Thespis war ein Revolutionär - im 6. Jahrhundert vor Christus. Im Jahr 534 v. Chr. führte er in Athen die erste Tragödie der Theatergeschichte auf. Bei den großen Festspielen zu Ehren Dionysos, dem griechischen Gott des Weines, der Freude und der Ekstase, stellte er als Regisseur dem Chor erstmals einen Schauspieler gegenüber.
Laut Aristoteles, der ein paar Jahrhunderte später seine berühmte Dramentheorien formulierte, schuf Thespis mit diesem Kunstgriff erstmals Theater jenseits des reinen Chorauftritts.
Heute ist der Chor eher selten im Theater anzutreffen und schon gar nicht alleine auf der Bühne, vor allem nicht in Schauspielhäusern. Auch die Einpersonenstücke haben – vor allem in Deutschland – Seltenheitswert, abgesehen von Stand-up-Comedy und Ähnlichem.
Außer in Kiel
Dass diese Stadt kulturell etwas hinterherhinkt – von den zur Kieler Woche in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt auflaufenden Segelschiffen einmal abgesehen – merkt man nicht zuletzt an der Eigenpräsentation des für Deutschland einzigartigen internationalen Monodrama Festivals „Thespis“.
So klingt das Editorial zum Festival, das 2010 zum siebten Mal stattfindet, ein wenig zu werbend:
„Erleben Sie verblüffende Geschichtenerzähler, faszinierende Körperkünstler, gefühlsberstende Spielpoeten, musikalische Wortrhythmiker und vor Phantasie schier überbordende Bildschöpfer. Machen Sie sich gefasst auf fesselnde Erzählungen, kluge Komik, tiefe Tragik und Länder- und Sprachgrenzen sprengende Spielformen - und das alles innerhalb von nur sechs Tagen! Die nimmer enden wollende kreative Bandbreite des Monodramas macht’s möglich.“
Das klingt ein bisschen nach Wanderzirkus oder nach einem Reeperbahn-Riensnacker, der vor den Türen seiner Freakshow Touristen hineinlocken will.
Dabei muss sich das Festival gar nicht verstecken, ganz im Gegenteil. Was wie Budenzauber beworben wird, ist internationales Theater auf höchstem Niveau, das definitiv eine Reise nach Kiel wert sein sollte.
Inszenierungen aus Chile, der Schweiz, Israel, den USA, Armenien, Polen, Schottland, Kuba, Russland, Litauen, Frankreich, Finnland oder Deutschland ehren die Fördestadt mit ihrem Besuch und zeigen, was alles machbar ist mit nur einem Schauspieler auf der Bühne.
Mr. C
Aus Israel beispielsweise reist der Schauspieler, Theaterautor, Regisseur, Dichter, Sänger und anerkannter Zen-Meister Gil Aron mit seiner Inszenierung „Mr. C“ an. Das rastlose Allroundtalent spielte in großen Bühnenmusicals und indischen Kostümfilmen, stellte Jacques Brel und Heinrich Himmler dar und moderierte im israelischen Fernsehen eine Spielshow. In „Mr. C” spielt er eine geklonte Persönlichkeit im Erwachsenenalter, die rückblickend einen Vortrag über sein bisheriges Leben hält. Wie bei vielen Inszenierungen, die auf dem Thespis Monodrama Festival gezeigt werden, wird eine anschließende Publikumsdiskussion geboten. Damit wird das Festival dem Anspruch gerecht, mehr zu bieten als schlichte Unterhaltung.
Ophelia
Auf andere Weise spannend als die israelische Inszenierung wird wohl das Monodrama „Ophelia“, welches aus Armenien anreist, sein. Die deutsche Erstaufführung in armenischer Sprache ist eine Produktion des Staatlichen Jugendtheater Yerevan und ist eine Inszenierung frei nach Shakespeares Hamlet. Die Schauspielerin Mariam Ghazanchyan spielt Ophelia, die weibliche Hauptfigur des Klassikers, die nach dem Tod ihres Vaters und ihres Geliebten der Schuldfrage nachgeht.
Ja ich will ja
Der weiblichen Hauptfigur eines Klassikers geht auch die russische Schauspielerin, Tänzerin und Choreografin Olga Pryhudaylova auf dem Festival nach. In „Ja ich will ja“ spielt sie Molly Bloom, die Frau des Helden Leopold Bloom aus James Joyces Monumentalwerk „Ulysses“. Wenn sie das letzte Kapitel des Romans spielt, wird sie von einem russischen Flamenco-Gitarristen begleitet.
Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt
Die wohl sehenswerteste deutsche Produktion wird im Rahmenprogramm gezeigt: Volker Gerling ist mit seinen Daumenkinos schon in ganz Deutschland herumgekommen. „Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt“ zeigt die Porträts, die Gerling bei seinem 3 000 Kilometer Fußmarsch durch Deutschland gemacht hat in Form eines fotografischen Daumenkinos. Ein Psychogramm der Republik nennt das die Zeitschrift „Theater der Zeit“.
So lohnt sich für Thespis ein Ausflug nach Kiel, auch wenn gerade keine Segelschiffe unterwegs sind.
Thespis
7. Internationales Monodrama Festival
Kiel 9.-14. November
Alle Infos unter: www.thespisfestival.de