Macht was, Ratten! - Florian Hüttner

Florian Hüttner, Fluss-Verschlag, Zeichnung, 2010

Die Ratten genießen den Überfluss! Unsere Verschwendung ist ihr Paradies. Paradiesische Verhältnisse hat der Künstler Florian Hüttner in Bremen für sie geschaffen. Im Auftrag der Gesellschaft für Aktuelle Kunst (G.A.K.) fertigte er einen »Fluss-Verschlag« an: Ein fünf Meter hohes, acht Meter langes Holzgerüst, das an der Außenfassade der G.A.K. hängt und über die Weser ragt.

Von weitem ist es sichtbar: vom Wasser von Ausflugsbooten aus und von der Schlachte, Bremens beliebter Ausgehmeile am Fluss.

Über eine Katzenleiter könnten die Nager auf ein Holzgerüst gelangen und dort allerlei Leckereien entdecken: Rinderknochen, Meisenknödel, Taubenfutter. Durch offene Fenster könnten sie sogar bis in die Ausstellungsräume gelangen.

Könnten.

Denn bisher wurden sie noch nicht gesichtet. Jedoch zeugt Taubenkot von neugierigen Besuchern. Und ein Entenpaar soll sich gelegentlich unter dem »Fluss-Verschlag« treffen, um gemeinsam ein paar zärtliche Stunden zu verbringen.

Was würden die Ratten in der Ausstellung tun? Würden sie die Bilder betrachten? Oder würden sie sich einfach auf die drei Säcke Rassentaubenfutter stürzen und fressen, bis sie platzen? Würden sie sich mit dem Futter in den Krallen vor die Monitore pflanzen und auf die Überwachungsbilder glotzen, die zwei Kameras vom Holzgerüst senden – Nachts in infrarot? (Ratten stehen auf infrarot!)  Würden sie die anderen Ausstellungsbesucher stören? Würden sie Ekel erregen? Die ausgeschilderten Klos benutzten? Sich ins Gästebuch eintragen?

Und dann würden die Ratten wieder verschwinden. Vorher aber würden sie noch ein paar Flugblätter auslegen, in denen sie zur Rettung ihrer Art aufrufen, zum gemeinsamen Teilen des Brotes auffordern (»Iss dich satt, bevor du den Ratten die Reste gibst!«) und ihre Existenz verteidigen. (Die Broschüren sind vom Hamburger Gesundheitsamt authorisiert.)

In der Ausstellung der G.A.K. findet man alle Antworten auf die Fragen. Was ein kleines Wunder ist. Denn Florian Hüttner hat die Ratteninvasion herbei phantasiert. Auf 80 DIN A4 großen Bleistiftzeichnungen und Aquarellen zeigt er Vorstudien zum Bau, technische Zeichnungen und Details, er zeigt, wie die Ratten das Gerüst erobern, wie sie fressen, klettern, in die Galerieräume stürmen. Fahnen aus Tüten und Handtücher wehen im Wind. Es sieht aus, als würden die Tiere auf Kaperfahrt gehen.

Florian Hüttners »Fluss-Verschlag« ist eine gigantische Fantasmagorie! Ein schlicht, aber genial inszenierter Sog: Von der Außenfassade des Holzgerüsts ins Innere der Ausstellung, von dort zu den Fragezeichen auf der Stirn. Der erste Raum ist bis auf drei Papiersäcke mit Futter und dem Plakat zur Ausstellung: LEER. Von innen kann man die Fenster öffnen und sich so in das Gerüst hinausbeugen. Futter und Fundstücke hängen dort an Fäden vom Himmel: Flaschenhälse, Tassen, Meisenknödel, eine ausgelesene Zeitschrift, ein Oberschenkelknochen vom Rind, ein Kuscheltier-Tiger. Alles, was das Rattenherz begehrt.

Die Versuchsanordnung  ist verschroben, teilweise offensichtlich sinnlos. (Ein abgeschlagener Flaschenhals?) Erst in einem zweiten Raum zeigt sich das Potential von Hüttners Arbeit. Auf seinen raschen, kritzeligen Zeichnungen hat er sich ausgemalt, was passieren könnte. Im Guten, wie im Schlechten. Da ist der »Fluss-Verschlag« aus allen möglichen Blickwinkeln zu betrachten. Lustvolle perspektivische Zeichnungen, auf denen die Installation zum Teil Volksfest-Charakter bekommt. Aber auch wie das Gerüst in die Weser stürzt, ist zu sehen.

Hüttners Zeichnung führen in eine mögliche Zukunft, die ein Scheitern völlig außer Acht lässt. Sie stecken voller Lust und Witz. Sie zeugen von fester Überzeugung und visionärem Stolz, von Schönheit der Konstruktion und der Liebe zu den lebendigen Details. Wie ein Paragraphenwerk, das allen Eventualitäten gerecht werden will und sein Bestehen an der Realität messen lassen muss.

Florian Hüttner hat für die Realisierung des »Fluss-Verschlags« alles getan. Jetzt liegt es in der Macht der Ratten, diesen Konstruktion anzunehmen.

 

Florian Hüttner - »Fuss-Verschlag«
GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst
Bis 9. Mai 2010

Fotos von der Installation unter www.gak-bremen.de

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