Der neue Aktivismus und der lange Fall eines kollektiven Bewusstseins: EinKriegsbericht von den digitalen Fronten, an denen sich eine Widerstandsbewegung der völlig neuen Art formte: Wie Anonymous von pubertären Spaßmachern zur mächtigen, globalen Aktivistengruppe wurde.
Der Beginn des Niedergangs
Die Aktionen gegen Scientology, so ehrbar sie auch sein mögen, waren bereits der Anfang vom Ende: Anonymous wollte ursprünglich nie politisch sein, außer vielleicht zufällig. Anonymous brauchte nie einen Grund für seine Aktionen, außer dem, Chaos zu stiften und dabei Spaß zu haben. Genau das war es auch, was vor allem bei Scientology für Verwirrung sorgte: In der Anfangszeit des „Project Chanology“ gab es zwar Attacken, aber es wurde nie ein Grund genannt: /b/ war darauf aufmerksam geworden, dass Scientoloy versuchte, ein Video zu löschen, in dem Tom Cruise Blödsinn über Scientology brabbelte, fand das irgendwie nicht in Ordnung, und daraus resultiere der jahrelange Krieg, dem die Gründe erst im Zuge der Ideologisierung von Anonymous aufgepfropft wurden. Es waren die Medien, die - als die Aktionen und die Feinde langsam größer wurden - dazu neigten, die politische Dimension von Anonymous zu überhöhen. Die chaotische, unberechenbare Seite wurde dabei ignoriert oder als grober Unfug abgestempelt. Schlicht, weil es schwierig ist, ein kollektives Bewusstsein wie bei Anonymous, zu verstehen und medial verwertbar auf eine Linie zu bringen. Gerade weil Anonymous nur ein Begriff für alle möglichen Sorten von organisiertem Chaos war, ist es lächerlich, in irgendeinem Kontext von der Ganzheit von Anonymous zu sprechen. Anonymous spielte ein bisschen im US-Wahlkampf mit, als plötzlich Sarah Palins Emails in 4chan auftauchten. Sie protestierten gegen die Praktiken von Scientology. Sie bekannten sich 2010 zur uneingeschränkten Meinungs- und Informationsfreiheit, als sie versuchten alle Websites, die nicht mehr mit Wikileaks kooperieren wollten oder durften, zeitweilig vom Netz zu nehmen, und sich dabei, mehr oder weniger erfolgreich, mit Mastercard, Amazon, PayPal, Australien, Tunesien und Simbabwe anlegten. Außerdem fand der Youtube-Porn-Day statt, in dessen Verlauf tausende Pornovideos von Anonymous auf Youtube hochgeladen wurden, um gegen die Löschung von urheberrechtlich geschützten Videos zu protestieren. Die Medien stürzten sich darauf, völlig sicher, hier einen „militanten Arm der keimenden Internetbewegung rund um Bürgerrechte, Kampf gegen Überwachung und Zensur“ ((Spiegel Online) ausgemacht zu haben. Im gleichen Zeitraum fand der Krieg gegen tumblr statt. Er ging zwar von 4chan aus, fand aber unter dem Label Anonymous statt.
Die Zwangsidiologisierung von Anonymous
Es ist schwer zu sagen, wieviele Generationen Aktivisten Anonymous schon gesehen hat. Ideologisch sind es mindestens drei: Die des groben Unfugs und der Selbstfindung von 2003 bis 2006, die mit dem Exodus aus 4chan endete. Die der ersten Politisierung, von 2006 bis 2008, in der begonnen wurde, die Waffen, die man sich während der ersten Generation erarbeitet hatte, gegen größere Ziele einzusetzen, einfach, weil man merkte, dass sich damit Aufmerksamkeit generieren ließ, was wiederum den Spaß an der ganzen Sache enorm vergrößerte und neue Ziele wie Fox News lieferte. In dieser Phase ging es aber immer noch hauptsächlich um groben Unfug. Die dritte Generation ab 2008 beginnt einen traditionellen, irgendwie linken Aktivismus unter dem Namen und mit Techniken von Anonymous zu verfolgen. Umgekehrt begann Anonymous herauszufinden, dass die digitalen Waffen, die sich die vorhergehenden Generationen erarbeitet hatten – letztlich nur eine Erweiterung des Repertoires klassischer Medienguerilla - sich ganz vorzüglich dazu einsetzen lassen, bei den Großen mitzuspielen, tatsächlich Einfluss zu nehmen. Vor allem auch, weil Anonymous eine Massenbewegung ist, weil sich ganz bequem und relativ sicher vom Schreibtisch aus aktiv werden lässt, aber auch, weil in der digitalen Welt Anonymous an Waffen, Wissen und Möglichkeiten seinem Gegner gleichwertig oder sogar überlegen ist, sind seine Techniken effektiver als alles, was es zuvor gab. An der Entstehung der dritten Generation waren die Medien nicht ganz unschuldig, die bereitwillig die mystische Aura von Anonymous verbreiteten, aber Ziele behaupteten, von denen die Bewegung selbst nicht wusste. Die Medienaufmerksamkeit ist in den letzten Jahren, vor allem aber 2010 im Zuge der Wikileaks-Attacken, zu einem wahren Fluch für Anonymous geworden. Ein Fluch in dem Sinne, dass Anonymous massenweise Zulauf erhielt von Aktivisten, die mit der Wirkung ihres irgendwie linken Aktivismus, nicht mehr zufrieden waren, und auf der Suche nach etwas neuem Anonymous zu ihrer Bewegung machten. Anonymous wurde so zwangsideologisiert. Zwar hatte Anonymus schon immer absolute Freiheit im Netz gefordert, aber nur, um eine halbwegs plausible Legitimation für seinen groben Unfug zu haben.
Eingepasst in Schemata
Zeitgleich mit seiner medialen Entdeckung als einer im Entstehen begriffenen radikalen Bewegung hat sich Anonymous eher entradikalisiert, und wurde von einer Bewegung, die sich Schemata immer verweigert hatte und daraus einen großen Teil seiner Kraft und seines Mythos bezog, zur einer Bewegung, die sich optimal in bestehende Schemata einpasst. Denn obwohl ein kleinerer Teil von Anonymous mit Aktionen wie dem Krieg gegen tumblr die Lust an Tabubruch und Chaos noch hochhält, sieht es eher so aus, als würde der größte Teil sich endgültig von den zahlreichen /b/s - hauptsächlich aus 4chan, 7chan und 420chan – lossagen. Und sich damit nicht nur von seinem Geburtsort emanzipieren, sondern auch von einem seiner wichtigsten Grundsätze: Dass Anonymous keinen Grund für das braucht, was es tut.
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