Unheimlich wirklich – wirklich unheimlich

Duane Hanson "Queenie II", 1988, Epoxidharz, farbig bemalt mit Öl, Mischtechnik und Accessoires, courtesy Museum Frieder Burda, Baden-Baden

Sie können sich sicher sein, am richtigen Ort zu sein, wenn der Kassenwart sich beharrlich weigert, Ihre Eintrittskarten zu entwerten: Er ist aus bemaltem Epoxidharz.

Neorealismus in Baden-Baden

Der beleibte Mann ist eine von 30 Einzelfiguren des Bildhauers Duane Hanson (1925-1996), die geschickt den Punkt umspielen, an dem das Wirkliche ins Übernatürliche umschlägt. Die Arbeiten des US-Amerikaners stellen den wohl vorläufigen Endpunkt einer realistischen Darstellungskonvention dar, die sich aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart hinübergerettet hat. Sie werden neben Fotographien von Gregory Crewdson noch bis zum 6. März 2011 im Museum Frieder Burda in Baden-Baden gezeigt, das damit zum ersten Mal dem amerikanischen Neorealismus seine Pforten öffnet.

Duane Hanson schafft mit seinen leblosen Putzfrauen und Bauarbeitern hyperrealistische Skulpturen, die den menschlichen Körper so vollkommen unvollkommen abbilden, wie er sich auch im echten Leben zeigt. Die Accessoires, Schaufeln, Lappen und Werkzeuge, die sie in den Händen halten, sind die realistischen Glanzlichter: Sie sind nicht Dekoration, sondern steigern den Wirklichkeitseffekt der Plastiken.

Jede Runzel, jeder Rettungsring

Die sorgsam bemalten Abgüsse konservieren jede Runzel, jeden Rettungsring, jede Sorgenfalte ihrer realen Alter Egos. Und diese Falten finden sich an Hansons Untoten reichlich: Seine Figuren sind Vertreter der amerikanischen Mittel- und Unterschicht der achtziger Jahre – Bauarbeiter, Autoverkäufer, Putzfrauen, Sicherheitspersonal – die, wie auf einem Polaroid festgehalten, zum ewiger Abbild ihrer sozialen Kaste gerinnen. Ausgelaugt, erschreckend apathisch, starren Hansons Skulpturen die halb erschrockenen, halb belustigten Besucher an: In ihren Blicken liegt nicht die Müdigkeit eines harten Arbeitstages, sondern eine tiefere, vielleicht metaphysische Erschöpfung. 

Der gescheiterte amerikanische Traum, so scheint es, steht Hansons Figuren in die plastikstarren Gesichter geschrieben. Gelingt es dem Künstler hier, das Ende der sinnstiftenden Erzählungen einzufangen, die dem fortschreitendem Skeptizismus einer aufgeklärten Gegenwart weichen mussten? Überwindet hier das „Simulationsprinzip“ das „Realitätsprinzip“, wie Jean Baudrillard etwa zur gleichen Zeit feststellte, als die Skulpturen geschaffen wurden? Oder handelt es sich bei den dargestellten Wohlstandspuppen lediglich um „Patienten mit akuter Suizidgefahr“, wie ein Museumsbesucher spottet?
Gerade weil der Reigen von Hansons Skulpturen so homogen ist, machen sie es dem Betrachter leicht: Die kuratierten Werke, so scheint es, präsentieren sich als immergleiche Variation menschlicher Desillusion, unabänderlich in den starren Körpern eingefroren. 

Crewdsons Kleinstadtgrauen

Gregory Crewdsons (*1962) Fotografien, die zeitgleich in Baden-Baden zu sehen sind, stehen Hansons Skulpturen thematisch nahe, könnten aber ästhetisch unterschiedlicher nicht sein. Crewdson eröffnet in seinen großformatigen, mit cineastischem Aufwand inszenierten Aufnahmen verstörende Einblicke in das amerikanische Kleinstadtleben: Autos warten vor verschneiten Vorstadtampeln, Jugendliche schlendern ziellos den Bahndamm entlang, eine Familie versammelt sich am abendlichen Esstisch.
Was auf den ersten Blick wie eine konventionelle Alltagsszene erscheint, entwickelt sich rasch zum grausamen Verwirrspiel: Die sorgfältig orchestrierten Haltungen und Blickrichtung der Akteure weisen ins Leere, beunruhigende Beleuchtungsakzente sowie ein allgegenwärtiger Nebel lassen den Besucher schnell an seinen ersten Eindrücken zweifeln.

Die 20 Arbeiten aus Crewdsons Werkzyklus „Beneath the Roses“ (2003-2007), die im Museum Burda zu sehen sind, erschließen in bedrückender Dichte das morbide Kleinstadtmilieu Amerikas: Die sorgsam ausgewählten Schauplätze dokumentieren den wirtschaftlichen Niedergang einer Gesellschaft hinter den Kulissen des American Way of Life. Crewdsons Fotographien wirken wie eingefrorene Kinobilder und beschwören Filmemacher wie Hitchcock oder David Lynch. Die Statisten, die Crewdson vorführt, bewegen sich im ungreifbaren Raum ihrer eigenen Biographien, den der Betrachter wandernd durchschreitet. Die Geschichte hinter den Bildern hat gerade erst begonnen. 

Unheimliche Wirklichkeiten: Duane Hanson und Gregory Crewdson
Museum Frieder Burda, Baden-Baden
27. November 2010 - 6. März 2011

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