar Passagen anderer Lieder sind es auch. Und ein paar seiner Lieder sind es nicht. Nun ja.
Wenn er jetzt noch seine Altherrenwitze lassen würde. Beispielsweise.
Aber dann wäre er nicht mehr Biermann.

Wolf-Biermann-Konzert: Berlin, du deutsche, deutsche Frau

Expertenstimmen Archiv