In den „Meistersingern von Nürnberg“ inszenierte Richard Wagner 1868 den spannenden Wettstreit verschiedener Dichtungsmodelle: den Wettstreit zwischen konservativem Kunstverständnis und Avantgarde – und den hochaktuellen Versuch ihrer Vermittlung.
Regel prallt auf Genie
In Wagners achter Oper, deren drei Akte in immerhin viereinhalb Stunden Spielzeit über die Bühne gehen, nimmt Wagner – dessen humoristisches Potential nicht zuletzt Eckhard Henscheid aufgedeckt hat – das Kunst-Establishment aufs Korn.
In den „Meistersingern“ darf der Schusterpoet Hans Sachs dem modernistisch gesinnten Ritter Walther von Stolzing im Wettstreit der schönen Liedkünste beistehen: Während Walther für das Neue steht, das überkommene ästhetische Werte über Bord zu werfen gedenkt, tritt der tolerante Hans Sachs für die Bewahrung des Tradierten ein und ermahnt Walther deshalb: „Verachtet mir die Meister nicht.“
Meister wie die, von denen Sachs selbst das Sängerhandwerk gelernt hat und damit prädestiniert ist, die Mittlerposition einzunehmen zwischen einer formalinsauren, ästhetisch rückwärtsgewandten Spießbürgerschaft und dem Kunstrevolutionär, als der Walther von Stolzing sich geriert.
Im striken Rahmen der Tabulatur
Als Wagner seine Oper 1845 bei einem Kuraufenthalt in Marienbad skizzierte (den Sängerwettstreit hatte er bereits kurz zuvor in seinem „Tannhäuser" erprobt), kannte er bereits die strengen Regeln der Meistersinger, die sogenannte „Tabulatur“, die bereits im 14. Jahrhundert schriftlich fixiert worden sein soll. Die Tabulatur sollte die Musik der höfischen Minnesänger an die Bedürfnisse ihrer bürgerlichen Nachfolger, die sich zu Sängerzünften mit eigenem Rangsystem zusammengeschlossen hatten, anpassen.
Künstlerisch produktiver Volksgeist
In Hans Sachs, einem Meister unter Meistersingern, erschien Wagner der letzte Held dieses künstlerisch produktiven Volksgeists. Dabei griff der Leipziger Komponist – im Gegensatz zu seinen anderen Opern – auf einen real existierenden Menschen zurück: Sachs hatte im 16. Jahrhundert in Nürnberg als Schustermeister gewirkt und gilt heute mit über 6.000 bezeugten Werken – davon allein 200 Dramen – als einer der produktivsten Dichter der deutschsprachigen Literaturgeschichte.
Sachs darf in Wagners Oper die Position des poetisch-poetologischen Vermittlers einnehmen, der von beiden Lagern – den Konservativen wie den Avantgardisten – als Autorität anerkannt wird, weil er selbst anerkannter Meistersinger ist, sich aber gleichzeitig die Aufgeschlossenheit für Neues bewahrt hat. Sachs soll sogar vorgeschlagen haben, die Beurteilung der Meisterliedern seiner Zunft mehrmals im Jahr der Zuhörerschaft zu übertragen – ein Verfahren, das an zeitgenössische Poetry-Slam-Veranstaltungen denken lässt.
Wie aber wird der Wettstreit der Poetiken, der normativen und der genialischen, genau inszeniert? Und wie vermittelt Sachs schließlich in einer Weise zwischen Formalismus und Ungebundenheit, die auch für die heutige Kreativitäts- und Schreibtheorie noch aufschlussreich ist?
Kabale und Liebe
Gleich zu Beginn der Oper begegnet der Zuschauer Walther von Stolzing, „ein junger Ritter aus Franken“, der sich in Eva, die Tochter eines Meistersingers, verliebt hat: Die junge Schönheit ist jedoch nur zu bekommen, wenn Walther den Wettbewerb der Meistersinger gewinnt, eine Herausforderung für den jungen Adligen, ist er doch mit den Regeln des Meistersangs nicht vertraut.
Der Lehrbub David unternimmt deshalb mit Walther eine Art Probedurchlauf, die dessen Ahnungslosigkeit vollends zutagebringt. David zählt dem erschrockenen Recken daraufhin die komplizierten und tradierten Dichtarten der Meistersinger auf.
„Hilf Himmel!“, entfährt es Walther, der als Originalgenie bislang auf die Wirksamkeit seiner spontanen Einbildungskraft vertraut hatte, nun aber merkt, dass er damit vor den Meistersingern nicht bestehen kann. Der Lehrjunge kann ihm nur raten, vom Wettbewerb zurückzutreten.
Naturwüchsige Originalgenies
Wagners Oper zitiert also gleichzeitig die Traditionen der Regelpoetik – im Rückgriff auf die Frühzeit des Meistersangs – als auch, in der Gestalt Walther von Stolzings, die der Genieästhetik, die den spontanen Regungen des eigenen Inneren gehorchen. Besonders die Vertreter des Sturm und Drang hatten scheinbar naturwüchsige Originalgenies gefeiert, als deren herausragender Vertreter William Shakespeare galt.
Im 19. Jahrhundert sollte Rimbaud in seinen „Lettres du Voyant“ die Vorstellung vom Dichter als naivisch-inspiriertem Seher weiterentwickeln, des „poeta vates“, der schon auf Platons Dialoge zurückgeht.
"Und war doch kein Fehler drin"
Der genialische Walther verweigert sich bei der folgenden öffentlichen Prüfung denn auch der regelhaften Strenge, und bringt in den Augen der anwesenden Meistersinger nur Abweichungen vom Regelwerk, lauter wirres Zeug also, hervor.
Nun ist es an Hans Sachs, der als Einziger die Qualitäten und Intentionen Walthers erkennt und sich den Vorurteilen seiner Kollegen stellt. Im Flieder-Monolog des zweiten Akts sinnt Sachs über den regelverletzenden Auftritt Walthers nach: Warum lässt ihn dieser neue Gesang nicht mehr los? „Und war doch kein Fehler drin. – Es klang so alt und war doch so neu!“, stellt der alte Meister verblüfft fest.
Geburt der immanenten Text-Reflexion
Im dritten Akt folgt eine Art Unterrichtsstunde, in der Hans Sachs, der nun selbst Regel und Genie kaum mehr auseinanderhalten kann, zusammen mit Walther versucht, dieses Dritte begrifflich fassbar zu machen.
„Wie fang ich nach der Regel an?“, will der endlich lernwillige Schüler Walther wissen, worauf Sachs in einer plötzlichen Eingebung antwortet: „Ihr stellt sie selbst und folgt ihr dann.“
Die prägnante Antwort formuliert die neue Erkenntnis, die Sachs durch Walther gewonnen hat: Diese neue, dritte Poetik muss darin bestehen, keine Schreibregeln vorzuschreiben, sondern den Schüler darauf zu verpflichten, die Form seines Dichtens selbst zu erkennen, um den Winken dieser verborgenen Form dann folgen zu können. Heute würde man das wohl „immanente Text-Reflexion“ im Geiste des Kreativen Schreiben nennen.
Richard Wagner zeigt sich in seinen „Meistersingern“ durch Hans Sachs als Vertreter einer erstaunlich modernen, handwerklichen Auffassung von Kunstwerken, nach der es keine richtigen oder falschen Herangehensweisen an die künstlerische Produktion gibt: Jedes – vor allem literarische – Werk wird nach den Regeln beurteilt, die es sich selbst gibt, und danach, wie geschickt es diese Regeln einhält, variiert, parodiert oder dagegen verstößt.
Das kann sich auf formale wie auf inhaltlich Aspekte beziehen: Ziel bleibt jedoch immer die gestalterische Geschlossenheit des jeweiligen Werkentwurfs.
Standards der Textkritik
Wagner blieb nicht ohne Wirkung auf die Nachwelt. Heute kann das Inszenierungsmodell der künstlerischen Produktion, das in den „Meistersinger von Nürnberg“ formuliert wird, als Standard in Kunsthochschulen und Poetikvorlesungen gelten: Der Dichter Robert Gernhardt beurteilte in seinen nachgelassenen Gedichtkritiken die von ihm besprochenen Werke ebenso an ihrer eigenen Stimmigkeit, wie es heute in Textwerkstätten an den sogenannten Schreibschulen (in Leipzig und Biel) oder in der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises üblich ist.