Anton Litvin, ehemaliges Mitglied von „Programm Escape“; einer der spannendsten Künstlergruppen der 2000er Jahre, zeigt eine Bilderserie, die er im vergangenen harten Winter mit Eis auf Asphalt malte.
Alltagsszenen auf der Straße
Bei Temperaturen um die minus 20 Grad machte sich Anton Litvin daran, kleine Genrebilder herzustellen. Mit Wasser, das in der beißenden Kälte blitzschnell zu Eis wurde, malte er verschiedene Gestalten direkt auf den Asphalt: Silhouetten spielender Kinder und am Stock gehender Greise, Skateboardfahrer und Hunde. Anschließend fotografierte der Künstler die entstandenen Figuren und Szenen. Um die raue Faktur der Fahrbahn zu unterstreichen, druckte er die Fotos auf grobkörniges Schmirgelpapier einer seltenen sandfarbenen Sorte.
Lebensphasen mit einem Riss
Diese Bilder stellen eine besondere Art sozialer Kommunikation mit einer sehr persönlichen und dramatischen Komponente dar. Ihnen liegt die Schnitttechnik zugrunde, wie man sie aus dem Film kennt: Formale Elemente gehen von einem Bild in das nächste über, ein Riss im Asphalt zieht sich durch alle Bilder hindurch. Die plastische Sprache von Anton Litvin beinhaltet Elemente archaischer Zeichnungen, die durch kleine „tanzende“ Figuren verschiedene Phasen menschlichen Lebens darstellen. Sie wird so zu einem universellen Kode.
Gegen den Mainstream
Der Betrachter findet in diesen Arbeiten keine Virtuosität eines akademischen Zeichners, denn handwerkliche Perfektion ist der Ästhetik, für die sich Litvin entschieden hat, fremd. Mehrere Jahre lang war er Mitglied der Künstlergruppe „Programm Escape“, die sich durch ihre radikalen Positionen hervortat. Sie verstand sich als Opposition zum Kunstmarkt, der im Russland der 2000er Jahre gerade an Kraft gewann. Escape-Künstler machten sich in ihren Projekten über die von ihnen als kommerziell bewertete Kunst und den in den russischen Galerien angebotenen Mainstream lustig. Sie selbst zogen vergänglichere und weniger „handfeste“ Ausdrucksformen wie Performances und Videos vor. Escape wurde von der Kritik nicht immer wohlwollend aufgenommen, bekam aber eine der wichtigsten Auszeichnungen dieser Zeit, das von der Kunstmesse „Art Moscow“ verliehene „Schwarze Quadrat“. Und 2005, kurz vor ihrer Auflösung, durfte die Gruppe Russland bei der Biennale in Venedig vertreten.
Ihre Strategien unterschieden sich im Wesentlichen nicht von den im Westen üblichen Praktiken: Sie wussten, was eine „Nonprofit-Galerie“ bedeutet und wie ein Künstler als Kurator agiert. Heute, da es der Kunstszene wirtschaftlich nicht besonders gut geht, sind Ideen der „Programm Escape“ wieder aktuell. Auch nach dem Auseinandergehen der Gruppe wirkte Anton Litvin in ihrem Geiste fort und stellte zum Beispiel junge Künstler neben seinen eigenen Arbeiten in der Galerie „Ru_Litvin“ aus.
Präzision künstlerischer Geste
In seiner Arbeit „On The Ground“ benutzte der Künstler statt Papier oder Leinwand Schmirgelpapier – eine sehr treffende und in jeder Hinsicht produktive Idee, Man kann sich kaum etwas Besseres vorstellen, um die Körnigkeit des russischen Asphalts wiederzugeben. Das grobe Material verleiht dem feinsinnigen und zarten Spiel mit beiden Aggregatzuständen des Wassers die irdische Schwere.
Auch wenn die Exposition eine Vielzahl von Assoziationen hervorruft, die von vorhistorischen Felszeichnungen über bräunliche holländische Barockmalereien bis hin zu den russischen Realisten des 19. Jahrhunderts reichen, wird dem Betrachter in aller Deutlichkeit vorgeführt, dass es sich hier um nichts anderes als gewöhnlichen Asphalt und schlichte Zeichnungen in einem ereignislosen, neutralen Raum handelt. Offensichtlich soll die Kunst von Litvin klein und unbedeutend wirken. Auf diese unspektakuläre Weise gelingt es dem Underground-Künstler, den Betrachter ganz dicht in jene unsichtbare Zone heranzuführen, in der die höchst fragilen Gestalten erschaffen werden, also dorthin, wo seine Kunst entsteht.