Die fast dreistündige Comicverfilmung „Watchmen“ gilt Kennern der Buchvorlage als Sakrileg. Obwohl die Handlung des Films sich dicht an die gleichnamige Graphic Novel von Alan Moore und Dave Gibbons aus dem Jahr 1986/87 anschmiegt, kann die Verfilmung ihrer Vorlage nicht das Wasser reichen.
Neues aus der Comicforschung
Die formalen und erzählerischen Qualitäten, die „Watchmen“ zu einem der einflussreichsten Werke der Comicgeschichte machen, hat Karin Kukkonen jetzt in einer wissenschaftlichen Studie scharfsichtig aufgearbeitet.
Die Comicforscherin beweist einmal mehr, dass Comics sich als vielschichtige Kunstwerke längst neben ihren älteren Geschwistern aus Literatur- und Kunstgeschichte behaupten können – und ihnen, was erzählerischen Variantenreichtum angeht, oft sogar überlegen sind.
Kein Wunder also, dass die Autorin die „Watchmen“-Verfilmung in einem Interview für „unnötig“ erklärt, die Vorlage dagegen als „formal brillant“ bezeichnet.
Who-is-who der Erzählforschung
In „Neue Perspektiven auf die Superhelden: Polyphonie in Alan Moores ‚Watchmen’“ (Tectum Verlag) versucht Kukkonen, nicht nur die Veränderungen nachzuvollziehen, die das Superheldengenre in den siebzig Jahren seines Bestehens durchlaufen hat, sondern vor allem, verschiedene Ansätze der literaturwissenschaftlichen Erzähltheorie für die Analyse von Comics fruchtbar zu machen.
Ihre Gewährsmänner lesen sich dabei wie ein Who-is-who der französischen und sowjetischen Erzählforschung: Sklovskij, Genette, Jakobson, Barthes, Todorov sind wiederkehrende Namen; allesamt Urheber verschiedener strukturalistischer oder formalistischer Literaturtheorien, die Kukkonen gründlich ausgewertet hat, um sie auf ihre Tauglichkeit für die grafische Literatur zu überprüfen.
Und das in vier Sprachen: Neben Deutsch und dem obligaten Englisch liest die Comicforscherin auch Französisch und Finnisch.
Bandleader Bachtin
Vor allem hat es ihr aber der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin angetan, der seit seiner Wiederentdeckung in den siebziger Jahren als einer der originellsten und einflussreichsten Literaturphilosophen gilt.
Von Stalins Terror an den Rand der Sowjetrepublik verbannt, entwickelte Bachtin epochale Thesen über den Karneval als Bruch zwischen Hoch- und Popkultur oder erforschte die Abhängigkeit von Raum und Zeit im Roman.
Die „neuen Perspektiven auf die Superhelden“ entdeckt Kukkonen vor allem in Bachtins Theorie der Mehrstimmigkeit, die dieser schon 1929 in einem Buch zu den „Problemen der Kunst Dostojewskis“ entwickelt hatte.
Während Bachtin noch auf die „Brüder Karamasow“ zurückgreifen musste, um verschiedene Standpunkte, Stimmen und Haltungen ausfindig zu machen, schreitet die postmoderne Comicforschung zu Moores stilbildenden Arbeiten voran.
Superhelden, könnte man scherzen, singen jetzt im Chor.
Literarische Mehrstimmigkeit – Bachtin nannte sie „Polyphonie“ – ist zentrifugal, gleichzeitig, unabhängig und unabgeschlossen.
„Wie kann man eine polyphone Geschichte [..] überhaupt zu Ende bringen?“, fragt sich die Wissenschaftlerin deshalb mit Blick auf die „Watchmen“ und gibt zur Antwort, dass der Vielstimmigkeit des Comics auch monologische Elemente entgegengesetzt werden müssen – wie auch Bachtin monologische und dialogische Tendenzen in der Literaturgeschichte immer wieder aufeinanderprallen und um Vorherrschaft ringen sah.
Superman: Ein neuer Jesus?
Außer solch mehrgleisigen Lektürestrategien führt Kukkonen vor, wie die Superhelden in unserem kulturellen Verständnis den Platz einnehmen konnten, den bis dahin mythische Gestalten wie Herkules, Samson – oder sogar Jesus – innehatten.
Das Bild, das wir uns von einem Superhelden (beispielsweise Spiderman) machen, setzt sich demnach aus vielen Fragmenten und Begegnungen in ganz unterschiedlichen Medien zusammen: „Aus allen Versionen eines Superheldenmythos, die der Leser in Comics, Filmen und TV-Serien wahrnimmt“, heißt es, „entwickelt sich eine nicht konkretisierte ‚Metaversion’“: Diese neue Über-Bildlichkeit, so Kukkonen, ist der Mythos der Superhelden, über den in den siebziger Jahren auch schon Umberto Eco nachgedacht hatte.
Neben kleineren formalen Nachlässigkeiten, die nur bei genauer Lektüre auffallen, und einer eher verunklarenden Fußnotentaktik, die zum häufigen Blättern oder Scrollen zwingt, ist Kukkonens Untersuchung eigentlich nur vorzuwerfen, dass sie versucht, eine etwas zu locker sitzende Theorie einem etwas zu festgefügten Werk anzuziehen.
Was meine ich damit?
Locker geknüpft
Das Problem liegt nicht in Kukkonens hellsichtigen Analysen, die in der deutschsprachigen Comicforschung eine Ausnahme darstellen, sondern in Bachtins Werk selbst, in dem „Dialogiziät“ neben „Polyphonie“ und „Heteroglossie“ umherwandert; Begriffe, die wieder von anderen Forschern zu Konzepten wie der Intertextualität weiterentwickelt wurden.
Michail Bachtin ist wie Roland Barthes eine Art geisteswissenschaftlicher Jokerkarte, die zu vielen Gelegenheiten ausgespielt werden kann, aber oft mehr durch Originalität als durch Brauchbarkeit besticht.
Ob sich also das vielstimmige Gewirr von Bild, Text und Sequenz auf einer Comicseite mit einem so anpassungsfähigen Schirmbegriff wie dem der „Mehrstimmigkeit“ präzise genug erfassen lässt?
Zumal er auf Dialoge, Raum-, Zeit- und Kausalverhältnisse gleichermaßen angewendet wird?
Überall mehrstimmig
„Bachtin verfolgt die Polyphonie von der Antike bis in die Moderne und überall trifft er sie an“, schreibt die Comicforscherin selbst: Es wäre also gut gewesen, das verwendete Vokabular soweit zu problematisieren und zu konkretisieren, wie es der Untersuchungsgegenstand verlangt.
Sonst besteht die Gefahr – trotz aller Kennerschaft –, zu beliebig zu argumentieren.
Der eigentlich klar gegliederte „Watchmen“-Comic mit seiner signifikanten Rasterstruktur und dem strengen, invariablen Linienwerk bietet sich damit eigentlich weniger für eine Untersuchung an als die Werke von Comicautoren, die (noch) experimenteller oder assoziativer arbeiten als Moore. „Watchmen“ ist – trotz aller Meisterschaft – vielleicht weniger mehrstimmig, als ihn die Literaturwissenschaftlerin gerne sehen möchte.
Zugegeben: Mit Formalia (Rasterung) gegen inhaltliche Kriterien (Bachtin) zu argumentieren, ist unzulässig: Man kann höchstens vorbringen, dass strenge Konzeption und Ausführung nicht nur ästhetische Stimmigkeit, sondern eben auch Einstimmigkeit bevorzugen.
Wer hält dagegen?
Ich jedenfalls bin gespannt, mit welchem Theorierucksack die Comickennerin Kukkonen als nächstes auf Forschungsreise auszieht. Mit semiotischen Analysen wie Stephan Packard („Anatomie des Comics“) oder mit kulturanthropologischen wie Ole Frahm („Die Sprache des Comics“)?
„Solange das Leben weitergeht“, so schreibt die Autorin abschließend, „endet der Dialog nicht. Stets werden neue Perspektiven entwickelt und alte Gewissheiten entthront. Die Wahrheit, so verlangt es die polyphone Weltsicht, ist nie stabil. Sie hängt stets von der Perspektive ab.“
Wer wollte das bestreiten?
Nachtrag: Am 23. August erscheint übrigens mit "Under the Hood. Die Verweisstruktur der Watchmen" von Hans-Joachim Backe ein weiterer Band zur Watchmen-Forschung im Bachmann-Verlag.