Wer braucht hier einen Palmwedel?

von Justinus Pieper

Jawoll! Genau so muß es sein! So stellt man sich eine moderne Opern-Inszenierung vor! Und ich wage hinzuzufügen: So wünscht man sie sich auch!

Durchdekliniert, ohne Wenn und Aber. Kompakt, konzentriert und ohne Schnörkel. Statt Vierhundertfünfundneunzig Vierhundertfünfundneunzigstel zu radebrechen kann man ja auch sagen: 1. In der Inszenierung von Thalheimer tut man das. Und es schadet keinem, erst recht nicht dem Stück. Ohne überflüssigen Krimskrams und ohne Pause wird es in zwei Stunden 15 Minuten durchgezogen (Dramaturgie Katharina Winkler). Bitte, wer braucht hier einen Palmwedel? Das kann man Minimalismus schimpfen, geschenkt. Wo wird die Oper denn gegeben? Unter den Linden – das ist Mitte. Es soll vorkommen, daß auch Mitte-Bewohner Opernfreunde sind. Vertreter aus dem Goldenen Westen taten sich schwer, kamen auch nicht mit zur Premierenparty – Anwurf: „Dann kann man es ja gleich konzertant machen!“ Warum? Das Bühnenbild! Auch das Bühnenbild (Olaf Altmann), das für viele nicht existierte, ein begehbares A? Ein H? Ganz sicher ein Aha-Erlebnis. Die scheinbare Schwarz-Weiß-Inszenierung, in Analogie zur Schwarz-Weiß-Sicht (Wir-Die, Gut-Böse, Freund-Feind, Achse des Bösen, Schurkenstaat). Ja, das Bühnenbild war Mitte-stylish, und man soll (!) es wegen seiner eingeschränkten Räumlichkeit und Puristik eben als einfach ansehen. Genauso einfach, wie die einfach gestrickten Typen, die durch das Libretto jagen: Belmonte: Ich lieb(t)e sie und hol sie einfach Konstanze: Ich lieb(t)e ihn und einfach keinen andern Osmin: Ich bin einfach ein Mann und ein Türke! Pedrillo: Ich bin ein Softie und will einfach nur weg!! Und dann, der Farbtupfer in Rosa-Tüll (Kostüme von Kathrin-Lea Tag), Anna Prohaska als schwarzhaarige Blonde gegen den Strich gebürstet (Entschuldigung!): IchbinichichbineinGirlIamanEnglishwoman,Stronzo! Ganz einfach war es indeß auch bei Ihren Kollegen nicht: Pavol Breslik im weißen Anzug (der weiße Ritter) und dem Flieder-Hemd darunter, der Kontrapunkt, noli me tangere; Osmin in Trainingshose (aber obenrum korrekt mit Hemd), doch nicht unbedingt der Vorzeigetürke, auch wegen des Bluts an den Händen nicht; sein Widersacher Pedrillo, ein junger Mann, der sich noch nicht gefunden hat und mit Florian Hoffmann bestens besetzt ist; Konstanze, in weiß und – ebenfalls mit Blut an den Händen? Ja. Dieses Stück war schon immer bösartig politisch, „ein garstig Stück“: Osmin der Osmane, der tumbe, triebgesteuerte, gefährliche 100%-Antagonist in einem Stück, als man einander im Mittelmeer noch nach Glaubensgrenzen bekämpfte, verjagte und versklavte; „ein politisch Stück“, das in dieser pointierten Inszenierung noch politischer wird: Bassa Selim, der Wanderer zwischen den Welten (ganz in Weiß), mal europäisch, mal orientalisch mit Tunika (zwei in eins), stets mühelos verwandelbar und doch von all den andern vielen Mühen heiser, der einzig Ausgleichende und Ausgeglichene, der einzige hier als Charakter gezeichnete und die einzige (durchgängig verständliche) Sprechrolle. Auch das eine Aussage. Und vielleicht ist es auch diese: „Was man sich durch fortgesetztes Wohltun nicht gewinnen kann, das muß man sich vom Leibe schaffen!“ Doch eigentlich ist das „politisch` Stück“ ja eine Oper.  Unter der souveränen Leitung von Philippe Jordan glänzten: Ein wunderbarer Pavol Breslik (Belmonte) ein fulminanter Maurizio Muraro (Osmin) eine erfrischende Anna Prohaska (Blonde) eine irisierende Christine Schäfer (Konstanze) ein göttlicher Chor (Leitung Eberhard Friedrich), der einem in der Schlußszene die Gänsehaut über den Rücken jagte. Da war der Saal eins mit der Bühne. Da war auf einmal der Zuschauer gefangengenommen (und nur die vier Christenmenschen auf der Bühne waren frei). Das sind die magischen Momente. Hier wurde eingelöst, was Pavol Breslik zu Beginn vorgegeben und Sven Lehmann als Bassa in heisere Worte gefaßt hatte. Und nicht zuletzt deshalb den vielleicht verdientesten Applaus bekam.   Postscriptum oder Wer noch alles da war: Nike Wagner (in Sammet, drachengrün) Achim Freyer (im Gehrock und, wo gibt es das noch, Turnschuhen) Monika Schmidt-Rittershaus (in Blond)  

„Die Entführung aus dem Serail“ von Wolfgang Amadeus Mozart in der Inszenierung an der Staatsoper Unter den Linden (Berlin-Mitte) von Michael Thalheimer, Premiere am 7.6. 2009

     

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