Ulrike Sandigs poetologische Expeditionen

Der französische Literaturwissenschaftler Tzvetan Todorov schrieb einmal, das Phantastische sei die Unschlüssigkeit, die ein Mensch empfindet, der nur die natürlichen Gesetze kennt und sich einem Ereignis gegenübersieht, das den Anschein des Übernatürlichen hat. Das Phantastische, so Todorov, liege genau in diesem Moment der Ungewissheit.

Dasselbe faszinierende Schweben zwischen Faktischem und Fiktionalem schillerte am 21. Mai auch in den Erzählungen, die Ulrike Almut Sandig im Münchner Heppel & Ettlich-Theater las. Die Internetplattform TUBUK (globe-m berichtete) hatte die junge, vielfach ausgezeichnete Autorin eingeladen, um mit zwei Geschichten aus ihrem Prosadebüt „Flamingos“ (Schöffling Verlag) die Veranstaltungsreihe „TUBUK lässt lesen!“ zu eröffnen.

Sandig begann die Lesung mit einem Lexikoneintrag zu den titelgebenden Tropenvögeln, den die Autorin – wie sie lächelnd verriet – selbst verfasst hatte: „Sie sehen aus, als würden sie brennen, aber das ist nicht wahr“, heißt es da, „sie sehen aus, als wären sie nicht kaputt zu machen, aber auch das ist nicht wahr“, und dann: „Sie stehen mitten unter uns, und sie sind schwer. Doch auf der Oberfläche der seichten Gewässer laufen sie uns davon. Und dann fliegen sie auf.“ 

Glaubhaftes mit Möglichem

In der ersten Erzählung mit dem schlichten Titel „Kuba“ rekonstruierte Sandig anschließend die Geschichte einer jungen Frau, die sich – in einer magisch fiktionalisierten DDR – in einen kubanischen Gastarbeiter verliebt und von ihm verlassen wird. Den Rest ihres Lebens verbringt die Protagonistin – bald nur noch als „die Kantorswitwe“ bekannt – damit, die Kinder des Dorfes mit selbstgedrehten Zigaretten zu versorgen.

In ihren Erzählungen mischt Ulrike Almut Sandig Glaubhaftes mit Möglichem, Unwahrscheinliches mit Plausiblem: Durch sprachliche Dichte, die Präzision ihrer Metaphern und ein reiches Figurenpersonal, die sich in einer glaubhaften Umgebung bewegen, konnten die Zuschauer in dem gutgefüllten Theatersaal spüren, was der französische Literaturwissenschaftler Roland Barthes mit dem „Wirklichkeitseffekt“ bezeichnet hatte.

„Die Besonderheit, die Abgesondertheit der Beschreibung [...] im Erzählgewebe führt zu einer Frage, die [...] von großer Wichtigkeit ist“, hatte Barthes 1968 geschrieben: „Diese Frage lautet: Ist in einer Erzählung alles signifikant, und wenn nicht, wenn in einer Erzählung bedeutungslose Flecken bleiben, wie lautet dann letztlich, wenn man so sagen kann, die Bedeutung dieser Bedeutungslosigkeit?“ (Nach: „Das Rauschen der Sprache“, Frankfurt/Main 2006)

Barthes kam zu dem Schluss, dass gerade die fiktionalen Elemente, die scheinbar nicht in einem Erzählzusammenhang stehen oder die Geschichte weiter plausibilisieren – Details, Abschweifungen, präzise Randbeobachtungen – dem Leser wie „Einstreuungen der Wirklichkeit“ erscheinen. Je genauer der Schriftsteller hinschaut, desto wirklicher wirkt seine Welt: In diesem Sinne sind Ulrike Almut Sandigs Erzählungen sehr real. 

Hypothetische Texte 

In einem Interview mit Katharina Bendixen erklärte die Autorin ihr poetologisches Verfahren, das Erfundenes mit Erlebtem, selbst Gesellschaftspolitischem verschränkt: „Grundsätzlich kann man das vielleicht mit Science Fiction vergleichen: In diesem Genre kann man konkrete gesellschaftliche Probleme ansprechen, ohne von der eigenen Gesellschaft gleich mit Zensur bestraft zu werden“, so die Autorin, und weiter: „Auch wenn ich etwas magisch verzerre, ist es leichter, es auszusprechen. Ich muss nicht an den Fakten entlang arbeiten, das ist sowieso ein Arbeiten, das mir nicht so liegt.“

Der zweite Prosatext, den Sandig im Mai in München las, hieß „Über mich“. Er eröffnet gleichzeitig den 160-seitigen Erzählungsband. „Das ist“, heißt es da, „die Geschichte von jemandem, den es nie gegeben hat. Sie handelt von mir. Ehrlich gesagt ist es keine Geschichte, in der besonders viel passiert. Ich kann weder berufliche noch familiäre Höhepunkte vorweisen, auf die ich hoffnungsvoll oder gelegentlich auch größenwahnsinnig hingearbeitet hätte.“

Bei diesem hypothetischen Text – wie man ihn nennen könnte – ging die Autorin von der Frage aus, wie glaubhaft eine Figur werden kann, die man immerzu negiert. „Konzentrieren Sie sich nicht zu sehr“, lauten die letzten Worte dieser spannenden literarischen Versuchsanordnung, „schauen Sie haarscharf dran vorbei.“ 

Hermeneutische Expeditionen 

Solche experimentellen Konstellationen und poetisch-poetologischen Textanordnungen, präzisierte Sandig in einem Podiums-Gespräch nach der Lesung, stellen sich bei der Schriftstellerin ein „wie ein Ohrwurm“, den sie nur loswerden kann, indem sie das zu Erzählende erzählt.

„Ich kann mir nicht aussuchen, was mich beschäftigt“, sagt sie in dem erwähnten Interview, „und eigentlich wäre es mir lieber, wenn mir dieses Thema nicht immer hineinrutschen würde. Aber es drängt sich immer wieder auf.“

Sandigs „Geschichten“, wie die Autorin sie nennt, sind also als hermeneutische Expeditionen gedacht, die von der Autorin ausgeschickt werden, um Fragen zu lösen: „Warum ist jemand so geworden, wie er geworden ist?“

In den kommenden Monaten, die sie als Stadtschreiberin in Helsinki verbringen wird, wird Ulrike Almut Sandig übrigens wieder mehr nach dem Poetischen als nach dem Prosaischen fragen: Als nächstes, so verriet sie zum Schluss eines reichen Leseabends, erscheint nämlich wieder ein Gedichtband. 

Für alle Münchner gilt übrigens: Ausschau halten! Die TUBUK-Lesereihe im Eppel & Hettlich soll in den kommenden Wochen fortgesetzt werden soll. 

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