Ende Juni wurde im österreichischen Klagenfurt um den Ingeborg-Bachmann-Preis gelesen, der wohl wichtigsten Auszeichnung des deutschsprachigen Literaturbetriebs. „Wie man den Bachmannpreis gewinnt“, wusste Angela Leinen schon vor zwei Monaten.
Aus dem Prosakästchen
Damals erschien nämlich ihre „Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben“, eine Betriebssatire, die viele Stärken hat – und leider auch einige Schwächen: Das Versprechen, eine literarische Gebrauchsanweisung zu liefern, wird schon in den Vorbemerkungen relativiert: „Dieses Buch“, so die Autorin, „ist kein Creative-Writing-Lehrgang, es ist keine Stilfibel und erklärt nicht die Mechanismen des Literaturbetriebs.“
Stattdessen führt Angela Leinen in Glossen, Betrachtungen und Interviews – der erfreulichste Gastbeitrag zur Figurenpsychologie stammt von Clemens J. Setz – die Attraktionen und Auswüchse des Literaturrummels vor, benennt Kriterien, mit deren Hilfe man gute von verhauenen Texten unterscheiden kann, und plaudert aus dem Prosakästchen von dreißig Jahren Bachmannpreis.
Zweifelhaft gekleidete Personen
Im Mittelpunkt stehen dabei immer die am Wörthersee vorgetragenen Texte, ihre Urheber – die Autorinnen und Autoren – und die Juroren, die über die Preisvergabe befinden, „zweifelhaft gekleidete Personen“, so Kathrin Passig im Vorwort, „die den Rest des Jahres womöglich gar keine richtigen Berufe ausüben, herzlos mit den Autoren umspringen und wirre Argumente garniert mit privaten Geschmacksäußerungen vortragen.“
Auf „Wie man den Bachmannpreis gewinnt“ hatte ich mich gefreut, kannte ich Frau Leinen doch schon als kenntnisreiche Beobachterin verschiedener, man würde wohl sagen: literarischer Events, über die sie in ihrem Weblog „Sopran“ berichtet, und als Miturheberin der satirischen „Automatischen Literaturkritik“ (s.u.), die nach einer vorgefertigten Liste Plus- und Minuspunkte für die Qualität literarischer Texte vergibt.
Advokatin der Leserrechte
Als gelernte Juristin tritt die Autorin vor allem als Advokatin der Leserrechte ein: Verständlich und möglichst unprätentiös sollen Erzählungen verfasst sein, „in erster Linie wollen wir interessante und originelle Geschichten lesen“, heißt es da (als sei jemals langweilige, klischierte Literatur gefordert worden), der Text solle „schon eine Möhrenangel mit Verständlichkeitsködern vor uns auswerfen“, damit „der Leser hoffen kann, die Geschichte zu finden“: So lauten die – nicht unberechtigten – Forderungen gegenüber einer spezifisch deutschsprachigen Literaturtradition, die das Hermetisch-Experimentelle oft schon für das Tiefe ausgibt: Die Menschheit wird nicht erlöst werden, könnte man in Anlehnung an ein Apercu von Gerhard Henschel formulieren, bevor nicht jedes literarische Experiment einmal ausprobiert und durchkonjugiert worden ist.
Kulturanalyse des Wettlesens
Nun sind eingängige Geschichten, das weiß auch Angela Leinen, nicht gerade die Literaturform, die in Klagenfurt gewöhnlich zum Vortrag gebracht wird, und ihr Fehlen zu bemängeln, kann nicht das wichtigste Anliegen sein – wohl aber eine kritische Analyse der für den Wettbewerb ausgewählten Erzählungen, die den Texten gegebenenfalls ästhetische Unstimmigkeiten und nicht nachprüfbare Behauptungen nachweist.
Kulturanalytisch und literaturhistorisch interessant wäre zu erlesen (sic), was an den Bachmanntexten Aufschluss gibt über die Kultur der Gegenwart: die kompetitive Inszenierung einer literarischen Elite beispielsweise, während diese gleichzeitig versucht, in ihren Texten Wirklichkeit komplex wiederzugeben und aufzuschlüsseln. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz sprach schon vor zehn Jahren vom „Literarischen Kultmarketing“: Natürlich geht es am Wörthersee auch um Einschaltquoten, Polemik und Profilneurose – und nicht nur um gut lesbare Geschichten.
Plus- und Minuspunkte
„Wie man den Bachmannpreis gewinnt“ ist eine gelungene Abrechnung mit den Spreizungen und Clownerien des Literaturbetriebs, wären nicht einige Nachlässigkeiten zu beklagen: So eine fragwürdige Unterscheidung der Erzählperspektiven, die den literarischen Autor entweder mit dem Erzähler gleichsetzt oder im anderen Fall zu Pauschalurteilen kommt („Es gibt zwei Kategorien von Rollenprosa: gelungene Rollenprosa und misslungene Rollenprosa.“), inhaltliche Wiederholungen, konzeptionelles Wirrwarr, Trivia übers Vergreisen, eine kritischgemeinte Klischeeliste („Geräte nie auf Standby, Männer können nicht zuhören und Frauen nicht einparken, Arbeit macht frei“), die man – alles Augenzwinkern in Ehren – so nicht drucken sollte (den Schwarzen Peter an dieser Stelle gerne auch ans Lektorat).
Sehr gelungen sind dagegen die Plädoyers für mehr Sachkenntnis und Wirklichkeitsinteresse bei den Literaten, das Abwatschen metaphernschwangerer Eichhörnchen und des leidlich talentfreien Schweizer Autors Philipp Tingler sowie der Hinweis auf Helmut Kraussers „unnatürliche Informativdialoge“ – wer Stephan Waldtscheidts Creative-Writing-Parodie „Schreib den verd... Roman!“ kennt, wird einige der Stolpersteine und Gedankenlosigkeiten wiedererkennen, vor denen hier gewarnt wird.
Plus- und Minuspunkte (2)
Angela Leinens Buch kann sich manchmal nicht entscheiden zwischen kenntnisreicher Betriebssatire und bevormundendem Literaturkreisgeplauder (à la „Gute Geschichten entstehen nur, wenn …“): Gerade die – leider nur auszugsweise abgedruckte – Liste der „Automatischen Literaturkritik“, zu dem das Weblog „Riesenmaschine“ sogar einen eigenen Preis auslobt, zielt mit betörender Insiderkomik auf die Blasig‑ und Bräsigkeiten des Literaturbetriebs:
Pluspunkte gibt es beispielsweise für einen Autor, wenn er „Träger interessanter Preise (Stipendium der Raketenstation Hombroich, Walter-Fick-Preis)“ ist, für das Vorkommen von „Stoffservietten“ im gelesenen Text, die „Beleidigungen anderer Autoren“ oder die „wohlwollende Besprechung von Nahrungsmitteln (2 Punkte bei Fleisch)“.
Minuspunkte bringen dagegen „Hand im Gesicht auf dem Autorenfoto“, „Rolltreppen, Rollbänder, Aufzüge, Großaufnahme gehender Füße im Autorenporträt“ und natürlich für Textklischees: „Jemand tanzt allein, zwei Punkte, wenn vor dem Spiegel“.
Die originelle Liste, die zugleich als Stilfibel für den „Bewerb“ (wie der ORF sein Wettlesen tückisch-anheimelnd nennt) im kommenden Jahr dient, kann auch im Internet nachgelesen werden.
Das Scheitern eines Subgenres
An Angela Leinens Buch wird das Scheitern, zumindest das Problematische eines ganzen Subgenres der Literaturdarstellung sichtbar: der (subjektiven) Bestandsaufnahme und Wertung der Gegenwartsliteratur.
Eine Literaturübersicht der Jetztzeit, die von Schriftstellern oder Literaturkritikern mitunter missbraucht wird, um Essays, Rezensionen und Aufsätze unter einem Buchdeckel zu versammeln, muss sich immer rechtfertigen: Warum wurden diese und jene Autoren ausgewählt? Wie kommt dieses und jenes Urteil zustande?
„Die meisten Literaturhistoriker geben uns eine Literaturgeschichte wie eine wohlgeordnete Menagerie, und immer besonders abgesperrt zeigen sie uns epische Säugedichter, lyrische Luftdichter, dramatische Wasserdichter, prosaische Amphibien, die sowohl Land- wie Seeromane schreiben, humoristische Molluske“, spottete Heinrich Heine schon in den1830er Jahren.
Da noch kein Kanon existiert, müssen diese Bücher ihr eigenes Eichmaß immer erst mit-erschreiben, und stoßen dabei an die Grenzen einer Geisteswissenschaft, die sich am liebsten an toten Autoren, und das heißt: abgeschlossenen und damit klassifizierbaren Werken, abarbeitet.
Der obligate Exkurs
In den Nullerjahren waren solche Sammlungen immer wieder Gegenstand literarisch-feuilletonistischer Debatten: 2002 versprach Heinz Schlaffer nicht weniger als „die kurze Geschichte der deutschen Literatur“ von den Anfängen bis zur Gegenwart, in der er die Nachkriegsliteratur allerdings weitestgehend außer acht ließ. Helmut Böttiger, ehemaliger Feuilletonredakteur der Frankfurter Rundschau, füllte diese Lücke 2004 mit „Nach den Utopien“, einer „Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, die sich bewusst antimodisch und literaturbetriebsfern gab: Böttiger versammelte darin eine Auswahl von Autorenporträts, die mehr vom Literaturverständnis ihres Verfassers zeugen als vom tatsächlichen Stand der deutschen Literatur.
2005 legte Thomas Kraft in seinem erfreulichen Essay „Schwarz auf weiß“ dar, warum die „deutschsprachige Literatur besser [. . .] als ihr Ruf“ sei; Volker Weidermann, Feuilletonchef der FAS, nahm sich 2006 Schlaffers Buch zum Vorbild und holte mit „Lichtjahre“ ebenfalls zu einer „kurzen Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute“ aus, die immerhin bis zu den Literaten der Pop-Fraktion reichte.
Wenig Resonanz dagegen fand Volker Hages „Letzte Tänze, erste Schritte: Deutsche Literatur der Gegenwart“, eine Sammlung von 46 Buchrezensionen, die im „Spiegel“ erschienen waren – obwohl Hage für das gleiche Nachrichtenmagazin das einflussreiche mot juste vom „literarischen Fräuleinwunder“ geprägt hatte.
Angela Leinens Buch steht natürlich nur lose in dieser Reihe akademischen Herrensprechens, das von der Kanzel des Feuilletons herab die Guten von den Schlechten sondert, sondern fordert lieber eine „Literaturkritik für alle!“ aus dem Geist des sozial-egalitären Netzwerks und der digitalen Kultur. Lesenswert ist das allemal – aber wer sich wirklich ein Bild machen will, wie es um die deutsche Gegenwartsliteratur steht, kann auf der gut dokumentierten Website des ORF alle Wettbewerbstexte, Autorenporträts und Diskussionen dieses Jahres nachgucken und ‑lesen.
Literatur
Angela Leinen. Wie man den Bachmannpreis gewinnt: Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben.
208 Seiten. Heyne Verlag. 12,95 €