Thilo Sarrazin hat vor einem Jahr ein Buch geschrieben, dessen Titel ihm zunächst zu reißerisch war. Deutschland schafft sich ab titelte der Verlag, um das dicke und trockene Sachbuch erfolgreich unter die Leute zu bringen. Bis heute haben sich bald 1,4 Millionen Exemplare davon verkauft.
Die einen wollen Sarrazin auf den Schild heben, für die anderen ist er eine Persona non grata, die sie lieber mundtot machen möchten. Sarrazin entzieht sich beiden und bleibt sich selbst treu. Sich und seinem statistischen Zahlenwerk, aus dem er unbequeme Schlüsse zieht und sich damit der Auseinandersetzung stellt. Das macht ihn so populär und zum erfolgreichsten politischen Sachbuchautor seit 1945.
Populäre Autoren mit unpopulären Ansichten
Wir erinnern uns an ein Interview, das 1989 ebenso Empörung hervorrief. Der aus dem Bayerischen Bildungsfernsehen bekannte Physiker Heinz Haber (1913-1990) sprach darin nüchtern künftige Probleme an, die es zu lösen gilt. Haber bezieht sich dabei auf ein Zitat des englischen Autors Aldous Huxley (1894-1963) zum Problem der Überbevölkerung: "Ungelöst wird dieses Problem all unsere anderen Probleme unlösbar machen!"
Wir wollten von Thilo Sarrazin wissen wie er sinkende Geburtenraten in Europa mit dem Problem der steigenden Weltbevölkerung in Bezug bringt.
globe-M: Professor Haber sah die globale Bevölkerungsentwicklung als die zentrale Bedrohung für die Erde an. Sehen Sie nicht eine Diskrepanz zwischen der Forderung nach einer höheren Geburtenrate in Deutschland und der immer rasanter zunehmenden Weltbevölkerung?
Thilo Sarrazin: Nein, Sie können das ja nicht für die Welt insgesamt beantworten, Sie müssen es beantworten für die einzelnen Bereiche. Wir in Europa können unsere 500 Millionen Menschen auf europäischer Erde wunderbar ernähren. Der Haken ist, dass praktisch unsere Schrumpfung letztlich mit ungehemmter Vermehrung der afrikanischen und nahöstlichen Bevölkerung einhergeht, letztlich die Machtübernahme durch andere Ethnien bedeutet.
globe-M: Heinz Haber stellte fest, dass moderne Empfängnisverhütung nicht überall auf der Welt funktioniert hat: "Es gehört eine gewisse Bildung dazu einzusehen, dass man an bestimmten Tagen die Pille nehmen muss, sonst ist alles umsonst. Die Versuche in Indien sind fehlgeschlagen. Hinzu kommen die traditionellen Religionen. Sie sind in ihrer Struktur absolut kinderfreundlich."
Thilo Sarrazin: Ich kann jetzt nicht Professor Haber hinterher kommentieren. Richtig ist, dass Indien wahrscheinlich irgendwo den Übergang zu einem modernen Industriestaat schaffen wird, während das für Afrika nicht absehbar ist. Und Sie müssen immerhin sehen, Afrika ist in der Bevölkerungszahl von 200 Millionen im Jahr 1950 auf jetzt eine Milliarde gestiegen und wird in 40 Jahren zwei Milliarden haben. Das ganze westliche Asien hatte im Jahre 1945 weniger Einwohner als Deutschland das hat heute 300 Millionen. So – und da müssen Sie die sehr unterschiedlichen Dynamiken in unterschiedlichen Teilen der Welt sehen. Und darum kann man das Thema nicht pauschal beantworten. Pauschal wird es sich durch andere Engpässe beantworten – zum Beispiel der Boden auf der Erde, das Klima und anderes.
globe-M: Heinz Haber nannte Seuchen als mögliche Selbstregulierung der Natur um die Überbevölkerung zu reduzieren.
Thilo Sarrazin: Natürlich gibt es auf der Welt Regelkreise, die am Ende auch mit einem Übermaß an menschlicher Bevölkerung fertig werden.
globe-M: Vielen Dank für das Gespräch.
Interview: Roland Opschondek, Foto: oro
Zur Person:
Thilo Sarrazin, (Jg. 1945) ist Volkswirt und Autor.
Er war seit 1975 im öffentlichen Dienst tätig, unter anderem als Finanzsenator von Berlin, in leitender Funktion bei der Deutschen Bahn und bis Ende 2010 als Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank.
Weitere Informationen
Interview mit Prof. Heinz Haber, 1989
Aldous Huxley zur Überbevölkerung: 1958, Brave New World revisited