Revolution Girl Style Now

Bikini Kill

Anfang der Neunziger Jahre machten sich junge Frauen daran, die Rockmusik zu verändern. Sie forderten Musik von Frauen für Frauen. Ihre Waffen: Do It Yourself- Ethos und „Girl Love“. Riot Grrrl wurde zum wütenden Ruf nach Gleichberechtigung.

„Rebel Girl“

Frauen, die Rockmusik machten, gab es schon seit den Siebziger Jahren. The Runaways und Patti Smith, zum Beispiel, waren zwar in der Szene anerkannt, aber dennoch Ausnahmen in der männlich geprägten und teilweise brutalen Rockwelt. Viele Frauen gaben sich mit der Rolle, die sie in dieser Welt spielten, nicht mehr zufrieden. Sie wollten selbst Musik machen und auf spezifisch feminine Themen aufmerksam machen.

In der Studentenstadt Olympia im Bundesstaat Washington – nicht weit entfernt von Seattle, dem Zentrum des Grunge  – begann in den frühen Neunziger Jahren eine Revolution, die sich bald über das ganze Land erstrecken sollte, nur um kurz danach wieder in der Versenkung zu verschwinden.

„You are the queen of my world“

In dieser Zeit entstanden zahlreiche Bands, die ausschließlich oder größtenteils aus Frauen bestanden. Zu den wichtigsten Vertretern gehörten Bikini Kill, Bratmobile, Heavens to Betsy und Huggy Bear. Musikalisch orientierten sie sich am Punk Rock, da er keine großen musikalischen Fähigkeiten erforderte und damit schnell und einfach umgesetzt werden konnte. Niemand sollte ausgeschlossen werden. Riot Grrrl ermutigte Frauen dazu, Instrumente zu erlernen. Sie sollten nicht mehr nur ihre Idole auf der Bühne anhimmeln, sondern sich selbst verwirklichen.

Neben dem Gründen von Bands war vor allem auch die Verbreitung selbstgestalteter Broschüren – Zines genannt – ein wichtiger Bestandteil der Riot Grrrl-Bewegung. Wie bei der Musik war auch hier jeder dazu aufgerufen, sich zu beteiligen. Zines bestanden meist aus Collagen und mit der Schreibmaschine verfassten Texten. Sie wurden kopiert und gratis verteilt.

Die Themen der Zines und der Songtexte waren meist feministischer Natur. Sie beschäftigten sich mit sexuellem Missbrauch, häuslicher Gewalt und weiblichen Identitäten. Sie waren von Frauen für Frauen geschrieben. Sie behandelten Tabu-Themen und waren vor allem dazu gedacht, das weibliche Selbstbewusstsein zu stärken. Die Frauen wollten eine Gemeinschaft etablieren, die ein friedliches Miteinander versprach und geprägt war von gegenseitigen Respekt. „Girl Love“ sollte die Frauen als Gleichgesinnte vereinen und nicht als Konkurrentinnen gegeneinander ausspielen.

„When she talks I hear the revolution“

Riot Grrrl wird oft als Beginn der dritten Feminismus-Welle gesehen. Sie hinterfragt die universelle weibliche Identität und unterstützt die Vielfalt möglicher Lebensentwürfe. Dazu gehören auch Homosexualität, Transgender-Identitäten und das Befürworten von Pornografie. Zudem werden auch Themen wie Rassismus und Klassendenken in die Debatte miteinbezogen.
Was den Aufbau einer starken feministischen Gemeinschaft betrifft, orientiert sich Riot Grrrl aber auch an der zweiten Feminismus-Welle. Die amerikanischen Journalistin Gloria Steinem kämpfte für die Gleichberechtigung in der Familie und am Arbeitsplatz und setzte sich für die Mitbestimmung beim Schwangerschaftsabbruch ein. Für Kathleen Hanna, Sängerin von Bikini Kill, und viele andere Vertreterinnen von Riot Grrrl ist Gloria Steinem das größte Vorbild.

Doch Riot Grrrl musste sich auch Kritik gefallen lassen. Oft wurde bemängelt, die Bewegung sei nur für weiße Frauen aus der Mittelklasse und die Integration anderer Rassen mangelhaft. Zudem besiegelte die anti-kommerzielle Einstellung das Schicksal von Riot Grrrl. Sie wurden von der Öffentlichkeit als unbequeme und aggressive Querulantinnen missverstanden. Auch der von den Riot Grrrls etablierte Look wurde nicht gerade positiv aufgenommen. Babydoll-Kleider, zerissene Strumpfhosen und bunte Haarspangen machten den „Kinderwhore“-Trend aus, was von vielen nur als billig und schlampig interpretiert wurde. Die Weigerung mit Vertretern der Presse zu sprechen, bedeutete schließlich das Ende. Mitte der Neunziger Jahre waren die meisten enttäuscht von der Bewegung, die viel versprochen hatte aber doch wenig ändern konnte.

Viele Musikerinnen entwickelten sich weiter. Kathleen Hanna gründete die Elektro-Pop-Gruppe Le Tigre. Aber auch andere Bands entstanden und bezogen sich auf Riot Grrrl und seine Ideale. Die Bekanntesten unter ihnen sind Gossip und Kate Nash. Inzwischen hat auch die ursprüngliche Riot Grrrl-Bewegung wieder an Interesse gewonnen. Das Internet vereint zahlreiche Fans in Foren und Archiven und übernimmt damit die Rolle der Zines.

Weitere Infos:

Riot Grrrl Manifesto

Bikini Kill Archive

Expertenstimmen Archiv