Sozialdarwinistische Reizartikel. Eine Polemik

Quelle: Wikimedia Commons

Die deutschen Printmedien stecken bis zu den Annoncen im Krisenschlamm, und statt sich auf journalistische Tugenden wie Gründlichkeit und ausgewogene Berichterstattung zu besinnen, drucken sie Reizartikel mit sozialdarwinistischem Einschlag, die mehr auf Hörensagen als auf Recherche beruhen. Eine Polemik.

Ich spreche hier nicht vom Boulevardgewäsch, das so leicht abzuwatschen ist, dass es der Mühe nicht lohnt. Ich spreche vom Elitenmagazin ZEIT.
In ihrer letzten Ausgabe (Nr. 32/2010) veröffentlichte die Wochenzeitung einen Artikel von Nina Pauer über „produzierte Proleten“, einen Text, der das Phänomen „Doku-Soap“ – auf den Privatsendern ausgestrahlte Pseudo-Dokumentationen im Kolportagestil – hätte objektiv aufarbeiten können.
Was allerdings seinen Weg auf die Zeitungsseiten fand, war in Tenor und Anlage nicht viel anders als die Kulturerscheinung, über die berichtet wurde: sozialpornographisch.

Von Kiesbauer zu Doku-Soaps 

Es fing mit Haltlosigkeiten an wie der Behauptung, das Privatfernsehen habe früher für Sendungen wie Arabella Kiesbauer und Richterin Barbara Salesch „wochenlange Dreharbeiten“ auf sich genommen, während für die heutigen Sendeformate der sogenannten „scripted reality“, die etwa Familien im Brennpunkt heißen, „im Schnitt nur eineinhalb Tage gefilmt“ werde. Grund der verkürzten Produktionsdauer sei, dass inzwischen „alle Handlungen Regieanweisungen“ folgten.

Während kein Mensch glaubt, dass für Kiesbauer und Kohorten wochenlange Dreharbeiten nötig seien oder Richterin Salesch ohne Regieanweisungen auskäme, wird das vermeintlich angeleitete Handeln der Doku-Soap-Darsteller im weiteren Verlauf des Artikels zu „dilettantischem Spiel und Improvisieren der Dialoge“: von „Regieanweisungen“ also keine Spur.

Menschenmaterial

Von flusigen Argumenten schreitet der Artikel weiter zur Unterstellung, der durchschnittliche Zuschauer sei nicht in der Lage, die bewusste Verwischung von Fakt und Fiktion, die allerlei nachmittägliche Sendeformate auszeichnet, als solche zu erkennen.
„In der Welt der Dokusoaps [ist] die Fiktionalität nur für den Darsteller offengelegt“, heißt es ungelenk, und weiter: „Diesmal ist es das Publikum, [..] das sich nie sicher sein kann: Ist die Geschichte, sind die Personen echt?“
Ein Kamerateam, das sogar noch wie der letzte Spanner „durchs Schlüsselloch“ filmt, wie Pauer schreibt, hält der durchschnittlichliche Zuschauer für alles – aber bestimmt nicht für authentisch.

Nach dem Publikum werden die Darsteller denunziert: „Dass er meist nur über einen überschaubaren Wortschatz verfügt und selten mehrere Sätze in grammatikalisch korrekter Form vorbringt, ist sein kostbarstes Gut“, heißt es über die Laienschauspieler der Sendungen, das „Menschenmaterial“, das – natürlich hinter „vorgehaltener Hand“ – von einer Interviewpartnerin als „gehirnamputierte Hartz-IV-Empfänger“ bezeichnet wird.

Nachfrankfurter Geplapper

Derlei Meinungsäußerungen sind durchaus journalismusfähig und damit halbwegs objektiv verhandelbar, wenn nur die Betroffenen ebenfalls die Gelegenheit erhalten, sich und ihre Sicht der Dinge darzustellen: Eine Gegendarstellung der Amateurschauspieler oder angeblich vieltausendfachen Zuschauer solcher Sendungen, wie sie ausgewogenen Journalismus ausgezeichnet hätte, ist auf den Seiten der ZEIT allerdings nicht vorgesehen. 

Da hilft auch das Geplapper über eine „ironisch-dialektische Umkehr“ nicht weiter (nämlich: „Das Einzige, was das Verlangen nach wahren Inhalten zu stillen vermag, ist das, was es überhaupt erst ausgelöst hat: Inszenierung.“), die weder ironisch (sie gibt nicht vor, etwas zu sein, was sie nicht ist) noch dialektisch ist (‚Inszenierung’ und ‚Realität’ sind keine Gegensätze, die synthetisiert werden), sondern höchstens ein wenig paradox.

Und immer steigen die Einschaltquoten

Es folgen Suggestivfragen der Sorte: „Scripted Reality als Zementierung des Abgehängtseins von Menschen am unteren Ende der gesellschaftlichen Leiter, die Tag für Tag stundenlang in die Welt des Trashs abtauchen, aus der sie selber entstammen?“ Ein Journalist sollte wissen, dass man auch durch Einseitigkeit der Darstellung Wertungen trifft.
Aber der Konsument ist ohnehin ein Wesen mit „voyeuristische Präferenz“, das gerne „kaputte Menschen“ sieht, deren inszenierte Wirklichkeit er als „vermeintliche Normalität“ missversteht. Das gleiche TV-Publikum vermutlich, das anschließend zu „immer brutaler miteinander umgehenden jugendlichen Zuschauern“ heranwächst.
Es kann halt nicht jeder auf die Journalistenschule gehen.

Und weil es im falschen Leben überhaupt kein richtiges mehr geben darf, behauptet die ZEIT-Autorin im beweisfreien BILD-Duktus einfach weiter, zum Beispiel, dass heute alles viel schlimmer sei als gestern: Immer „lauter, kaputter und grausamer“ wird die „Pseudo-Wirklichkeit“ der Privatsender, die Probleme der Akteure natürlich „immer schwerwiegender, die Plots immer kaputter und absurder“.
Was da alles kaputtgeht!
Ohnehin gibt es längst „keine natürlichen Beschränkungen“ mehr. Die Folge, logisch, „steigende Einschaltquoten“. Daten dazu gibt es keine.

Enthauptung im Nachmittagsprogramm

Haben wir das nicht bei Big Brother, bei Bohlen, beim Dschungelcamp alles schon genauso gelesen? Und damals schon die Stirn gerunzelt über das bürgerliche Ressentiment, das sich hier ausschreiben darf, statt seine mühsam erworbenen analytischen Fähigkeiten zu luzider Thesenbildung zu bemühen? So kann man nämlich auch noch vom fauligsten Fernsehast einen Apfel der Erkenntnis pflücken.

Einmal taucht tatsächlich eine soziologisch und medienanthropologisch interessante, wenn auch ungelenk formulierte Frage auf: „Doch welche Botschaft und welche Folgenhaftigkeit steckt in einer Normalität, in der Menschen nur noch Problemfälle darstellen?“, soll wohl heißen: Was bedeutet es, wenn Menschen in den Medien als Problemfälle inszeniert werden?
Diese Frage, leider, beantwortet wird sie nicht.

Eine andere referierte Behauptung – „Früher ging man mit dem Picknickkorb zur öffentlichen Enthauptung, heute schaut man eben Dokusoaps“ – glaubt vermutlich nicht einmal die Autorin selbst.
Dass eine öffentliche Hinrichtung, um die Argumentation probehalber ernst zu nehmen, als politisches Event vor allem dazu diente (und dient), staatliche Macht – und Willkür – zu demonstrieren, verbietet den Vergleich mit dem sinnlosen Produkten des Privatfernsehens.
Ebenso die schlichte Erkenntnis, dass es eine ungleich andere Erfahrung sein muss, der Enthauptung eines lebenden Menschen beizuwohnen, als qua TV einer schlecht schauspielernden Mutter zuzusehen, die zwischen zwei Werbepausen ihre gecasteten Kinder beschimpft.

Bürgerlicher Scheinjournalismus

Alle Formen von Scheinjournalismus, die vor allem aus indignierten Fingerzeigen bestehen, haben immer selbst etwas Pornographisches: Hier wird nicht auf das gespielte Elend in zweitklassigen Sendungen gestarrt, sondern auf das Elend ihrer zweitklassigen Zuschauer und Akteure. Und sei es nur, indem diese nicht zu Wort kommen, sondern indem über sie geurteilt wird.

Journalistisch schlecht kaschierter Sozialtourismus in eine Wirklichkeit, mit der ZEIT-Leser sonst nichts zu tun haben (und auch nichts zu tun haben wollen), sollte von dem Besten, was uns an Printmedien geblieben ist, nicht auch noch durch Drucklegung geadelt werden.

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