Am 21. Mai 2010 fangen in München die Stelzvögel Feuer – zumindest in den Worten der preisgekrönten Lyrikerin und Prosaautorin Ulrike Almut Sandig (Leonce-und-Lena-Preis 2009): „Flamingos sehen aus, als würden sie brennen, aber das ist nicht wahr.“
Bücher für unabhängige Köpfe
Zum Start einer neuen Lesereihe der Onlinecommunity TUBUK wird Ulrike Sandig aus ihrem Prosadebüt lesen, das so heißt, wie es aussieht: „Flamingos“ (Schöffling Verlag, 2010). TUBUK hat sich seit 2005 auf den Vertrieb von Büchern und die Vernetzung von Autoren aus Independent-Verlagen spezialisiert. Deshalb ist auf der Internetplattform auch „nicht jedes Buch“, so die Devise, zu finden, das der Großbuchhandel führt.
Das kleine TUBUK-Team wählt vielmehr bewusst junge, innovative Bücher abseits von Massenbetrieb und Bestsellerlisten aus, um sie anspruchsvoll zu präsentieren. TUBUK unterstützt die Community-Mitglieder dabei mit einem eigenen Empfehlungs- und Kommentarsystem. So finden auch Bücher, die es schwerer haben in der Thalia-, Weltbild- und Hugendubel-Welt, ihre Leserinnen und Leser.
Bücher wie die von Ulrike Almut Sandig.
Fachfrau für Literarisches
Ihre Gedichtbände wurden bereits ehrfurchtsvoll durch den jungen Literaturbetrieb und bisweilen auch das Feuilleton gereicht, aber erst, als Ulrike Almut Sandig 2009 den renommierten Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik gewann, wurde sie auch einem größeren Publikum als Hoffnung der jüngeren Gegenwartsliteratur bekannt. Die Leipzigerin (* 1979) studierte Journalismus, Religionswissenschaft und Indologie, machte dann am Deutschen Literaturinstitut Leipzig ein – in Deutschland wohl einzigartiges – Schriftsteller-Diplom.
2005 erschien in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung ihr erster Gedichtband „Zunder“, 2007 folgten die Gedichte „Streumen“, die Kurt Drawert in der NZZ als echte Entdeckung feierte. Drei Jahre lang gab Sandig zusammen mit dem Schriftsteller Jan Kuhlbrodt die Literaturzeitschrift EDIT heraus, 2010 erschien ihr Prosadebüt, die 160-seitigen „Flamingos“.
Stelzender Sandigsound
Christoph Schröder lobte in der Frankfurter Rundschau, Sandigs Geschichten unterschieden sich wohltuend von den vorherrschenden, „kalt-realistisch-abgebrühten Erzeugnissen“ ihrer Kolleginnen und wies besonders auf die „gekonnte Vermischung von Surrealem und Möglichem“ hin.
Rene Hamann fand für die Tageszeitung „mindestens sieben gute“ Erzählungen in dem Band, unter denen es, so der Rezensent augenzwinkend, sogar „sehr gute“ gebe. Sandigs Prosa ist neu, ist frisch, setzt gekonnt auf das Spiel mit Erinnerung und die Gestaltungskraft märchenhafter Phantasie.
Wo die Zuckerwattevögel bei Rilke noch „einzeln ins Imaginäre“ schritten, heißt es bei Sandig: „Flamingos stehen in Gruppen, aber jeder Einzelne ist allein. Sie halten Abstand. Sie sind wachsam. Wir finden sie hässlich. Wir finden sie schön“, so klingt er, der stelzvogelhaft staksende Sandigsound, kurz bevor das Groteske, das Lyrische einbricht: „Sie sehen aus, als wären sie nicht kaputt zu machen, aber auch das ist nicht wahr. Sie erwecken den Anschein, als wären sie gar nicht da. Sie sind aber da. Sie stehen mitten unter uns, und sie sind schwer. Doch auf der Oberfläche der seichten Gewässer laufen sie uns davon. Und dann fliegen sie auf.“
Die Lesung findet am 21. Mai 2010 im Heppel & Ettlich Theater (Feilitzschstraße 12, 80802 München) statt. Einlass ist 19:00 Uhr, Beginn 20:00 Uhr.
Links
Sandigs Homepage
Lesung bei Tubuk
Ulrike Sandig: Hörprobe "Mond" als MP3 (4.9 MB)
Ulrike Sandig: Leseprobe als PDF (8.9 KB)