Persil, Weißer Riese, Spee – all dies sind wohlbekannte deutsche Marken, die wir so lieben wie unsere Westentasche. Sie sind „Tochterunternehmen“ von Henkel, einem weiteren bekannten Branding. Sauberkeit, Tüchtigkeit, Ordnung – und wer hätte gedacht, dass daraus mal ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst entsteht?
Henkel-Erbin Anette Brandhorst nämlich war es, die, gemeinsam mit ihrem Ehemann, das Kapital für die umfassende Sammlung Brandhorst beisteuerte – welche nun in einem öffentlichen Raum gezeigt wird: im Museum Brandhorst, beheimatet im prächtig gefüllten Münchner Museumsareal, errichtet vom Architekturbüro Sauerbruch Hutton. Auch Ihre Steuergelder sind dafür aufgewendet worden.
Ich werde nicht die gesamte Ausstellung porträtieren, sondern mich auf das Untergeschoss des Museums konzentrieren – welches dem Betrachter eine visuelle Reizüberflutung bietet, die ihresgleichen sucht. Vorausgesetzt, man beschäftigt sich mit der Materie, und sieht sich nicht nur ständig die anderen Besucher an, was aber eigentlich auch sehr amüsant ist, da diese in direktem Zusammenhang mit der Materie stehen.
Ich will es also nicht weiter verheimlichen und sage es geradeaus: es geht hier um Geld. Um das zwanzigste Jahrhundert. Um die Medien-, Konsum-, Massen-, und Popkultur. Um Verdummung, Verderben, den Werteverlust, die Postmoderne, und so weiter. Kaum zu glauben, all das ist hier drin! Namedropping gefällig? Voilà: Warhol! Koons! Cy Twombly! Beuys! Damien Hirst! Sigmar Polke! Hauptakteur: Gott und die Welt.
Was dem aufgeschlossenen Besucher sofort auffällt, ist die Architektur. State-of-the-art, minimalistisch, weit, offen, hell – wie ein Raumschiff, das uns, aus unserem Leben heraus, auf eine lange Reise durch die sogenannte spätkapitalistische Gesellschaft mitnimmt. Sehr lobenswert ist die Arbeit der Architekten, die hier ein Maximum an Effizienz erreicht zu haben scheinen, was den Raum, das Licht, die Präsentationsfläche und auch die Klimatisierung angeht. Alles ist weiß, steril, und eben dadurch so gut geeignet für die Präsentation von Künstlern der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und unseres ausgehenden Jahrzehnts.
Die Werke wirken als eine Art ironisch-subversiver Kommentar, gleichzeitig aber auch als Glorifizierung unserer „westlichen kapitalistischen Kultur“. Das Museum spielt so mit sich selbst: das eigentlich recht Zeitgenössische wird musealisiert; die Wahl der Werke zeigt, dass das Geld sich selbst kritisiert und gleichzeitig versucht, sich selbst zu adeln. Jedenfalls nett anzuschauen.
An einer Wand hängen der Warhol mit seiner Vervielfältigung einer Christus-Ikone, ein Koons mit seinen Kreuzkopien, - Religion als Allegorie des Werteverlustes -, in der Mitte des Raumes ist Damien Hirst mit zwei Boxen voll medizinischer Abfälle vertreten, an der gegenüberliegenden Wand Hirsts Installation „In this terrible moment we are victims clinging helplessly to an environment that refuses to acknowledge the soul“, ein mit Hunderten von Pillen beklebter Spiegel, - das Sanitäre, Medizinische, Klinische, Neurotisch-Saubere dieser zutiefst bürgerlichen Gesellschaft, Persil und Weißer Riese lassen eben grüßen -, an einer anderen Wand sieht der Betrachter Warhols Beuys-Porträt versteckt unter einem Tarnmuster, - was ist Identität? Verstecken wir uns nicht alle? Irgendwo im Raum steht eine Box, von Hirst, die mehrere Fernseher eine Schmerzmittelwerbung abspielen lässt; gegenüber verkitschte Fotos von Dave Chappelle, der werdende Hollywood-Stars porträtiert hat. Ein paar andere Warhol-Porträts und eine von Jeff Koons Kitsch-Figuren – „Amore“ – als Symptome einer tiefergehenden Identitätskrise vervollständigen den Eindruck.
Ah! Gott! Schluss! Jetzt! Aus! Endlich! denkt sich der Leser dieses Artikels vor lauter Namedropping, aber auch der Besucher der Ausstellung, der sich auf diese Wucht eingelassen hat. Und das ist auch die restliche Ausstellung: eine Wucht. Hier wird man konfrontiert mit unserer ureigensten Kultur, vielleicht am besten ausgedrückt durch Jacques Lacans „Meine Lehre“ – gigantische Stücke an Abfall, Lacan zufolge die ersten Anzeichen einer Hochkultur: Scheiße, kanalisiert und organisiert. Scheiße Scheiße Scheiße. Ist es nicht so, dass man ein Wort dauernd wiederholen muss, um seine Bedeutung zu relativieren? Versuchen Sie es, in dieser Ausstellung gelingt es nicht, werden Sie doch ständig daran erinnert, wo der Ursprung der Welt wirklich zu finden ist.
Puh! Es gäbe noch so viel über diese Sammlung zu schreiben, etwa die zweifelhafte Videoinstallation von Isaac Julien, der versucht, die illegale Immigration in den europäischen Raum zu ästhetisieren, oder den Lepanto-Zyklus des kindischen Kritzlers Cy Twombly, der in seinen Bildern den Untergang der abendländischen Kultur ein zweites Mal verhindern will. Hätte er doch diesmal die Osmanen gewinnen lassen!, denkt sich da manch ein Kulturpessimist, doch ich kann Sie beruhigen: die brennenden Schiffe sind alle auf der osmanischen Seite. Wie schön, wenn man sich mit Sicherheit seiner gewiss sein kann.
Kommentare
Frech, aber treffend.
Frech, aber treffend.