"Anna Blume und ich“, die aktuelle Kurt-Schwitters-Ausstellung im Hannvoreaner Sprengel-Museum begibt sich auf Spuren suche und entdeckt dabei die ersten zarten Knospen von Schwitters "Merzkunst".
Die Hannoveraner lieben ihren Kurt Schwitters. Warum auch nicht? Neben dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder ist der Dadaist Schwitters der berühmteste Sohn der Stadt. Mitten in der Fußgängerzone liegt sogar ein Gedicht von ihm, eingelassen in Straßensteine.Nach seinen komplexen sprachlichen Operationen besagt es, der Name der Stadt bedeute nichts als: „Vorwärts nach Weit“, und mit einem der ältesten Hannoveraner Stadtwitze überhaupt schließt: „Hunde bitte an die Leine führen“, womit das örtliche Flüsschen gemeint ist. Schwitters und Hannover: Das ist untrennbar verbunden, nicht zuletzt, weil hier die erste Version von Schwitters berühmten Merzbau stand, weil Schwitters sich in Hannover als Gesamtkunstwerk erfand, während der Dadaismus eigentlich ganz woanders passierte.
Schwitters, der nicht Schwitters ist
Das Sprengel-Museum gelegen am – selbstverständlich – Kurt-Schwitters-Platz, lässt daher auch selten eine Gelegenheit aus, irgendetwas von Schwitters zu zeigen: Zur Daueraustellung gehört beispielsweise eine aufwändige Rekonstruktion des im Krieg zerstörten Merzbaus. Für die aktuelle Austellung „Anna Blume und ich“ hat das Kurt-Schwitters-Archiv dem Sprengel-Museum seltene Zeichnungen zur Verfügung gestellt. Das Interessante daran: Sie sehen nicht nach Schwitters aus. Keine verrückten, abstrakten Collagen aus gefundenen Objekten, keine wilden Assemblagen aus Schrott. Es sind hauptsächlich Porträtzeichnungen und Landschaftsbilder: Kurt Schwitters, bevor er seine künsterlische Sprache gefunden hatte.
Der Künstler als junger Mann
Es sind diese Zeichnungen, die zeigen, was Schwitters immer von anderen Dadaisten unterschieden hat: Während der größte Teil der Bewegung sich kosmopolitisch gab und in Wien oder Paris nicht nur die Zerstörung der Kunst feierte, sondern sich standhaft weigerte, ihre Werke überhaupt als Kunst zu bezeichnen, unternahm Schwitters von Hannover aus Reisen in die Natur. Er war der einzige Dadaist, der das, was er tat als Kunst bezeichnete. Schwitters frühe Zeichnungen sind wenig spektakulär – eben technisch sauber ausgeführte Porträts und Landschaften. Das Besondere der Ausstellung ist, dass sie einen Blick auf den Künstler als jungen Mann erlaubt, auf den Schwitters, der sich noch nicht gefunden hatte. Auf die Zeit, als Schwitters noch nicht Dada war, auf seine ersten, zaghaften abstrakten Gemälde. Sie erklärt, warum Schwitters seine Aufgabe nicht – wie die übrigen Dadaisten – in der Zerstörung der althergebrachten Kunst durch Anti-Kunst sah, sondern in dem Aufbau einer neuen Art von Kunst.
Die zarten Knospen des Merz
Denn am Ende gehört doch alles zusammen: Der Merzbau, der fast schon organisch aus sich selbst heraus wächst, diese Räume, die Schwitters aus weggeworfenen Gegenständen zu etwas Neuem gestaltete, wuchsen genau so unkontrolliert und wild wie die Bäume in seinen Landschaften. Schwitters große Inspiration war nie die glitzernde Großstadt, es war die Wucherung von Organischem. Nicht zuletzt deshalb weckt Schwitters Bezeichnung seiner Kunst als „Merzkunst“ auch Assoziationen mit dem ersten Monat des Frühlings, dem Monat der ersten, zaghaften Knospen. Und das ist es, was die Ausstellung „Anna Blume und ich“ ganz beeindruckend zeigt: Die ersten zarten Knospen einer großen Kunst.
Weitere Informationen
Die Ausstellung "Anna Blume und ich. Zeichungen von Kurt Schwitters" ist noch bis zum 4. September im Sprengel-Museum Hannover zu sehen.