Mich traf die Nachricht wie ein Schlag! (Ich stand gerade unter der Dusche.) Und ich konnte es tatsächlich nicht glauben: Michael Jackson, für den ich keine Bewunderung (mehr) empfand, ist tot! Er hatte die fantastischsten Songs geschrieben. Und diese nervtötenden Welt-Rettungs-Balladen.
Am Ende war er nur noch für schlechte Nachrichten gut, für langweiliges neues Material, für den miesen Erziehungsstil seiner Kinder, für Kindermissbrauchs-Anklagen und -Verdächtigungen. Michael Jackson war zu einem Grusel-Faszinosum mutiert: mit Nasenstumpf und Schimpansenkinn.
Doch wie gestaltete sich der Empfang des King of Pop am 25. Juni 2009 im Himmel? Wie groß war das Aufgebot? Wer scharte sich um ihn? – Der Regisseur Serge Weber hat jetzt im Theater Bremen die Ankunft des King of Pop im Himmel für die Bühne inszeniert: »DANGEROUS! Ein Michael Jackson Abend«. Und damit dem Publikum ein merkwürdig schräg-schrill-schönes Erlebnis bereitet.
»I wanna be startin' something«
Es beginnt im Theaterfoyer. Weihrauch schwängert die Luft. Ein Messdiener schwenkt das Rauchgefäß, ein Mönch schleicht wie die personifizierte Todesahnung zwischen den Zuschauern herum. Es herrscht gedämpfte Stimmung, Kerzenlicht, Messemusik. Security bewacht die Türen, die Ankunft des Königs steht bevor.
Man muss Serge Werber allein für diese sinnliche Einstimmung dankbar sein. Hier, im Theater, ist mit einem Mal die Andacht möglich, die die Medialität und die letzten Lebenskapitel des Künstlers bei seiner TV-Bestattung unmöglich gemacht haben.
Wenn man Serge Weber glaubt, herrschte große Aufregung am 25. Juni 2009 im Himmelsreich. Vier Michael-Jackson-Doubles stürmen unter die Menschen und postieren sich wie Säulenheilige. Wirbeln umher. Und sind bald wieder verschwunden wie eine Erscheinung. Der King ist da! Gott hat die Hände voll zu tun, die himmlischen Heerscharen zur Raison zu rufen. Gott ist hörbar ungehalten. Ein wüster Beschimpfungssturm auf Platt geht über den Himmel nieder. »Soll ich mal auf den Tisch hauen?!«, fragt er seine Sekretärin Eva. Dann rummst es. Gott hat auf den Tisch gehauen.
»I wanna rock with you«
Aber zu spät. Der Himmel ist längst aus den Angeln. Die Engel tanzen lasziv, der Beelzebub entkleidet sich, der Himmel wird vom Rhythmus der Musik kräftig durchgemischt. Nicht lange, und alle fallen kopulierend übereinander her. Und werden aus dem Paradies geworfen. Aber diese Geschichte ist für den Theaterabend irgendwie total nebensächlich. Denn das Publikum wartet auf IHN! Alle warten auf SEINEN Auftritt. Aber Michael Jackson hockt vor Scham in einem Erdloch. Ohne seine Nase, die aufgrund fehlender Zugehörigkeit zu seinen »sterblichen Überresten« nicht in den Himmel gelangte. Mit Piepsestimme (Guido Gallmann) ruft er ins Publikum »I love you all«. Er verführt den Leibhaftigen und spielt ein paar Songs. Aber er singt nicht, er tanzt nicht, er zeigt sich nicht. Die Nase fällt später einfach vom Schnürboden.
»Dangerous« wird von vielen kleinen Ideen getragen, die alle am Rand der Lächerlichkeit entlang schrammen. Die vier Himmelbewohner Engel Gabi (Gabriele Möller-Lukasz), Engel Susi (Susanne Schrader), Erzengel Christoph (Christoph Rinke) und Beelzebub (Tom Pidde) gelangen nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies jedoch schnell in der Trübnis der Inszenierung an. Dafür können sie nichts. Dass die Choreographin Sabine Bünger aus ihnen keine Tanzwunder machen würde, war klar. Dennoch begeistert die liebevolle Hingabe der Schauspieler, mit der sie tanzen und sich in der Choreographie bewegen. Die Musik kommt instrumental vom Band, hat also den Wumms und Kick der Originale. Die Schauspieler lassen sich von ihr treiben und singen live! Einfach entzückend zu der Musik.
»Man in the Mirror«
Die Schwächen der Inszenierung sind offensichtlich. Tanzschritte, Bühnenbild, Geschichte und Michael Jackson-Musik wollen in keinem Augenblick zusammenpassen. Sie sind wie die auseinander fallende Flickschusterei eines miserablen Schönheitschirurgen. Dass diese »Himmlische Rebellion« nicht den Bach runter geht – dafür muss man den vier Protagonisten dankbar sein, und außerdem den Stimmen von Michael Jackson, Gottes Sekretärin Eva (Eva Gosciejewicz) und Gott himself (Hein Benjes). In gewitztem Timing bringt dieses Ensemble Windmaschine, Diskokugel, Moonwalk, Bibel, Pantomime, Schwertkampf, Tanz-Eskapaden und Live-Gesang zusammen.
Erst zum Schluss tauchen blutende Babyköpfe und abgeschlagene Puppenarme auf. Es ist eine einzige lange, sprachlose Szene, mit der Serge Weber das letzte Jahrzehnt des Michael Jackson bebildert – die leere Bühne fühlt sich mit dem emotionalen Chaos der Fans, Haus und Hof des Stars werden verkauft. Der Abend endet mit »Man in the Mirror«.
»If you wanna make the world a better place
take a look at yourself and make a change«
Gott muss nicht mehr auf den Tisch hauen.
Diesen Abend hat Michael Jackson verdient.
Nächste Termine:
15. Mai 2010
21. Mai 2010
9. Juni 2010
25. Juni 2010
Theater Bremen
Neues Schauspielhaus
Goetheplatz 1–3
28203 Bremen
Tel (0421) 36 53 333
Fax (0421) 36 53 932
www.theaterbremen.de