Wiener Blut auf der Berlinale

Sarah Marecek

Sarah Marecek ist das Talent der Eltern in die Wiege gelegt worden: Die Tochter des Schauspielerpaars Heinz und Christine Marecek absolvierte ihre Ausbildung an dem bekannten Rose Bruford College in London. So wundert es nicht, dass nach verschiedenen Fernsehrollen schnell Sarahs Kinodebut in „Männerherzen und die ganz große Liebe“ folgte und den Startschuss für internationale Kinoproduktionen lieferte.

Dazu gehört David Cronenbergs neuer Film „Eine dunkle Begierde“, in dem die charmante Wienerin 2011 zur internationalen Besetzung gehörte. Auf der diesjährigen Berlinale läuft „Diaz – don’t clean up this blood“, in dem Sarah unter der Regie des renommierten italienischem Regisseur Daniele Vicari eine Ensemblehauptrolle spielt. „Diaz“ berichtet von dem G8-Gipfel 2001 in Genua, wo es zu schweren Kämpfen zwischen der italienischen Polizei und Globalisierungsgegnern kam.

globe-M sprach mit Sarah Marecek. 

globe-M: Was bedeutet die Berlinale für eine Schauspielerin?

Sarah Marecek: Als Schauspielerin bekommt man die Chance, Filme aus Ländern und von Kollegen zu sehen, zu denen man sonst nicht so leicht Zugang hat. Man kann sich von der Arbeit und vor allem von den Themen inspirieren lassen. Außerdem ist es natürlich eine Möglichkeit, um national und möglicherweise international Kontakte zu knüpfen.

globe-M: Dieses Jahr läuft der Film „Diaz - don’t clean up this blood“, in dem du mitspielst, in der Kategorie Panorama – macht das einen Unterschied für dich zu den vorigen Jahren auf der Berlinale?

Sarah Marecek: Ja, erstmals war ich selbst aufgeregt. Zweitens merkt man, was für ein Riesenaufwand und -team hinter einem einzigen Film stehen, und welch riesiges und breitgefächertes Publikum einen Film bei der Berlinale besucht. Der Film wird von der Branche selbst und vom klassischen Kinopublikum gesehen.

globe-M: Hast du den Film vorher gesehen?

Sarah Marecek: Nein.

globe-M: Warst du besonders nervös und wer hat dich zur Premiere begleitet?

Sarah Marecek: Sehr nervös, ich war mit meinem Freund und meinem Agenten auf der Premiere. Da es eben auch ein Publikumsfestival ist, hatten sich überraschenderweise auch 15 Freunde online Karten gekauft. Also hatte ich volle Unterstützung. Außerdem sind einige Teammitglieder mittlerweile sehr gute Freunde von mir.

globe-M: Der Film ist sehr brutal. Manche Zuschauer sind aus dem Kino gegangen. Wie war es für dich, den Film zu sehen?

Sarah Marecek: Ich war selbst geschockt, obwohl ich die Geschichte, das Drehbuch und die Dreharbeiten kannte, brauchte ich ein paar Nächte, um den Film zu verdauen.

globe-M: Wie war es so brutale Szenen zu drehen, beziehungsweise wie hast du dich darauf vorbereitet?

Sarah Marecek: Als ich das Drehbuch das erste Mal las, dachte ich, das hätte der Autor erfunden. Ich hörte auf zu lesen und fing an tagelang zu recherchieren. Danach wusste ich, dass jede Figur und jeder Moment genau recherchiert waren. Dies war eine ganz neue Vorbereitungsarbeit für mich, denn es handelt sich um eine wahre Geschichte und Gewalt war ein großer Teil davon. Ich versuchte die Geschichte genau zu kennen und mir die Situation vorzustellen. In den schwierigen Momenten erinnerte ich mich daran, wie wichtig es ist, diesen Film zu machen und wie dringend die Geschichte jedes Einzelnen erzählt werden muss.

globe-M: Hat dich das im Alltag weiterhin beschäftigt?

Sarah Marecek: Ja, ich träumte von Blut, von Ambulanzen und sehe Polizisten jetzt etwas anders an als davor. Am meisten hat sich mein Bild von einem "sicheren" Europa verändert.

globe-M: Wie gut warst du vor dem Dreh über die Ereignisse des G8-Gipfels informiert?

Sarah Marecek: Ich hatte viel recherchiert und wir trafen Daniele Vicari in Rom, um uns vorzubereiten. Vor den Dreharbeiten wusste ich aber kaum etwas darüber.

globe-M: Der Film ist auf Englisch gedreht worden. Macht das einen Unterschied für dich als deutsche Muttersprachlerin?

Sarah Marecek: Ich habe einige Jahre in England gelebt, also war der Unterschied nicht so groß für mich. Ich finde es aber für den Film sehr wichtig, dass wir mal in unserer Muttersprache und mal auf Englisch sprechen. In einem Ausnahmezustand seine Muttersprache nicht sprechen zu können, muss grauenhaft sein.

globe-M: Der Regisseur Daniele Vicari ist in Italien sehr bekannt — Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Sarah Marecek: Wunderbar! Daniele ist ein großartiger Mensch und der größte Pazifist, den ich kenne. Ein Mensch macht einen Film über menschliche Gewalt, weil es ihm so wichtig ist, dass sich das nie wiederholt. Das ist wunderbar. Außerdem sprachen wir keine gemeinsame Sprache, also wurde mit Händen und Füßen und Übersetzern nur das Wichtigste gesagt . . . vielleicht sollte es an Filmsets immer so sein.

globe-M: Empfindest du eine besondere Verantwortung deiner Rolle oder dem ganzen Film gegenüber, weil es keine fiktive Geschichte ist? Hat das die Stimmung am Set verändert?

Sarah Marecek: Ich denke schon, ich hatte ein persönliches Anliegen. Uns allen war die Geschichte und die daran beteiligten Menschen sehr, sehr wichtig. Wir machten den Film, weil wir ihre Geschichte erzählen wollten. Es gibt viele Gründe Filme zu machen und Figuren spielen zu wollen. In dem Fall ging es eben darum, dieses Ereignis so wahrhaftig wie möglich zu erzählen.

globe-M: Welchen Stellenwert haben aktuelle politischen Filme für dich?

Sarah Marecek: Es kommt darauf an. Ich finde Filme können politisch sein ohne von Tagespolitik zu handeln. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ich finde beides wichtig. Zum Beispiel der Film „csak a szel“, der gerade auf der Berlinale läuft, handelt von der Ermordung der Roma in Ungarn. Es ist ein sehr politischer Film, der überhaupt nicht von Politik handelt.

globe-M: Welche Filme interessieren dich eher, die im Wettbewerb laufen oder die “kleineren“ ?

Sarah Marecek: Ich mische immer und gehe rein, wofür ich eine Karte bekomme. Am liebsten aber in Filme aus Ländern, in denen ich noch nicht war oder von denen ich kaum Filme kenne.

globe-M: Welcher Film hat dir bisher am meisten gefallen?

Sarah Marecek: „my brother the devil.“

globe-M: Welcher Film war deiner Meinung nach ein Flop?

Sarah Marecek: Bis jetzt keiner. Ich finde sie hatten immer eine Berechtigung.

globe-M: Welcher Film war eine Überraschung für dich?

Sarah Marecek: “la vierge, les coptes e moi!“ einfach unglaublich! Über diesen Film habe ich herzhaft gelacht.

globe-M: Auf welchen Film freust du dich am meisten?

Sarah Marecek: „Rebelle“ und auf „Marina Abramovich“.

globe-M: Welcher Film ist dein Favorit für den goldenen Bären?

Sarah Marecek: Weiss ich nicht. Ich vergesse immer, welche meine Lieblingsfilme im Wettbewerb sind und welche nicht. Vielleicht ist das auch gut so.

globe-M: Was war dein schönstes Erlebnis bisher auf der Berlinale?

Sarah Marecek: Meinen Freund nach der Premiere in den Arm zu nehmen.

globe-M: Gab es ein peinliches Erlebnis?

Sarah Marecek: Ich hab eine Casterin nicht erkannt, obwohl ich sie gerne mag. War wahrscheinlich peinlich.

globe-M: Was würdest du an der Berlinale ändern, wenn du was ändern könntest?

Sarah Marecek: Die Filme früher ankündigen, dann kann man besser planen.

globe-M: Was ist dein Wunsch für die Berlinale nächstes Jahr?

Sarah Marecek: Im Sommer bitte!

globe-M: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Paula Birnbaum

Foto: Juliane Guldener

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Sarah Marecek

Diaz - Dont' Clean Up This Blood

 

 

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