Ein Interview mit einem Ermittler ist ein Sonderfall. Sozusagen den Spieß umgedreht. "Herr Josef Wilfling: Wo waren sie gestern zwischen 22.00 und 22.30 Uhr? Kennen Sie die Person auf diesem Foto?" Den Frage- und Fallensteller verhören? Es geht hier nicht um Mord, aber um ein Mords-Buch.
Kein Verhör also, aber der Ermittler macht klare Aussagen. Auch das ein Sonderfall…
SONST UFERT DAS AUS
Sechs Fragen an Josef Wilfling
Globe-M: Worum geht es in Ihrem Buch Abgründe – Wenn aus Menschen Mörder werden?
Josef Wilfling: Es geht um Kriminalfälle, aber um außergewöhnliche Kriminalfälle, also um solche, die das Vorstellungsvermögen sprengen, auch das Vorstellungsvermögen von erfahrenen Ermittlern. Es sind Fälle, die besonders abgründig und besonders schlimm waren, von der Täterseite her, von der Begehungsweise besonders grausam, unverständlich, nicht nachvollziehbar. Auch bei bestem Wollen und Willen nicht. Man erlebt ja hunderte von Fällen im Laufe der Jahre. Die meisten vergisst man wieder, aber einige, die bleiben eben im Gedächtnis, und das sind solche Fälle, die bei mir in der Festplatte eingebrannt sind.
Globe-M: Sie haben zweimal ihre Amtszeit verlängert. War es ihnen selbst ein Bedürfnis, dieses Buch zu schreiben, oder sind sie dazu gedrängt worden?
Josef Wilfling: Ja, man ist schon von vielen Seiten an mich herangetreten und hat mich gefragt, ob ich nicht was aufschreiben will, weil ich sehr viel erlebt habe. Ich war in den Medien sehr präsent als Chef der Münchner Mordkommission, und insofern war das schon so, dass man mich aufgefordert hat. Aber ich hab's auch gern gemacht, weil ich gern schreibe. Ich habe auch vorher schon geschrieben und hab natürlich nichts veröffentlicht. Mir hat's auch ein bisschen geholfen, diese Übergangszeit zu bewältigen. Man fällt ja, wenn man 42 Jahre im Beruf war, schon so a biss'l in a Loch rein. Und da war das genau das Richtige für mich. Zur Ablenkung und um noch den Bezug zum Beruf zu behalten.
Ich habe jetzt zwar miterleben müssen, dass jemand, der noch in Amt und Würden ist, Bücher schreibt über seinen Beruf, aber ich hätte das niemals gemacht. Man muss auch auf die juristische Seite, die Persönlichkeitsrechte achten, die Dinge ein bisschen anonymisieren. Das hab ich gemacht, aber erst nachdem ich jetzt pensioniert bin. Ich hab' erst angefangen zu schreiben, als ich pensioniert war.
Globe-M: Können sie sich vorstellen, dass sie als Ermittler privat, ohne Auftrag, weiterarbeiten – so wie man es aus Kriminalgeschichten kennt?
Josef Wilfling: Absolut nein! Würde ich niemals machen, und das könnte ich auch nicht. Ich wäre kein guter Privatdetektiv. Ich war Polizist und als polizeilicher Ermittler arbeitet man mit einem ganz anderen Umfeld und mit einem ganz anderen Know-how. Man hat diesen riesigen Polizeiapparat zur Verfügung. Diesen Rahmen, das beherrsch' ich, aber als Privatdetektiv müsste man ja völlig auf sich allein gestellt, ohne rechtliche Befugnisse, ohne Möglichkeiten ermitteln. Ich hätte ja gar nicht die Ausrüstung.
Globe-M: Polizei, Feuerwehr und andere Helfer werden immer häufiger bei Einsätzen angegriffen. Hat sich bei den Leuten etwas im Verständnis geändert?
Josef Wilfling: Das frage ich mich ehrlich gesagt auch, weil ich immer eine sehr breite Akzeptanz gespürt habe innerhalb der Bevölkerung, grad als Mordermittler. Wir haben wahnsinnig viel Unterstützung bekommen, wo immer ich auch hinkomme, auch mit den Lesungen, spüre ich eine wahnsinnig große Akzeptanz und Anerkennung unseres Berufes. Deshalb wundert es mich, dass man hier andererseits Polizeibeamte angreift. Ich denke mal das sind vorwiegend Jugendliche, die hier so eine gewisse Abneigung entwickeln, und das ist eine sehr sehr bedenkliche Entwicklung. Ich kann nur hoffen, dass man da wirklich mit Härte dagegen vorgeht.
Globe-M: Ist für sie Mord das Kapitalverbrechen schlechthin oder gibt es Taten, die schlimmere Folgen nach sich ziehen?
Josef Wilfling: Ob der Täter selber Hand anlegt oder Hand anlegen lässt, das macht überhaupt gar keinen Unterschied. Das Leben ist unser kostbarstes Gut und insofern ist Mord natürlich das schwerste Verbrechen, das wir kennen. Es ist auch vollkommen logisch, wir haben nur ein Leben. Klar macht das einen Unterschied, ob jemand einen Menschen umbringt oder zehn oder hundert oder tausend. Das ist eine politische, philosophische Betrachtung. Ich als Mordermittler habe die innere Überzeugung, dass jeder, der einen anderen Menschen tötet, zur Rechenschaft gezogen werden muss. Man muss alles tun, um diesen Täter zu fassen, sonst ufert das aus, das ist meine innere Überzeugung. Es gibt Verbrechen, die in meinen Augen genauso schlimm sind. Das ist in erster Linie der Kindsmissbrauch und der sexuelle Missbrauch von Kindern. Da zerstört man Menschen genauso, in ihrer kleinen jungen Seele – für ihr Leben lang. Dass hier eine ganz unterschiedliche Gewichtung vorgenommen wird, das finde ich bedauerlich.
Globe-M: Dem überführten Mörder wird seine Freiheit genommen, aber man lässt ihm seine Würde als Mensch. Warum wollen wir nicht wahrhaben, was wir getan haben?
Josef Wilfling: Dieser Selbstschutz, der ist in uns drin und der ist auch menschlich verständlich. Das kann jetzt Scham sein, das ist natürlich Angst vor Strafe, das ist natürlich auch die Unfähigkeit, eigenes Fehlverhalten einzugestehen, das fällt nicht immer sehr leicht, und das ist natürlich schwierig, wenn jemand zugeben soll oder einräumen soll, was Schreckliches getan zu haben, das Schlimmste was man überhaupt tun kann. Dass das nicht einfach ist und dass das niemandem einfach fällt, das ist für mich absolut normal und nachvollziehbar. Man will ja diese Schuld auch von sich weisen, und insofern muss man ihm auch dieses Recht eingestehen, und wenn er es dann doch tut, dann hat er einen riesengroßen Schritt gemacht, aus meiner Sicht, der Sühne und der Reue und hin zum besseren Weg. Und insofern – das habe ich immer wieder festgestellt – sind solche Menschen dann tatsächlich erleichtert, wenn sie diese Last losgeworden sind.
Globe-M: Vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person
Josef Wilfling, ehemaliger Leiter der Mordkommission München, Jahrgang 1947, war 42 Jahre lang im Polizeidienst tätig, 22 davon bei der Münchner Mordkommission. Der Vernehmungsspezialist klärte spektakuläre Fälle wie den Mord an dem Schauspieler Walter Sedlmayr und an dem Modemacher Rudolph Mooshammer auf. Er fasste Serientäter wie den Frauenmörder Horst David und verhörte Hunderte Kriminelle. 2008 spielte er in dem Dokudrama Der Mann, dem die Frauen vertrauen sich selbst, an der Seite von Ulrich Tukur. Josef Wilfling ist verheiratet und lebt in München. Im März erschien sein Buch Abgründe.
Josef Wilfling: Abgründe
Wenn aus Menschen Mörder werden
. Der legendäre Mordermittler deckt auf
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten,
ISBN: 978-3-453-16753-7
€ 19,95 Verlag: Heyne
Globe-M sprach mit Josef Wilfling am Rande der Tagung Das Verbrechen, die vom 4. bis 6. Juni in der Evangelischen Akademie Tutzing stattfand.
Interview: Roland Opschondek, Foto © oro