Love Exposure

LOVE EXPOSURE ist ein Film, um den man nicht viele Worte machen sollte. Statt dessen sollte man sofort ins Kino rennen und ihn ansehen. Wie beschreibt man das Unbeschreibbare? „Über Filme zu schreiben wäre das Gleiche wie über Architektur zu tanzen“,

sagte mal jemand, der darüber besser Bescheid wusste als der Rezensent dieses Artikels, der nicht weiß, wie er sich vor Sion Sono, dem Regisseur dieses wahnsinnigen Filmes, in Worten verbeugen soll. Wenn man versucht, die Bedeutungsebenen von „Ai no mukidashi“, so der japanische Titel, zu erfassen, ließe sich auf oberster Ebene sagen: der Film handelt von der Liebe, oder: der Film handelt vom Wahnsinn unserer modernen Gesellschaft. Dass sich dies sagen lässt, ist wohl das größte Kompliment an ein jedes Kunstwerk, da ein schlechtes Kunstwerk nur von sich selbst handelt. Auch davon, dass ein Film eine Filmfestival-Jury zur Selbstreflexion anregt, wie es bei der Verleihung des Caligari-Preises während der Berlinale 2009 der Fall war, ist eher selten zu hören.

Der Papst sagt nein

Vier Stunden dauert LOVE EXPOSURE, vier kurze Stunden, und selbst beim zweiten Betrachten einige Monate später war er nicht im geringsten langweilig. Kurz gefasst geht es um den Priestersohn Yu, der unter den religiösen Wahnvorstellungen seines katholischen Vaters leidet. Dieser ist nach dem frühen Tod seiner Ehefrau katholischer Priester geworden. Eines Tages kommt eine ungläubige, verzweifelte Frau während seiner Predigt in die Kirche, verliebt sich in ihn und wird zu einer gläubigen Katholikin. Er erwidert ihre Liebe. Allerdings ist er nicht bereit, sie zu heiraten, da der Papst ihn nicht von seinem Eid als Priester entbindet. Die Beziehung scheitert und Yus Vater verfällt in tiefe Depression. Da er nun wenigstens für das Seelenheil seines Sohnes sorgen will, lässt er ihn jeden Tag beichten. Yu, der als Priestersohn eine moralisch einwandfreie Erziehung genossen hat und ein ruhiges Leben fernab von weltlichen Verlockungen führt, fallen beim besten Willen keine Sünden ein, die er beichten könnte. Da er den Vater zufrieden stellen will, muss er selber für Sünden sorgen, womit er das Prinzip der katholischen Beichte ad absurdum führt. Yu tritt einer Bande von jugendlicher Herumtreiber bei und avanciert zum Kleinkriminellen. Schließlich landet er in einer Art Kampfschule, in der ein "Meister" den Schülern die zweifelhafte Kunst beibringt, möglichst viele Höschen in möglichst kurzer Zeit möglichst unauffällig zu fotografieren. Sein Vater ist darüber not amused, of course.

Mamma mia!

Nach einer Kette von Verwicklungen trifft Yu schließlich die Liebe seines Lebens: seine „Maria“, die zu finden er seiner Mutter vor ihrem Tod versprochen hatte. Doch ein anderes Mädchen versucht, diese Liebe zu verhindern. Koike ist Bezirksleiterin der „Zero-Kirche“, einer japanweit operiernden kriminellen Sekte, die das Ziel verfolgt, sämtlichen ihrer Mitglieder eine Gehirnwäsche zu verpassen, damit sie ihr ganzes Leben allein der „Kirche“ widmen. Nicht zufällig mutet die Zero-Kirche wie eine Parodie, oder eher eine zu Ende gedachte Version der katholischen Kirche an - das zu Ende-Denken ist vielleicht das Wesen jeder gelungenen Parodie. Das Drama entfallt sich zu Beethovens Siebter Symphonie, zweiter Satz. Das „Hohelied der Liebe“ aus den biblischen Korintherbriefen wird ebenso zitiert wie viele andere Monumente der europäischen Kulturgeschichte. Kein Mittel lässt Koike unversucht, um die Liebe Yus zu gewinnen: Überwachungstechniken, Infiltration von Yus Umfeld, Benutzung des Sektenapparates und letztlich aggressive Gehirnwäsche. Überhaupt lässt sich feststellen, dass der Film durch eine selektive Erzählweise besonders gelungen darstellt, wie alle relevanten Figuren von dem unerklärlichen Phänomen bewegt werden, das wir Liebe nennen. Es ist so, als ob die Menschen Vektoren wären, die zielgerichtet ihrer natürlichen Polung folgen – die ursprüngliche Kraft, die, metaphysisch spekuliert, der Motor eines jeden Menschen ist. Liebe wofür auch immer – hier vor allem für einen anderen Menschen. Der Film wertet nicht, er zeigt: die Wertung des Zuschauers, dass Liebe nicht immer ihre Mittel rechtfertigt, erfolgt nur aus dem Zuschauers selbst heraus.

Eine Meditation...über das Verhältnis der Menschen zueinander

„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf. Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht.“ (Korinther 13) Das zitierte Hohelied der Liebe könnte der Ausgangspunkt von LOVE EXPOSURE sein: der Schlüssel, mit dem alles betrachtet werden kann. Und doch ist dies nicht die einzige Deutung, die der Film zulässt: er ist gleichzeitig auch eine der konsequentesten und radikalsten Zurückweisungen einer Gesellschaftsform, die sich in so gut wie allen zeitgenössischen Industriestaaten entwickelt hat.

Christliche Ikonographie und Punkkultur

LOVE EXPOSURE enthält einen solchen Reichtum an visuellen, narrativen, musikalischen und philosophischen Ideen, dass es kaum möglich ist, ihm in einer solch kurzen Form wie der der bloßen Rezension gerecht zu werden. Die schiere Inspiration, die jeder einzelnen Minute des Filmes innewohnt, ist von einer solchen Fülle, dass sie reichen würde, um fünfzig Künstlerkolonien auf der ganzen Welt für die nächsten zehn Jahre mehr als ausreichend zu beschäftigen. Ai no mukidashi, das ist das Werk eines wahrhaftigen Künstlers. Was bleibt davon? Man kann nur hoffen, dass der Film es trotz seiner offensichtlichen Überlänge in zumindest einige Kinos in Deutschland schafft. Untergehen wird er aber nicht, sondern, wenn man eine Prognose wagen darf, als aus sich selbst heraus lebensfähiges und immer „aktuelles“ Kunstwerk existieren und jeden denkenden Menschen mit seiner schieren Kraft betören. „Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht“, und so verstummt auch meine Tastatur. Rennt alle ins Kino! Sofort!!

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