Lohengrin in Leipzig

Am 24. Januar war der Berichterstatter mit dem Richard-Wagner-Verband in Leipzig. Am Opernhaus wurde Wagners Oper Lohengrin gegeben, in der Inszenierung von Peter Konwitschny. Die Stimmung war gespannt, schon im Vorfeld: Konwitschny gilt bei Puristen zumindest als umstritten. Um es freundlich auszudrücken.

Richard Wagner ist ebenfalls umstritten. Um es sehr freundlich auszudrücken.
Bei den vielen „Heil-Rufen“ im Lohengrin-Libretto rieselt einem schon ein kalter Schauer den Rücken runter – wenn man weiß, wer bereits Wagner-Fan war.

Richard Wagner und König Ludwig

Von vorn: Richard Wagner, ein ausgesprochener Egomane und wohl sein eigener größter Fan, war der Lieblingskomponist von König Ludwig II. von Bayern, der ihn auch großzügig unterstützt hat. Ludwig  lebte in einer romantischen Traumwelt. Die Staatskasse ruinierte der exzentrische Bayernkönig mit dem Bau von immer neuen phantastischen Schlössern. Die sollten als Kulisse für die fulminanten, ein ahistorisches Germanentum mystifizierenden Opern seines Freundes Wagner, dem Ludwig auch das Festspielhaus in Bayreuth finanzierte, herhalten. Alle Warnungen seiner Berater vor dem drohenden Staatsbankrott nützten nichts. Schließlich kam der bizarre Bayernkönig unter mysteriösen Umständen zu Tode: Er ertrank im Starnberger See. Die Gerüchte um einen gelenkten kriminellen Hintergrund verstummten nie. Aber Ludwig behielt in diesem Punkte letzten Endes recht: Eintrittspflichtige Opernkulissen wie Neuschwanstein spülen dem bayerischen Haushalt jährlich viele Millionen in die Kasse. Neuschwanstein gilt weltweit als das Idealbild deutschen Schlösserbaus.
Was täten die Bayern also ohne ihren Ludwig: Sogar eine auch in Berlin populäre Biersorte ist nach ihm benannt. Auf den Biergläsern prangt das bayerische Wappen. Ludwig und Wagner, das geht heute schon irgendwie in Ordnung.

Nicht in Ordnung geht eine andere „besondere“ Beziehung Wagners. Er war der Lieblingskomponist Adolf Hitlers. Bei der Lektüre von Marcel Reich-Ranickis Lebenserinnerungen (Mein Leben, bei DVA) wird der Leser mit der zynischen Gewohnheit der SS-Schergen konfrontiert, während ihrer grausamen Selektionen im Warschauer Ghetto Schallplatten mit Wagner-Musik zu lauschen – bei voller Lautstärke. Der Berichterstatter geht nicht fehl in der Annahme, dass, wer Wagner gutfinden will, sich auf einem schmalen Grad bewegt. In Israel werden seine Opern praktisch nicht aufgeführt.

Deutsche Dilemmata

Die Libretti von Richard Wagners Opern sind ein wildes Gewoge abgestandener Aufgüsse besonders altgermanisch tuender „Mythen“.
Man kann das verstehen.
Immerhin war der Nationalismus als Reaktion auf die auch moralisch abgewirtschafteten, mit absolutistischer Hochnäsigkeit regierenden Fürsten die Protestbewegung bald ganz Europas. Das mögen gewisse Zeitschriften bis heute nicht einsehen.
Immerhin war Deutschland „eine verspätete Nation“, die allzulange von einem kunstvollen Geflecht Metternichscher Machterhaltung umsponnen, zerteilt und halbwegs lahmgelegt war.
Der durchaus sensible Wagner war hin und wieder ein freiheitlich gesinnter Patriot, der sich bei anderer Gelegenheit auch für den Freiheitskampf der Polen gegen die russischen Besatzer begeistern konnte.

Wagner war aber auch Antisemit. Zu seinen Lebzeiten lag das in manchen bürgerlichen Kreisen fatalerweise schwer im Trend und galt als wohlfeile und sehr bequeme Ausrede, wenn es mit der eigenen Karriere nicht gleich so klappte, wie man sich das vorgestellt hatte. Schuld daran waren dann „die Juden“.  

Richard Wagner und Fans

Wie gefährlich unkorrigierte einseitige "Halbbildung" ist, zeigt das Beispiel Adolf Hitler. Hitler braute sich eine "Weltanschauung" aus wenigen „Quellen“. Diese bestanden hauptsächlich aus den Opern Richard Wagners, den Werken Karl Mays und den Machwerken des Alldeutschen Georg v. Schönerers. 

Das Problem: Richard Wagner hat bombastische und eingängig schöne Tonfolgen komponiert. Wie schön und unverfänglich wären sie erst geworden, hätte er sie an anderen Themen ausgerichtet. Rein und nur künstlerisch kann man ihn seit 1933 aber nun weiß Gott nicht mehr sehen. Soll man ihn deshalb nicht mehr inszenieren?

...und in Leipzig

Peter Konwitschny löst das alles wunderbar.
Er verlegt „Lohengrin“ ins Klassenzimmer.

Damit ist der Weg frei für ein überreiches Spektrum an Assoziationen. Und so wird dieser Lohengrin auch in viereinviertel Stunden Spielzeit keine Minute langweilig.

Hier wird gern und viel mit Kreide, Schwämmen und Papierfliegern geworfen, auf Lehrer, König und Mitschüler.
Uniformierte Pimpfe toben in kurzen Hosen, wackere BDM-Mädel trotzen mit strammen Waden und dicken Zöpfen. Alle zusammen probieren auch mal La Ola wie im Stadion, zu deutsch „die Welle“. Man denkt Titel und Inhalt des gleichnamigen Films bereits fast unwillkürlich mit.
Dann Auftritt Lohengrin: Der Gralsritter, eine Gestalt aus dem britannischen Sagen- und Märchenkreis der „Artus-Runde“, ist unter den altmodisch berockten Pimpfen der einzige in Zivil und à la Mode 2010. Die Deutschen und Brabanter sind darin mindestens 100 Jahre zurück. Sie ähneln in ihren paramilitärischen Schuluniformen Burschenschaftlern, die um 1914 bereits zu den Kräften der Beharrung zählten.

Witziger Einfall, wenn die Karte an der Wand das Motto des jeweiligen Aktes vorgibt: Die deutsche Eiche beispielsweise, als König Heinrich der Vogler auch die Brabanter in seinen reichsdeutschen Heerbann eingliedern will, wenn er für einen gemeinsamen Feldzug aller deutschen Stämme gegen die bis nach Lothringen hinein marodierenden Ungarn wirbt. Oder die „Anatomie von Mann und Frau“ vor und bei der Hochzeitsnacht von Lohengrin und Elsa.
Weniger witzig: 
Das Notabitur der Kriegsfreiwilligen-Abiturjahrgänge von 1914: Am Ende des dritten Aktes haben sie beim Auszug gegen die Ungarn den Ranzen auf dem Rücken, aber ganz sicher nicht den Marschallstab im Tornister, höchstens den Totenschein.
Halbe Kinder, die Krieg mit Holzschwertern spielen.
Auch deshalb diese Inszenierung.

Lohengrin im Klassenzimmer – warum die Nase rümpfen?

Natürlich, Sündenbock- und Außenseiter-Geschichten (Elsa, Telramund, Ortrud) haben in Klassenzimmern als Brennspiegel sozialer und asozialer Verhaltensweisen immer Konjunktur. Sie entfalten dort auch immer ihre besonders unangenehme Note. Sie sind überall und passieren jederzeit. Sie sind ein Topos und sie sind typisch. Sie drohen immer, auch in Zukunft.

Von besonders eingängiger Schrecklichkeit erwies sich dabei die planlos-wirre und wankelmütige, mal ihrem neuen Helden überschwenglich feiernde und integrierende, dann wieder radikal ausstoßende massenhafte Mehrheit der Mörder, Mitläufer und Schulterklopfer, die stets viel und durcheinander reden, aber nie konsequent und selbständig denken oder gar handeln.

Noch ein kleiner Dreher zum Schluß

Der berühmte Schwan im ersten und dritten Akt glitt übrigens nicht heran, sondern tauchte mittels eines schnöden Fahrstuhls aus einem Loch im Boden auf. Bei seinem zweiten Auftritt kommt so noch das Tüpfelchen auf`s i:
Weißgekleidet wie ein Schwan, den er im übrigen bei Lohengrins Ankunft auch in Menschengestalt verkörpert hat, entsteigt die nächste Generation, der süße kleine Gottfried – ist das bei diesem Namen nicht auf eine erfrischende Art zynisch? – mit einer Maschinenpistole. Und einem Wehrmachtshelm auf dem Kopf.
Die Katze ist aus dem Sack.
Der Vorhang fällt.

Die Akteure

Elsa von Brabant  wurde gut gespielt von Gun-Brit Barkmin, der man das vorab angekündigte Halsweh nicht angemerkt hat. Sie gab eine geradezu dümmlich wirkende Naive, die in ihrer backfischhaften Trotzköpfigkeit den hohen Gast aus Albion ganz sicher nicht verdient hat.
Immerhin, „die Deutschen“ sind für ihn empfänglich gewesen. Da war Konwitschny fair.

Ihre schrille Rache wunderbar kolorierend überzeugte Susan Maclean als intrigante Friesentochter Ortrud. Eine passable Leistung brachte auch Hans-Joachim Ketelsen als Ortruds Gatte Graf von Telramund. Stefan Vinke als Lohengrin wirkte im ersten Akt dagegen etwas dünn, steigerte sich aber im sehr schweren dritten. Wogegen James Moellenhoff als König Heinrich durchweg einen souveränen Bass sang.

Peter Konwitschny – wir haben verstanden!

Konwitschny befreit den historisch Beschlagenen aus dem Dilemma, Wagner zu hören, wenn er Wagner so inszeniert sieht. Das war eben nicht nur einfallslos auf modern gebürstet, das war zeitgemäß, weil durchdacht.
Es müssen keine Walküren wallen. Es muss nur der muffige Rock einmal gehoben werden. Das sehen auch die meisten Mitglieder des Wagner-Verbands so. Auf der Rückfahrt wird angeregt diskutiert.
Das wünscht sich der Berichterstatter noch öfter.
 

 

Lohengrin: Romantische Oper in drei Aufzügen. Text ebenfalls vom Komponisten Richard Wagner

Musikalische Leitung: Ulf Schirmer

Inszenierung: Peter Konwitschny

Gewandhaus-Orchester und Chor der Oper Leipzig

 

Wo?

Oper Leipzig

Opernhaus

 

Wann?

Wieder am Sonnabend, den 6. März 2010, 18.00

Pausen nach dem 1. und dem 2. Aufzug

 

Richard-Wagner-Verband Berlin-Brandenburg e.V.

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