Fast 10.000 Menschen kamen im vergangenen Jahr nach Düsseldorf, um sich anzusehen, wie Deutschland, Österreich und die Schweiz - nach tagelangem Wettkampf - ihren besten Bühnendichter kürten. Die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam, einem Dichterwettstreit, vereinten im letzten Herbst 250 Poetinnen und Poeten auf der Bühne.
Poetry Slam ist Wortsport
Ganz so viele Teilnehmer werden es in einigen Tagen in Baden-Württemberg nicht werden, aber für Spannung ist auf jeden Fall gesorgt: Am 14. und 15. Mai treffen beim „SLAM BW 2010“, einer der bisher größten Regionalmeisterschaft im deutschsprachigen Raum, in Mannheim und Heidelberg die 26 besten Slam-Poeten des Bundeslandes aufeinander.
Die besten Bühnendichter Baden-Württembergs
In zwei Vorrunden werden sie darum wetteifern, sich für das große Finale am Samstagabend zu qualifizieren, wo es neben Ruhm und Siegerpokal auch einen Startplatz bei den deutschsprachigen Meisterschaften im Herbst 2010 im Ruhrgebiet zu gewinnen gibt. In einem separaten Wettbewerb wird außerdem der beste Nachwuchspoet unter 20 Jahren ermittelt.
Literatur und Performance: Slam!
Poetry Slam, die schlagende Mischung aus Literatur und Performance erobert seit 15 Jahren die Bühnen von Kulturhäusern, Clubs und Kneipen und zieht vor allem junges Publikum an. Über 130 Poetry Slams gehen regelmäßig im deutschsprachigen Raum über die Bühne – in einigen Städten bis zu zwölf Mal im Jahr und öfter. Um die Vernetzung untereinander zu stärken und ihrem Publikum ein besonderes Event zu bieten, haben sich die Slam-Veranstalter in Baden-Württemberg Anfang des Jahres zusammengetan, um zum ersten Mal den besten Slam-Poeten – oder die beste Slam-Poetin – des Südwestens zu ermitteln.
Globe-m hatte das Glück, bei einem Poetry Slam in Pforzheim im April 2010 gleich zwei der 26 Teilnehmer treffen zu können, die in zwei Wochen versuchen, sich für das Finale zu qualifizieren - und vielleicht sogar baden-württembergischer Meister zu werden: Faby Neidhardt (24, Stuttgart-Fellbach) und Simon Felix Geiger (22, Freiburg/Br.).
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Globe-m: Erzählt uns kurz, wie ihr zum Slam gekommen seid.
Simon: Ich wurde erst letzten Oktober auf Poetry Slam aufmerksam, als ich in Freiburg ein „Poetry Slam Best of“ sah, bei dem viele namhafte Bühnendichter auftraten. Ich dachte mir: „Simon, das kannst du auch!“ Beim nächsten Slam habe ich gleich teilgenommen und wurde Dritter. Seitdem bin ich vor allem in Süddeutschland auf Slams und Lesebühnen unterwegs.
Faby: Mein damaliger Deutschlehrer hat mir 2004 einen Flyer für den ersten Poetry Slam zugesteckt. Er wusste, dass ich Kurzgeschichten schreibe, und dachte, das sei vielleicht eine gute Möglichkeit, sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und seitdem bin ich fast regelmäßig dabei.
Globe-m: Wie oft seid ihr inzwischen auf Slambühnen unterwegs?
Simon: Eigentlich fast jedes Wochenende - manchmal mache ich aber auch zwei bis drei Wochen Pause, um neue Ideen zu entwickeln und mich wieder auf mein Studium zu konzentrieren.
Faby: Vielleicht ein oder zweimal im Monat. Ich habe viel zu viel andere Projekte, um so viel Zeit im Zug zu verbringen. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich mir Simon Felix und seine Tourliste ansehe! Dann bekomme ich Lust, mich ihm einfach anzuschliessen und eine Weile von Auftritt zu Auftritt zu fahren.
Globe-m: Was bringt einen Autor dazu, sich immer wieder der Wertung des Publikums zu stellen? Fühlt man sich da nicht manchmal ungerecht behandelt?
Simon: Mir persönlich bereitet es unglaublich Freude, neue Texte und Gedichte am Publikum auszuprobieren und Feedback zum Geschriebenen zu bekommen. Natürlich fühlt man sich auch mal ungerecht behandelt, vor allem, wenn man viel Energie und Zeit in die Erarbeitung und Performance von Texten steckt, die dann vom Publikum - leider - nicht immer wertgeschätzt werden. Das kommt aber zum Glück nicht allzu oft vor.
Faby: Simon Felix hat das vor kurzem in einem seiner Texte auf den Punkt gebracht: Wir sind Künstler und wollen einfach auf der Bühne stehen und den Leuten etwas erzählen! Es geht nicht so sehr um die Bewertung, sondern darum, das Publikum zu unterhalten. Natürlich ist auch Wettbewerb im Spiel, aber das erhöht nur die Spannung. Und ungerecht behandelt wird man nicht nur als Slammer auf der Bühne.
Globe-m: Glaubt ihr, dass Poetry Slam eure Berufs- oder Studienwahl beeinflusst hat? Könnt ihr euch vorstellen, vom Schreiben und von Auftritten zu leben?
Simon: Momentan nicht. Ich stehe erst seit fünf Monaten auf der Bühne und studiere nebenher Soziale Arbeit. Ich könnte mir allerdings gut vorstellen, Poetry Slam mit Sozialarbeit zu verknüpfen, wie das auch andere deutsche Slam-Poeten machen: Lars Ruppel arbeitet beispielweise mit Demenzkranken, und auch viele andere Slammer bieten Workshops für Kinder und Jugendliche an.
Faby: Auf jeden Fall! Ich habe ja fast gleichzeitig mit dem Schreiben und dem Sprechen angefangen und will das auch weitermachen. Derzeit bin ich freier Journalist und Sprecher und lebe sogar davon. Ich will mich aber noch professionellieren und fange deshalb im Herbst mit dem Studium der Sprecherziehung und Sprechkunst an. Es soll dann verstärkt in Richtung Synchronsprecher und Hörbuchsprecher gehen, während ich meine Bücher schreibe.
Globe-m: Wie seht ihr eure Erfolgschancen bei den Meisterschaften?
Simon: Ziemlich gering, da ich bereits in der Vorrunde auf drei etablierte Slamgrößen treffe. Aber ich werde natürlich mein Bestes geben!
Faby: Für mich ist das schon ein Erfolg, mal wieder bei einer Meisterschaft dabeizusein. Ich war 2004 und 2006 bei den deutschsprachigen Meisterschaften dabei und bin immer schnell ausgeschieden. Aber das Dabeisein zählt!
Globe-m: Worum geht es in dem Text, den ihr für den Wettbewerb rausgesucht habt? Oder werdet ihr euch noch mal gezielt an den Schreibtisch setzen?
Simon: Ich arbeite momentan an einem neuen Text, aber eventuell greife ich auf etwas Bewährtes zurück – das werde ich allerdings eher spontan entscheiden. Außerdem möchte ich im Vorfeld noch nicht allzu viel verraten. (lacht)
Faby: Ich denke nicht, dass ich etwas Neues schreibe; aber welchen Text ich genau lese, weiß ich noch nicht. Das wird sich je nach Publikum und Stimmung entscheiden: Davon ist nämlich viel abhängig.
Globe-m: Wie werdet ihr versuchen, euch von den anderen abzuheben?
Faby: Zwei verschiedene Schuhe, poppige Farben und gute Laune. Und natürlich einen guten Text.
Simon: Ich werde versuchen, mein eigenes Ding zu machen und Akzente zu setzen. Ich will mich nicht krampfhaft von anderen abzuheben, sondern vor allem mit meinem Auftritt zufrieden sein, den Text während des Vortrags spüren - alles andere wird sich schon zeigen.
Globe-m: Wie ich weiß, hat jeder von euch auch schon Texte veröffentlicht. Schreibt man als Autor nur für die Bühne – oder möchte man seine Texte auch gerne gedruckt sehen?
Faby: Beides. Ich habe Texte, die sind zu lang für die Bühne, die machen sich gut in Anthologien. Andere Texte haben mehr Kraft, wenn sie live vorgelesen werden.
Simon: Die Bühnentexte möchte ich eigentlich nicht abdrucken lassen, weil sie vor allem von der Performance und dem Vortrag leben! Aber ich schreibe außerdem Lyrik und arbeite an einem Gedichtband, der Ende des Jahres erscheinen soll. Interessierte können mir gerne über meinen Blog eine Mail schreiben, wenn Sie über das Erscheinen des Büchleins informiert werden wollen.
Globe-m: Die berühmte Autorenfrage: Wo kommen die kleinen Ideen her? Wie schreibt man einen Slamtext – anders als beispielsweise die Einleitung für ein Autoreninterview?
Simon: Ich hab da eine kleine Meise in meinem Köpfchen, die sich dort eingenistet hat, ständig mit mir swingt und mich zum Zwitschern bringt. Ich würd sie gern erdrosseln und aus dem Kopfe meiseln, denn meine Worte kreiseln wie Round-About-Gesänge durch Basalgangliengänge, die keiner recht versteht! Und da ich sie auch nicht recht verstehe, weiß ich auch nicht so genau, woher diese kleinen Ideen kommen. Der einzige Tipp, den ich geben kann: hinsetzen und versuchen, die eigenen wirren Gedanken zu Papier zu bringen, Pobacken zusammenkneifen - und rauf auf die Bühnen dieser Welt!
Faby: Ideen gibt’s überall: beim Bahnfahren, beim Belauschen fremder Gesprächen, im Traum, überall! Man muss sie nur finden.
Globe-m: Vielen Dank für Eure Zeit!
Links:
- Faby Neidhardts Homepage
- Faby Neidhardt auf Myslam.de
- Faby Neidhardt: Lesung mit Oliver Rohrbeck
- Simon Geigers Blog
- Simon Geiger auf Myslam.de
- Simon Geigers: Auftritt bei Youtube