Maria Lassnig ist die große ältere Dame der österreichischen Malerei. Doch selbst mit 90 Jahren bleibt die Wienerin eine der radikalsten Künstlerinnen der Gegenwart.
Jüngste Kunst im Münchner Lenbachhaus
An den künstlerischen Ruhestand denkt Maria Lassnig noch lange nicht: Ihre Farben sind noch immer giftig, das Hellgrün kalt, das Gelb grell, ihr Rot kann man auf der Haut brennen spüren, wenn sie ihren eigenen oder fremde Körper mit dem Pinsel seziert. Bei Lassnigs ungebrochener Produktivität kann von einem „Spätwerk“ nicht die Rede sein, zumal die vielfach ausgezeichnete Künstlerin einem breiten Publikum erst in den letzten zwanzig Jahren bekannt wurde.
Wer Lassnigs Arbeiten im Original leuchten sehen will, hat dazu noch bis zum 30. Mai 2010 Gelegenheit: Dann endet die umfangreiche Einzelausstellung „Die Kunst, die macht mich immer jünger“ im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses. Von den ausgestellten Gemälden aus den letzten zehn Jahren sind viele zum ersten Mal zu sehen, im Filmraum werden Lassnigs experimentelle Trickfilme aus den siebziger Jahren gezeigt, die in den USA entstanden.
Biographie einer Unbeugsamen
Maria Lassnig ist eine Jahrhundertkünstlerin im Wortsinn: 1919 in Kärnten geboren, besuchte die junge Malerin die Wiener Akademie der bildenden Künste, die sie bereits 1943 wieder verlassen musste, weil ihre Arbeiten im politischen Reiz- und Kriegsklima als „entartet“ eingestuft wurden.
Doch Lassnig setzte ihr künstlerisches Programm unbeeindruckt fort: Bereits ihre erste Ausstellung stimmte die Farbtöne und Themenakkorde an, die sie in den folgenden sechzig Jahren verfolgen sollte. Die schmalen Formate mit surrealen Figurenkompositionen wuchsen sich zu raumgreifenden Großformaten aus, das Sujet der „Körperbewusstseinsmalerei“ – das „body awareness painting“ – blieb.
Surrealismus und Wiener Wortspiele
In Paris der fünfziger Jahre hatte Lassnig Kontakt mit André Breton, dem Vater der surrealistischen Bewegung, aber auch mit Paul Celan, dem Schöpfer hermetisch-absoluter Lyrik. Zurück in Österreich stand sie in engem Austausch mit den experimentellen Wortkünstlern der sogenannten „Wiener Gruppe“, die Sprache in ihren Arbeiten auch als optisches und akustisches Material verwendete: Lassnig war immer hautnah dran an den Avantgarden ihrer Zeit.
Surrealismus, Konkrete Dichtung und Lautpoesie gingen in ihr Werk ein. Ihre Malerei löst sich zwar von klassischen Formprinzipien, verliert aber nie den Kontakt zur genau studierten Wirklichkeit. Als sie in den sechziger Jahren in die USA emigrierte, konnte sie der österreichische Staat nur mit einer Kunstprofessur zurück nach Wien locken. In den achtziger und neunziger Jahren bespielte sie die Biennale genauso wie die Kasseler documenta.
Farbkörper und Körperfarbe
Körperzeichnung – meistens Aktdarstellungen – und ausdrucksstarke Farbigkeit sind Maria Lassnigs Markenzeichen: Mit ihren „Körpergefühlsbildern“ löste sich die Österreicherin von stilistischen Zwängen und Vorbildern. Dabei gehörte sie zu den ersten Malerinnen, die das Thema Weiblichkeit in Kunstwelt und Gesellschaft umfassend reflektierten. Sie male und zeichne nicht den „Gegenstand Körper“, sagte die Malerin in einem Interview, sondern „Empfindungen vom Körper“ – über die Körpererfahrung komme aber auch die „Weltsituation“ ins Bild. Ihr Mittel ist zwar die klassische Malerei, nicht aber die selbsterklärende, realistische Abbildung – Lassnig malt Subjekte, nie Objekte.
Lassnigs neuere Arbeiten und Serien, die in München gezeigt werden – und zuvor in Wien zu sehen waren –, setzen dieses drastisch-konkrete Bildprogramm fort. Lassnig porträtiert ihren eigenen, alternden Körper, mit hängenden Brüsten und schlaffem Bauch, in seiner ganzen Schutzlosigkeit, einen Waffenlauf auf den eigenen Kopf, aber auch – aus dem Bildraum heraus – auf den Betrachter richtend: „Du oder ich“ (2005, Öl auf Leinwand) ist vielleicht eines der eindrucksvollsten Bilder der Münchner Ausstellung. Auf anderen Porträts ist sie mit einem Kochtopf auf dem Kopf und sogar als Knödel zu sehen.
Amorphe Körperkonstellationen
Andere Gemälde erinnern an Yves Tanguys surrealistische Landschaften aus den dreißiger Jahren, bevölkert von amorphen, deformierten Körperkonstellationen, deren Extremitäten in die Länge wachsen oder verkümmern, Formen verschmelzen miteinander oder drängen sich gegenseitig aus dem Bildrahmen. Aus menschlichen und tierischen Körperkürzeln erschafft Lassnig so rätselhafte, stark getönte Chimären. Bildhintergründe schimmern einfarbig und grell, Umrisslinien werden leuchtend nachgezogen: Das Volumen der Körperform tritt dem Betrachter unmittelbar aus der Leere entgegen. Lassnigs Menschen, Tier- und Dingkörper, so Astrid Mayerle, definieren „ihre Dimension gewissermaßen selbst, von innen heraus.“
Informel trifft Verismus
Das Ölgemälde „Abraham opfert seinen Sohn“ (2007, 200x150 cm) etwa zeigt zwei weitgehend entsubstantialisierte Gestalten, aus deren Gebärden und verzeichneter Anatomie sich nur mit Mühe das biblische Geschehen nachvollziehen lässt. Der blutfarbene Hintergrund lässt die grünen Konturen der flach ausgeführten Figuren grell hervorstechen. Während solche neongrellen, abstrakt-expressiven Großformate an die Neuen Wilden im Deutschland der achtziger Jahre und ihren prominentesten Vertreter, Martin Kippenberger, erinnern, gehören sie doch nicht zu Lassnigs stärksten Arbeiten in der Münchner Ausstellung.
Ihr „Landmädchen“ (125x100 cm) dagegen, auch auf dem Ausstellungsplakat zu sehen, modelliert die Malerin als alternden Frauenakt, provokant über den Motorradlenker gebeugt, mit veristischer Schärfe und den Tönen einer reichen Farbpalette zum Leben erweckt. Im Inkarnat finden erdige Ockertöne ebenso ihren Platz wie sienarote Fleischfarben und tiefviolette Schattenstreifen. „Wenn ich male“, so Maria Lassnig, „ist so gut wie alles erlaubt.“
Animierte Paaranimation
Lassnigs Animationsfilme – haben auch ihre eigene Komik, die mit „Wiener Schmäh“ nur unzureichend beschrieben ist. Ironisch variieren die flackernden 16-mm-Werke, die mit Legetrick, Wiederholungsschleifen und Überblendungen arbeiten, in einer mitunter rohen Optik die zeitlosen Fragen nach gelingender Partnerschaft und den Unterschieden zwischen männlicher und weiblicher Sexualität.
Den hochkomischen Film „Kantate“ (1992), in dem Lassnig als Moritätensängerin verkleidet ihr Leben in 14 Strophen ironisch Revue passieren lässt, kann man glücklicherweise inzwischen auch im Internet betrachten.
Maria Lassnig
27. Februar 2010 – 30. Mai 2010
Kuratoren: Helmut Friedel/Matthias Mühling
Öffnungszeiten:
Di-So und Feiertage 10-18 Uhr
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Luisenstraße 33
80333 München