Warum die Poetiksammlung – und ich paraphrasiere hier Robert Gernhardt – „Was das Gedicht alles kann: Alles“ keine glänzende Poetiksammlung ist.
Der komische Dichter Robert Gernhardt hatte und hat viele Fans, die seit den achtziger Jahren auch den ernsten Dichter Gernhardt kennen und schätzen lernten. Und das war gut so. Denn der Frankfurter Schriftsteller und Zeichner schrieb klug, kenntnisreich und komisch, vor allem, wenn er sich seinen liebsten Gegenständen zuwandte: Grafik, Gelächter, Gedicht.
Grafik, Gelächter, Gedicht
Was der S. Fischer-Verlag mit Gernhardts Nachruhm anstellt, ist nicht ganz so gut: Seit dem Tod des Autors – im Juni 2006 – sind einer flotten Netzrecherche zufolge ungefähr 50 Bücher, Anthologien und CDs mit Texten von Robert Gernhardt erschienen und wiedererschienen. Das mag zwar den Vertrieb freuen, aber nicht immer den Leser – und kann auch den Literaturwissenschaftler frustrieren, der sich für Gernhardts Werk interessiert und sich dafür durch ein verstreutes Primär- und Sekundär-Oeuvre von unterschiedlicher Qualität wühlen muss.
So erschien zuletzt ein Sammelband unter der Ägide von Feuilletonchef Thomas Steinfeld („Der große Dichter sieht die Dinge größer: Der Klassiker Robert Gernhardt“, 2009), zu dem „bedeutende Autoren, Kritiker und Literaturwissenschaftler alle Facetten“, wie der Verlag sich lobte – darunter Martin Mosebach, Jan-Philipp Reemtsma und Gustav Seibt – beigetragen hatten und doch zum Teil kaum über „nette Texte von netten Gernhardt-Groupies“ hinauskamen, wie ein enttäuschter „Freund komischer Lyrik“ auf den Seiten eines Internetbuchhändlers schmollte.
Erkenntnisfördernder waren da Gernhardts – feuilletonistisch übrigens unbeachtete – „Kippfiguren“ aus dem Jahr 2007 (nicht identisch mit dem fast gleichnamigen Erzählband aus den späten achtziger Jahren): die Faksimiles zweier Notizhefte aus dem Dichternachlass im Marbacher Literaturarchiv nämlich, herausgegeben von der Deutschen Schillergesellschaft und bündig kommentiert von Kristina Maidt-Zinke.
Poetikvorlesungen: Frankfurt, Essen, Düsseldorf
2009/10 wartet der Fischer-Verlag nun mit den poetologischen Schriften des Dichters auf, genauer – und anders als es der Untertitel „Texte zur Poetik“ verrät – mit den lyriktheoretischen Schriften aus Gernhardts Feder, noch genauer: mit einem späten Teil seiner lyriktheoretischen Schriften, deren Kern die Poetikvorlesungen der 2000er Jahre bilden. Warum so umständlich? Weil Robert Gernhardt sich bereits in den Jahren zuvor ausführlich zur Theorie der Satire (in: „Letzte Ölung“) und Kunst („Der letzte Zeichner“), zur Poetik des Komischen (in: „Was gibt’s denn da zu lachen?“) und wiederholt zur Lyrik (so in: „Gedanken zum Gedicht“) geäußert hatte.
Erst gegen Ende seines Lebens nahm der Lyriker Gernhardt die Gelegenheit wahr, seine häufig polemischen Thesen im universitären Rahmen vorzutragen: In seinen Poetikvorlesungen, zuerst 2001 an der Frankfurter Goethe-Universität, erlebt man Robert Gernhardt als gereiften „poeta doctus“, der aus dem stolzen Turm seines Werks zum Volk spricht, immer kritisch, manchmal salbungsvoll, manchmal selbstverliebt.
2002 hielt er die Vorlesungen in veränderter Form in Essen, wo er sogenannter „poet in residence“ war, 2006 schließlich, wiederum variiert, in Düsseldorf.
Im letzten Jahr erschienen die Essener Vorträge als „Was das Gedicht alles kann: Alles. Führung durch das Haus der Poesie“ auf fünf CDs, im Juni 2010 liegen sie – unter gleichem Titel, aber nicht mit gleichem Inhalt – als 600 Seiten starkes Buch vor.
Ein Haus für die Dichtung
Auf der Poetik-CD ist nachzuhören, wie sich Gernhardt ein lyrisches Haus errichtet, das er gemeinsam mit der Zuhörerschaft abschreitet, Raum für Raum; eine Besichtigung, die dem großen Bogen verpflichtet ist: von der Krabbelstube zum Sterbezimmer. Beate Tröger hörte in der FAZ einen Dichter, der sich „auf der Jagd nach der Pointe trittsicher im Revier der Sprache bewegt, auf der Höhe seiner argumentativen Fähigkeiten“, und dabei „seine vielgelobte Kunst intelligenter Unterhaltung und Vermittlung“ demonstriert.
Locker spielt Gernhardt den Ball zu Goethe und Schiller, schlägt Pässe zu Hölderlin, Benn und Brecht; immer wieder lässt er sich von den zeitgenössischen Kollegen Peter Rühmkorf und Hans Magnus Enzensberger decken, mit denen er in die Überzeugung teilt, das Gedicht habe „Bodenhaftung“ statt Abkehr von der Realität verdient, müsse hell und verständlich bleiben statt hermetisch und rätselhaft, zeitbezogen statt weltfremd.
Dass dem Dichtertheoretiker Gernhardt ein allzu hoher Ton und manch literaturwissenschaftliche Reflexion suspekt blieben und er nicht müde wurde, für die Sache des Komischen und Klaren einzutreten, hinderte ihn nicht daran, zunächst jede Spielregel, die das Gedicht vorgab, vorurteilsfrei zu akzeptieren und erst dann zu überprüfen, ob das jeweilige Werk sie auch einlöste – immer getreu der vielzitierten Formel, „wie ein gutes Gedicht beschaffen sein sollte“, nämlich: „Gut gefühlt / Gut gefügt / Gut gedacht / Gut gemacht.“
Im Zweifel fürs Helle und Schnelle
Dass Gernhardt in seinen Ausführungen deshalb immer wieder reimlose, nur noch durch den Zeilenbruch als Gedicht gekennzeichnete moderne Lyrik auf‑ und angreift, in der Metrum, Strophik und Klang keine tragende Rolle mehr spielen, dient allerdings auch einem ganz profanen Zweck: ist der Vortragende doch immer auch darum bemüht, sein eigenes Werk, das sich durch Regelkenntnis und Formstrenge auszeichnet, gegen andere Spielarten der Dichtung zu nobilitieren.
Gernhardt reiht seine eigenen Texte häufig und übergangslos zwischen Goethe und Brecht ein, dient damit, so die Herausgeber „nicht zuletzt der eigenen Kanonisierung“, und betätigt sich als „Lyrikwart“, der fremde Gedichte verbessert: Solche Grandseigneurs-Gesten darf man selbstverliebt nennen – und einem Redner, der einen Zwischenapplaus mit den Worten „Ich habe Ihnen den Beifall nicht abverlangt, aber wenn er dann kommt, dann lasset ihn zu mir kommen“ bedenkt, nicht auch noch – wie es das Nachwort tut – „Spontaneität und Virtuosität“ attestieren.
Problematische Textedition
Dass in Gernhardts produktivem Arbeitsleben vieles ungedruckt, aber nicht ungesagt blieb, ist schade, und die Herausgeber des Poetikbandes, der Literaturwissenschaftler Lutz Hagestedt und der Jurist Johannes Möller, haben gut daran getan, diesen Mangel zu beheben und darüber hinaus viele weitere, verstreut publizierte Texte unter einem Buchdeckel zu versammeln: Wundervolle Funde sind vor allem Gernhardts gnadenlose Abrechnung mit veritabel schwachsinnigen Gedicht-Übersetzungen (464f.) und seine luzide Typologie verschiedener Lyrikanthologien (475f.).
Dass Herausgeber und Verlag das Editionsunterfangen dabei sowohl dem nachwachsenden „Gernhardt-Philologen“ (so das Nachwort) als auch dem Gelegenheitskäufer – der Gernhardts komische Gedichte bislang theoriefrei genossen haben dürfte – schmackhaft machen wollen, führte zu einer Mischung aus Lese‑ und Forschungsausgabe, die keine der beiden Zielgruppen richtig zufriedenstellen wird.
Denn zu einer vernünftigen, kritischen Wissenschaftsausgabe reichen die „Texte zur Poetik“ in der publizierten Form nicht, so fußnotenreich sie auch daherkommen: Sinnvoll wäre es beispielsweise gewesen, dem quellenfaulen Gernhardt fundierte Textbelege nachzutragen und nicht nur „ausnahmsweise Nachweise“ für viele der zitierten Beispiele und Auszüge zu erbringen. Auch die Entscheidung, die drei Poetikvorlesungen zu einem einzigen Text zu verschneiden, um „die Überlegungen, die Gernhardt in seinen Vorlesungen als Kernstück seiner Poetik ausgeführt hat“, möglichst vollständig zu rekonstruieren, ist zwar lesefreundlich, aber editionsphilologisch eher ein Bärendienst. Darüber hinaus konzedieren die Herausgeber, aus „Platzgründen längst nicht jeden poetologischen Text“ aus Gernhardts Feder berücksichtigt zu haben – warum dann überhaupt ein großzügig ausgestattetes Hardcover-Unterfangen, wenn es nur einen Teil des erschließbaren Werks abbildet, Wiederholungen gestrichen und beispielsweise die mehrfach erwähnten Briefkorrespondenzen Gernhardts, in denen er sich lyriktheoretisch äußert, nicht mitabgebildet werden (von typographischen Sünden und den Fehlern im Literaturverzeichnis zu schweigen)?
Gernhardts Bachmann-Dekonstruktionen
In seinen Vorlesungen dekonstruierte Robert Gernhardt bevorzugt die absolut-hermetischen Gedichte der Moderne und Postmoderne – er bezeichnete sie mit einem brechtschen Terminus als „pontifikale Linie“ der Lyrik –, die mit vielen Metaphern, aber wenig nachprüfbaren Behauptungen aufwarten: Neben einer Montageprobe, bei der Gernhardt die Zeilen verschiedener Gedichte zu einem neuen Text verklebt, verkehrt er an anderer Stelle mithilfe eines schlichten, aber schlagenden Umkehrtests einzelne Verse in ihr Gegenteil (aus „Was der Stein sagt, kann allein die Nacht entziffern“ wird beispielsweise „Was die Nacht sagt, kann allein der Stein entziffern“, S. 213f.), um die Beliebigkeit der verwendeten Metaphern nachzuweisen.
Dass dieses Umkehrverfahren von Gernhardts Autorenkollegen Matthias Politycki stammt, mit dem zusammen der Dichter mehrere Male aufgetreten ist, erwähnt Gernhardt dabei nicht – auch das Nachwort schweigt zu dem Zusammenhang, obwohl Politycki sich wiederholt zu seinem Einfall geäußert hat (so in dem Essayband „Die Farbe der Vokale“).
Die Sakralisierung des heiligen Robert
Kein Zweifel: Die Kanonisierung des Autors Gernhardt ist weit fortgeschritten. Die Ernsthaftigkeit, mitunter offene Idolatrie, mit der Herausgeber, Verlag und Literaturwissenschaft die Sakralisierung des heiligen Robert betreiben, trifft dabei auf ein Literaturverständnis, das direkt aus der Staiger-Schule zu kommen scheint: Gedichtinterpretation – so steht es im Nachwort des Poetikbandes – besteht demnach darin, „umsichtig“ und „nach allen Regeln der Interpretationskunst“ (die leider nicht benannt werden), „den Gehalt des Gesagten und nicht Gesagten, der formalen wie inhaltlichen Aspekte“ aufzuschlüsseln. Dabei werden Werk und Intention des betroffenen Autors mitunter nicht sauber anvisiert: „Überhaupt ist in Rechnung zu stellen, dass Gernhardts Gedichte in sehr vielen Fällen eine ironische Lesart zulassen“, schreiben die Herausgeber, als hätten sie noch nie ein Gernhardt-Gedicht gelesen.
Plonzo oder Foxl, Frau Bachmann?
Die Diskrepanz zwischen Gernhardts tatsächlicher Arbeitsweise und dem Gestus, mit dem die Wissenschaft Bedeutung aus seinen Texten zu bergen versucht, wird an mancher Stelle selbst zum komischen Vorgang: Im Poetikband findet sich eine Abrechnung des „Lyrikwarts“ Gernhardt mit Ingeborg Bachmanns Gedicht „Die gestundete Zeit“: Gernhardt macht sich über die Zeile „Jage die Hunde zurück“ lustig, indem er Bachmanns Gedicht zurückfragt: „Auch den munteren Foxl?“
Im Fußnotenapparat – und hiermit genug – kommentieren die Herausgeber die Stelle mit den Worten: „Die Benennung dieses einen Hundes beschäftigt Gernhardt offenbar länger. Zunächst verwendet er den Namen ‚Plonzo’, diesen wechselt er sodann an beiden Stellen, an denen der Hundename im Manuskript auftaucht, gegen ‚Tommy’ aus. Den Namen ‚Tommy’ ersetzt er schließlich nur an der ersten der beiden Stellen durch ‚Foxl’. Wir gehen davon aus, dass dies auch für die zweite Stelle gelten sollte. Auf dem Manuskript findet sich sogar eine kleine Skizze des Hundes.“
Literatur
Robert Gernhardt. Was das Gedicht alles kann: Alles. Texte zur Poetik.
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2010. € 22,95
Robert Gernhardt: Was das Gedicht alles kann: Alles. Eine Führung durch das Haus der Poesie.
Der Hörverlag, Hamburg 2010. 5 CDs, 290 Min. € 29,95